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Mit 6.310m ist der Chimborazo
der höchste Berg des Landes, einziger 6.000er in den ekuadorianischen
Anden. Aufgrund der Erdkugelausbeulung im Äquatorbereich galt
er irrtümlich lange als das “Dach der Welt”. Sein
höchster Gipfel ist weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als
der des 8.848m hohen Mount Everest. Aus präkolumbischen Sprachen
übersetzt hat das zusammengesetzte Wort Chimborazo gleich mehrere
Bedeutungen: “Frau aus Eis”, “Kalter Göttersitz”
o. “Heiliger Wind des Mondes”. Sowohl die Inkas wie
auch vorher schon die Puruháes, unterhielten zu Füßen
des gewaltigen Eis-Klotzes kleine Tempelanlagen, wo dem Vulkan zu
Ehren Lamas und Jungfrauen geopfert wurden. Die letzte Eruption
des Chimborazo fand allerdings schon viel früher, vor etwa
5 Millionen Jahren statt.
Die erste Gipfelbezwingung wurde von Alexander von Humboldt im Jahre
1802 versucht. Selbst wenn der wagemutige Berliner nach eigenen
Aussagen “nur” auf eine Höhe von knapp 5.900m gelangte,
konnte er sich wahrhaftig ein Leben lang damit rühmen. Er sollte
bis zu seinem Tode im Jahre 1859, der einzige Mensch auf der Welt
bleiben, der diese Höhe erreicht hatte. Als er fast 90-jährig
für ein letztes Bildnis posierte, bestand er darauf, den schneebedeckten
Chimborazo in den Hintergrund gemalt zu bekommen.
Erst 84 Jahre später sollte dem Engländer Edward Whymper,
in Begleitung seiner italienischen Führern Juan Antonio u.
Luis Carrel, die Erstbesteigung gelingen. Wenige Monate darauf standen
die beiden Brüder bereits schon wieder auf dem Gipfel, und
beobachteten atemlos einen fürchterlichen Ausbruch des Cotopaxi.
Im Juli 1939 konnte von der deutsch-italienisch geleiteten Expedition
Kühn / Ghilione, anhand von präzisen Meßinstrumenten,
erstmals die genaue Höhe des Andenkolosses bestimmt werden.
Seitdem ist der “Chimbo” von unzähligen Bergsteigern
und Touristen aus aller Welt bezwungen worden. Zwei refugios auf
jew. 4.800 u. 5.000 Höhenmetern, verkürzen die eigentliche
Gipfelbesteigung heute auf etwa 12 Stunden (8 rauf 4 runter).
Wobei
fast alle Seilschaften kurz nach Mitternacht mit dem Aufstieg über
die vielbenutzte Whymper-Route beginnen. Durch das schmale Tal über
der zweiten Schutzhütte geht es zunächst bis auf eine
Gletscherzunge. Danach folgt ein ewig langer Anstieg bis zum grossen
Thielmann-Gletscher. Einmal auf dem Hauptgletscher, führt die
Route scharf nach links auf den steilen Schneesattel hoch, und erreicht
im Anschluss daran den 6.270m hohen Veintimilla-Gipfel, den zweithöchsten
des Chimborazo. Viele atemlose Bergsteiger werden bereits hier kehrtmachen
wollen. Einen halben Kilometer weiter in östlicher Richtung,
ist bereits der 6.310m Whymper-Gipfel zu sehen. Herzlichen Glückwunsch,
wer dort den Fuss draufgestellt!
Ohne einen (o. zwei) verantwortungsbewusste Bergführer, etwas
Gletscherfahrung, sowie einer sicheren, gutsitzenden Ausrüstung
(Steigeisen u. Pickel, event. auch Skistöcke u. Eishammer),
sollte man jedoch nicht viel weiter als bis zur oberen Whymper-Schutzhütte
gehen. Lawinen, Gletscherspalten, Wetterumstürze und extremer
Sauerstoffmangel haben schon so manch leichtsinnigen Hobby-Andinisten
im ewigen Eis begraben. Im steinigen Tal der unteren Hermanos Carrel
- Hütte, wurden in Erinnerung an die Verstorbenen u. Verschollenen
des Berges kleine Tafeln aufgestellt. Die Carrel- u. die Whymper-Hütte
liegen etwa 900m auseinander. Beide refugios verfügen über
Elektrizität, Trinkwasser, Toiletten, Gasküche, Kamin,
einfache Bettgestelle, und permanente Beaufsichtigung. Für
Übernachtung und Hüttenbenutzung wird eine Gebühr
von etwa 10 USD enthoben.
Die erfolgsversprechendsten Jahreszeiten für eine Besteigung
sind die klaren, jedoch windstarken Monate von Mitte Juni bis Ende
August, bzw. Anfang Dezember bis Anfang Februar (mitunter die beste
Zeit). Von März bis Mai hingegen schneit es oftmals sehr stark,
während sich der Berg gewöhnlich in ein dichtes Wolkenmeer
einhüllt.
Aufgrund der rasch voranschreitenden Gletscherschmelze im ekuadorianischen
Hochgebirge, vor allem durch eine immer dünner werdende Ozonschicht
verursacht, hat die Aufstiegsroute auf den Chimborazo in den letzten
Jahren zahlreiche Veränderungen erfahren. Darum ist es bei
jeder organisierten Tour von Nutzen, auch den Hüttenwart nach
den augenblicklichen Schneeverhältnissen zu konsultieren!
Anfahrt:
Von Riobamba geht es zunächst über die “Panamericana
Sur” in Richtung Nordwesten, bis zu einer grossen Zementfabrik
hinter dem Dorf Licán. Direkt bei der Cemento Chimborazo
(km 11), geht rechts von der “Pana” eine asphaltierte
Abzweigung in Richtung Guaranda weg. Dieser Strasse folgend, kommt
nach wenigen Kilometern das langezogene Dorf San Juan mit seiner
modern-hässlichen Kirche. Nach Durchfahren des Dorfes gabelt
sich dann die Strasse bei der Hacienda El Chaupi. Der linke asphaltierte
Zweig führt ins 56 km entfernte Guaranda, der rechte nicht-asphaltierte
Zweig zu den beiden Chimborazo-Schutzhütten. Es folgen die
kleinen “Indio-Weiler” Shobol u. Guabug.
Flache Hütten aus Lehm u. Kuhscheisse, typische Strohdächer,
sowie auffallend weisse Latrinenhäuschen, welche die Regierung
den notleidenden Bergbewohnern nach einer Cholera-Epidemie schenkte.
Nach insgesamt 32 km erreicht die sandige Strasse das grüne
Tal von Totorillas, dem einstigen “Landeplatz der Kondore”.
Rechterhand befinden sich jetzt ein paar rotbraune strohbedeckte
Schutzhütten des berühmten Bergsteigers Marco Cruz.
Nach weiteren 7 km kommt eine erneute Gabelung. Der linke Zweig
führt quer über das arenal (“Sandfläche”)
in Richtung Westen, um so nach wenigen Kilometern auf die Passhöhe
der asphaltierten Strasse Guaranda-Ambato zu treffen, welche “hinter”
dem Chimborazo verläuft. Der rechte Zweig hingegen, führt
nach acht staubigen Zick-Zack Kilometern zur untersten Schutzhütte
auf 4.800m. Ausser dem einen o. anderen “Treibsandloch”,
dürfte der weiche Untergrund selbst PKWs keine grösseren
Schwierigkeiten bereiten. Ein Vierradantrieb ist jedoch allemal
vorzuziehen!
Kleine
Horden von grasenden vicuñas, einer Art südamerikanischem
“Ur-Kamel”, können in der fremdartigen, von bizarren
Moosgeflechten und Chuquirahua-Blumen überzogenen Geröllwüstenlandschaft,
beobachtet werden. Es geht ein extrem scharfer Wind, und das Atmen
macht sich bei jedem Schritt bemerkbar. Zu Füssen des Betrachters
liegt jetzt das weitläufige arenal. Ab und zu erscheint die
Staubfahne eines sich nähernden Fahrzeugs. In weiter Ferne
grüne Weiden, bunte Flickenteppiche, endlose Hänge und
Höhenzüge, sowie die meist in Wolken gehüllte ekuadorianische
Küstenebene.
Die 58.000 ha grosse Reserva Faunística del Chimborazo,
liegt im erosionsanfälligen Grenzbereich der Andenprovinzen
Chimborazo, Tungurahua und Bolívar. Bei Höhenlagen von
über 3.800m hat das unwirtliche páramo-Naturschutzgebiet
mit durchschnittlichen Jahrestemperaturen von 0 bis 10 Grad aufzuwarten.
Zu den Attraktionen dieser in Ecuador einzigartigen Pampagrass-
u. Bergwaldzone (teils vergleichbar mit der Region um Puna in Perú),
gehören die vielen umherziehenden lamas, ein paar wenige alpacas,
und insgesamt über 400, aus Chile, Perú u. Bolivien
eingeführte vicuñas. Letztere camélidos sind
wie die Alpacas und Guanacos Artverwandte der südamerikanischen
Lamas. Da Vicuñas auf ekuadorianischem Territorium bereits
vor dem Eintreffen der Spanier als ausgestorben galten, lassen die
von der schweizerischen Regierung mitfinanzierten Zuchterfolge in
der Gegend um Mechahuasca und Sinche, helle Freude aufkommen. Wettertaugliche
Chimborazo-Ausflügler
haben somit die Möglichkeit, den scheuen “Andenkamelen”
beim Grasen nachzuspüren, wie in längst vergangenen Zeiten!
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