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David gegen Goliath - Indianische Beziehungen zu den Erdölmultis
Von Heiko Feser, Etnologe
Der Wald verschwindet, die Flüsse und Seen werden zu giftigen
Kloaken aus Bohrschlamm, Formationsgewässer, Salzen, Säuren
und Laugen. Die Luft schmeckt nach Russ. Gewaltige, in den Himmel
aufsteigende Rauchsäulen aus verbrannten Ölen und Gasen,
schwärzen das Sonnenlicht. Die Tiere verenden und die Menschen
leiden an chronischen Hautauschlägen, Atembeschwerden, Darmverstimmungen,
Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Abgeschlagenheit.
Die Krebsrate steigt.
Kein Szenarium am Vortag des jüngsten Gerichtes, sondern traurige
Realität in Teilbereichen des ekuadorianischen Oriente!
Wer erinnert sich noch an das grosse Tankerunglück der Exxon
Valdéz vor der Küste Alaskas? Nichts weiter als ein
kleiner Betriebsunfall, “peanuts” im Vergleich zu den
lange totgeschwiegenen Verbrechen an Mensch und Umwelt im Hinterhof
Ekuadors.
Hunderte von Bohrtürmen ragen aus dem Grün hervor. Die
völlig unbehandelten, hochtoxischen Substanzen aus den Produktionsgruben,
gelangen ins Grundwasser oder direkt in die weitverzweigten Flussläufe.
Selbst die schnurgeraden Strassen sind mit klebrigen Rückständen
aus der Ölförderung gepflastert, weil dies gegenüber
dem Zurückpumpen in die Bohrlöcher Kosten spart. Flammende
Infernos, so geschehen auf der Vía Auca im Jahre 1993, werden
derweil vom texanischen Löschexperten Red Adair unter Kontrolle
gebracht., der seine Kunst bereits nach dem Golfkrieg in Kuwait
unter Beweis stellen konnte. Allein für die seismischen Untersuchungen
wird durchschnittlich alle 1.000m ein Hubschrauberlandeplatz von
der Grösse eines halben Hektars angelegt. Entlang der Schneisen,
die diese Lichtungen verbinden, werden alle 100m 10 Pfund Dynamit
in 20m Tiefe zur Detonation gebracht. Der durch Hubschrauber, Motorsägen
und Explosionen verursachte Lärm ist im wahrsten Sinne des
Wortes ohrenbetäubend. Fast unnötig zu erwähnen,
dass den Indianern in diesen Gebieten kein Jagdglück mehr beschieden
ist.
Die Konstitution der Republik garantiert jeder Person das Recht
in einer seuchenfreien Umwelt zu leben. Es scheint so, als ob zumindest
die Indianer davon ausgeschlossen wären. Schliesslich tragen
sie keinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Doch das schwarze Gold
unter ihren Füssen ist das wirtschaftliche Rückrat des
Landes. Die Regierung verteilt zwar grosszügig Landtitel an
die Indianer, aber alles unter der Erdoberfläche bleibt im
Besitz des Staates, und ist somit auch der Willkür multinationaler
Konzerne ausgesetzt. Etwa ein Dutzend Erdölgesellschaften bestimmen
in der Praxis die Spielregeln. Für sie gibt es weder Kontrollinstanzen,
noch ein Ministerium oder andersweitige juristische Autoritäten,
die das skrupellose Treiben reglementieren könnten. Selbst
das Cuyabeno-Naturreservat oder der Yasuní-Nationalpark,
von der UNESCO aufgrund seiner Biodiversität als “Weltreserve”
deklariert, ist vor dem Eindringen der pechschwarzen Multis nicht
sicher. Alan Hatley, Berater der US-Ölkonzerne, brachte dies
einmal auf einen ganz einfachen Nenner: “Mit wenigsten Mitteln
so schnell es geht fündig werden um mit soviel Profit wie möglich
operieren zu können!” Eine gewisse Parallele mit dem
Gedankengut der spanischen Konquistadoren ist nicht von der Hand
zu weiden.
Seit geraumer Zeit liegen die Indianer den Konzernen jedoch schwerer
im Magen als dies z. B. noch in den 60er Jahren der Fall war. Mit
der Gründung von indianischen Interessensverbänden wuchs
das Solidaritätsbewusstsein sowohl unter den verschiedenen
Gruppen eines Stammes als auch unter den Stämmen selbst. Heute
gibt es ein Netz von amazonischen Indianerorganisationen, dass gemeinsame
Projekte in die Wege leitet und gerichtliche Klagen formuliert.
So haben sich die Stammesvertretungen der Quichua, Shuar, Achuar,
Siona, Secoya, Cofán u. Huaorani unter der CONFENIAE (Konföderation
der indigenen Nationalitäten des amazonischen Ekuadors) zusammengeschlossen.
Diese wiederum ist Mitglied der CONIAE, der Konföderation aller
indigenen Nationalitäten Ekuadors, welche auch die Hochland-
u. Küstenindianer vereinigt, sowie der COICA, der Koordination
der indigenen Organisationen Amazoniens, welche alle amazonisch-indianischen
Landesvertretungen Südamerikas zusammenfasst.
Mag der Einfluss dieser Organisationskette auch an den Wirtschaftsinteressen
vieler Staaten haltmachen, so ist man doch immerhin schrittweise
vorangekommen, zumindest was illegale Kolonisierung und indianische
Selbstbestimmung angeht. Die Kolonisation stellt für die Indianer
das ungewollte Stiefkind der Erdölförderung dar. Mit der
Erschliessung Amazoniens, dem Bau von Pipelines und Strassen, stösst
auch eine verarmte Schicht von Anden- u. Küstenbewohner ins
Indianerland vor. Die Folgen sind oftmals blutige Auseinandersetzungen.
Die Erdölgesellschaften versuchen natürlich die einzelnen
Stammesvertretungen für sich zu gewinnen. Leider haben sie
oftmals auch Erfolg damit. Dies trifft insbesonders auf junge Repräsentanten
zu, die der Tradition weniger verhaftet sind und leichter der Attraktivität
zivilisatorischer Konsumgüter erliegen. Die Multis verstehen
es geschickt diese neuen unerfahrenen indianischen Politiker zu
manipulieren. Unmengen von Dosennahrung, Reis und Geschenke werden
für ihre “Freundschaft” offeriert. Die ideologische
Spaltung der Indianer ist hierbei die unerklärte Absicht der
Multis.
Andererseits sehen sich die Indianer im Zuge der marktwirtschaftlichen
Eingliederung auch dazu veranlasst Geld für Werkzeuge, Kleidung,
Schuluniformen, Aussenbordmotore und Nahrung zu beschaffen. Der
grösste Arbeitgeber der Region ist nun mal das Öl. Die
Indianer verdingen sich als Handlanger oder Führer, und machen
alle Arbeiten bei der ein Nicht-Indianer zusammenbrechen würde.
Alkohol und Prostitution bestimmen das soziale Umfeld.
Aufgrund des fortwährenden Drucks seitens indianischer u. nicht-indianischer
Organisationen, sowie nicht zuletzt durch eine sensibilisierte öffentliche
Meinung, sind die Erdölkonzerne inzwischen auf ein besseres
Image bedacht. Man begann mit den Indianern schon des publicityträchtigen
Medienrummels wegen über die Bedingungen der Ölförderung
zu verhandeln.
Verträge wurden geschlossen, so z. B. 1993 zwischen dem US-Multi
MAXUS und den Huaorani. Die Unterschrift des Ehrenzeugen trägt
keinen geringeren Namen als den des Ex-Präsidenten Sixto Durän
Ballén. Den Indianern wurde dabei der Aufbau eines Bildungs-
u. Gesundheitswesens, sowie Hilfe bei der kommunalen Siedlungsentwicklung
versprochen.
Ausserdem sollte nur mit neuester Technologie gefördert werden,
Aufforstungs- u. Forschungsprogramme sollten realisiert werden.
Die Ergebnisse nach fünfjähriger Vertragsdauer (von insgesamt
20 Jahren) müssen jedoch als ausgesprochen dürftig bezeichnet
werden: Dazu gehören ein paar Schulen, von denen die Hälfte
praktisch am Einstürzen sind, oder ein paar dritte Zähne,
die manchmal so schlecht sitzen, dass sie von den Huaorani wieder
herausgenommen und nachgefeilt werden. Anfängliche Krankenhauszahlungen
wurden weitgehenst wieder eingestellt. Die Liste von Verheissungen
ging wie das flammende Öl aus den geplatzten Pipelines in Rauch
auf. Lediglich die Notfallmedizin wird in Zusammenarbeit mit evangelischen
Missionaren weitergeführt. Ebenso werden die kostspieligen
Kongresse der Stammesvertreter nachwievor von MAXUS gesponsort.
Die CONFENIAE schätzt die gehaltenen Vereinbarungen auf etwa
30 %. Im Endeffekt bezahlt die humanitäre Hilfe der ekuadorianische
Steuerzahler, und nicht MAXUS, selbst wenn der Multi dies einem
glauben machen wollte. Bezeichnend auch der kurze Wortwechsel nach
der feierlichen Vertragsunterzeichnung, zwischen der Präsidententochter
Alícia Durán und einem Maxus-Vertreter: “Glaubst
du das war ein fairer Handel?” - “So haben wir doch
damals auch Manhattan bekommen, mit Glasperlen von den Indianern
abgekauft!” Aufgrund dieser und anderer negativer Schlagzeilen
hält sich der Konzern heute lieber von den Medien fern. Das
Schweigen klingt nach Reue. Sich überhaupt mit den Huaorani
eingelassen zu haben! Schliesslich gab es kein ekuadorianisches
Gesetz, dass dazu verpflichtet hätte.
Die Huaorani sind sich ihrer Fehleinschätzung hinsichtlich
des multinationalen Ehrenkodex bewusst geworden. Die Wut darüber
entlud sich im April 1995, als die enttäuschten Stammesmitglieder
die neu gebaute “Maxus-Strasse” in ihrem Territorium
besetzten. Schützenhilfe bekam lediglich der Konzern. Militärische
Einheiten setzten dem Aufruhr schliesslich ein Ende. Obwohl zwischen
Militärs und Amazonasindianern ein durchaus freundschaftliches
Verhältnis besteht, überwiegen in solchen Fällen
wirtschaftliche Interessen. Damit sind keinesfalls nur die Interessen
der Multis gemeint, sondern auch die der Militärs selbst, da
ihnen ein grosses Stück Kuchen der Erdölprofite zugute
kommt.
Andererseits sehen sich die Militärs nicht für den Schutz
der Indianerterritorien verantwortlich, nur für das ekuadorianische
Staatsgebiet als Ganzes. Die eingeschränkte selbstständige
Rechtssprechung der Indianergebiete ist nicht mit der Souveränität
des Staates vergleichbar.
Mit einem Staat im Staate werden sich die Militärs sowieso
nie einverstanden erklären. Die Achuara nahmen im Februar 1997
drei Erdölarbeiter gefangen, die sich in ihrem Territorium
“umschauten”. Die Reaktion der Regierung, der betroffenen
Erdölgesellschaft und der Militärs, waren schnelle Verhandlungen,
welche glücklicherweise zu einer gütigen Einigung führten.
Beide Seiten versuchten kriegerische Konflikte zu vermeiden. Bei
einer möglichen Verhärtung der Fronten wussten die Achuara
natürlich von der Rolle, die den Militärs zugekommen wäre.
Die Forderungen vieler, auf Seite der Huaorani “kämpfender”
Institutionen und Organisationen, werden von der Regierung oftmals
mit einem vom Ausland geschürten Separatismus gleichgesetzt.
Leider vergessen diese humanitären oder ökologisch ausgerichteten
Organisationen häufig auch Alternativen anzubieten, welche
die Huaorani von den Erdölkonzernenen finanziell unabhängig
machen würden. Nur dagegen sein reicht hierbei nicht aus. Man
könnte glauben, wir befinden uns im Jahre 1998 und das gesamte
Huaorani-Territorium sei von den Multis besetzt.
Das gesamte Huaorani-Territorium? Nein! Eine von unbeugsamen Huaorani
bevölkerte Zone hört nicht auf dem Eindringling Widerstand
zu leisten (und das Leben für ist nicht leicht für die
ausländischen Konzessionäre). Gemeint ist die im Süden
ansässige Huaorani-Untergruppe der Tagaeri, welche seit jeher
dem Eindringling mit ihren Lanzen das Fürchten lehrt. Wie lange
werden sie den mächtigen Interessen des Staates, der Erdölindustrie,
der Missionare, der Touristenbranche, den sensationshungrigen Reportern
und Kontaktbestrebungen anderer Huaorani noch widerstehen können.
Nicht zuletzt sind die Tagaeri auch ein Grund dafür, warum
den Huaorani in letzter Zeit soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Das Tauziehen geht weiter. Nicht alle Indianerstämme hatten
noch soviel Glück wie die Huaorani, welche ein zusammenhängendes
Territorium zugesprochen bekamen und wenigstens auf eine Weise finanziell
von der Erölgewinnung in ihrem Territorium profitieren. Ungefähr
zeitgleich mit der Vertragsunterzeichnung klagten die Quichuas,
Siona-Secoya und Cofanes gegen Texaco vor dem Bundesbezirksgericht
in New York. Dabei geht es um die finanzielle Wiedergutmachung von
20 Jahren skrupelloser Erdölförderung in ihren Territorien.
Ein Erfolg ist ihnen jedoch bis heute nicht beschienen.
Diskussionen um die Rechtmässigkeit der Klage und deren Repräsentanten,
um die Zuständigkeit nordamerikanischer Gerichte gepaart mit
dem Wechsel von Richter und Instanzen, die Frage nach den eigentlich
Schuldigen, der fehlenden Rückendeckung seitens der ekuad.
Regierung, sowie internationale Vereinbarungen und Rechte über
die Art und Höhe der Wiedergutmachung, lassen den Millionenpoker
zu keinem Ende kommen. Texaco erklärte sich jedoch 1994 bereit,
eventuell entstandene Umweltschäden zu beseitigen. Doch scheint
es sich diesbezüglich nur um Rhetorik zu handeln.
Der Geschäftsführer von Petroamazonas, einer Filiale der
ekuadorianischen Erdölgesellschaft, erklärte 1992, dass
Texaco mit dem Land und das Land mit Texaco Wort gehalten hat. Nach
Meinung der Oriente-Anwohner hat Texaco jedoch sein Wort gebrochen.
Im November 1996 erschienen verschiedene Artikel in ekuad. Tageszeitungen.
Aus einem bereits vor 20 Jahren versiegelten Bohrloch ergossen sich
grosse Mengen Rohöl in den Río Curaray im südlichen
Huaorani-Territorium. Abgesehen davon, dass sich der Unfall schon
im September ereignete, verhallte auch die Klage einer Huaorani-Quichua
Interessensgemeinschaft vor dem Energieministerium und dem Nationalkongress
in einem Labyrinth aus bürokratischen Instanzen. Eine Entschädigung
soll gezahlt worden sein. Doch um das ausgelaufene Öl, den
darin verendeten Tieren und der Bevölkerung weiter flussabwärts,
kümmerte sich niemand. “Peanuts” eben!
Zusammenfassend lässt sich die Erdölförderung im
Huaorani-Territorium auf eine mathematische Gleichung reduzieren:
Alles Öl unter ihren Füssen reicht gerademal für
13 Tage Autoverkehr in den USA.
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