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Volker Feser

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Evolution

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Als der tiefreligiöse “Viktorianer” Charles Darwin die Galápagos-Inseln im Oktober 1835 wieder verließ, schien er von dessen unglaublicher Artenvielfalt nachhaltig beeindruckt. Doch von seiner Überzeugung, daß Galápagos wie viele andere Regionen der Erde ein gottgegebenes “Schöpfungszentrum” darstellt, konnte ihn dies zunächst nicht abbringen.

Auf den wirren Beschriftungen zu seiner mumifizierten Vogelkollektion vermerkte er nicht einmal die verschiedenen Inselnamen. Es schien für ihn überhaupt keine Rolle zu spielen. Auch die Tatsache, daß die Riesenschildkröten auf jeder Insel einen jeweils andersgeformten Rückenpanzer aufzuweisen hatten, hielt Darwin für ein flüchtiges Detail.

Ironischerweise mißdeutete er ebenso die Galápagos-Finken, deren Schnäbel im späteren Verlauf den Hauptschlüssel zur Evolutionstheorie lieferten. Die putzigen Vögelchen brachten es unter seinem Namen (“Darwinfinken”) sogar zu weltweitem Ruhm. Der altbackene Naturwissenschaftsstudent glaubte jedoch ernsthaft, daß es sich hierbei um Goldamseln und Zaunkönige handelte.

Erst viele Jahre nach seinem fünfwöchigen Galápagos-Aufenthalt wurde es dem passionierten Ornithologen bewußt, daß jede der Inseln von einer spezifischen Tier- u. Pflanzenwelt bevölkert wird, die ihrerseits widerum miteinander verwandt schien. Das Wort “Evolution” wurde jedoch von Darwin nie gebraucht. Denn “Evolution” bedeutete im viktorianischen England “Fortschritt”, und fortschrittlich waren nur die Menschen, vor allem “englische Menschen”! Er bevorzugte daher den Ausdruck “Abstammung mit Abwandlungen”. Daß diese Abwandlungen im Zuge der Zeit zu einer ständig verbesserten, geradezu avangardistischen Tier- u. Pflanzenart führen, wurde von ihm schlichtweg abgestritten. Darwin sah in diesen Abwandlungen lediglich eine Laune der Natur, aber keinesfalls eine richtungsweisende, auf Eigendynamik beruhende Spezialisierung von Pflanzen und Tieren. Trotzdem ließ ihn der Gedanke, daß vielleicht mehr hinter dem ganzen Artenreichtum stecken könnte, nicht mehr zur Ruhe kommen.

Eine Tierart, die einst durch Abwanderung, bzw. geographische Aufspaltung voneinander getrennt wurde, passt sich den jeweils vorherrschenden Umweltbedingungen mittels natürlicher Auslese an. Dabei werden nur die stärksten Artgenossen den Anforderungen einer neuen Heimat gerecht. Kämen die Individuen dieser einst voneinander isolierten Tierart nach langer Zeit wieder zusammen, würden sie sich nicht mehr kreuzen. Sie haben sich inzwischen vielmehr zu neuen eigenständigen Tierarten entwickelt.

Durch die isolierte Lage der Inseln (jedoch nicht isoliert genug für die einstigen Tier-Immigranten), und ihre gleichzeitige Nähe untereinander (jedoch nicht nahe genug um eine dauerhafte Umherwanderung der Tiere zu begünstigen), besitzt das Galápagos-Archipel die idealen Voraussetzungen für ein vollkommenes Evolutions-Laboratorium. Leguane auf weggeschwemmten Baumstämmen, durch eine starke Meeresströmung abgetriebene Seelöwen, während eines Sturms vom Kurs abgekommene Vögel, sowie Pflanzensamen im Gefieder dieser Vögel, gelangten vor Millionen von Jahren vom mittel- und südamerikanischen Festlandsockel auf das vulkanische Inselreich. Sie stellten die ersten Bewohner des ursprünglich völlig unbewohnten Archipels dar. Tierarten, die nur ein einziges Mal vom Festland herüberkamen, ließen sich anfangs auch nur auf einer der Inseln nieder. Nachdem diese Immigrantengruppen sich zahlreich zu vermehren begannen, setzten einige ihrer Artgenossen zu anderen Inseln des Archipels über. Blieben diese “neuen” Immigrantengruppen widerum lange Zeit genug isoliert, begannen sie sich allmählich von ihren Artgenossen auf der vorhergehenden Insel zu unterscheiden. Auf diese Weise haben sich Riesenschildkröten, Echsen, Spottdrosseln und Kakteen, auf jeder von ihnen kolonisierten Insel in eine neue Art oder Rasse verwandelt. Manchmal kehrten diese neuen Immigranten aus irgendeinem Grunde nach langer Zeit wieder auf ihre alte angestammte Insel zurück. In diesem Fall gab es nun zwei verschiedene Arten auf dieser Insel, jede mit ihrer besonderen Anpassungsfähigkeit an die bisherige gewohnte Umgebung. Aus diesem Grund gibt es auf Galápagos einen größeren spezifischen Artenreichtum als auf dem südamerikanischen Festland. Allein von den Darwinfinken, die bei der Ausarbeitung der Evolutionstheorie eine entscheidende Rolle gespielt haben, gibt es dreizehn Arten, die sich alle durch die Form ihres Schnabels unterscheiden.



Sie gebrauchen diesen als Spezialwerkzeug um Insekten zu fangen, Samen zu knacken, oder das Blut vom Schwanz eines Blaufußtölpels zu saugen. Eine Art hat sogar gelernt einen Kaktusstachel im Schnabel zu halten um somit die Insektenlarven aus dem Holz herauszukratzen!

Anhand des “Genpools” wurde bei einigen Galápagos-Tierarten inzwischen festgestellt, daß diese eine endemische Entwicklungsstufe erreicht haben, die das Alter der ältesten Galápagos-Inseln bei weitem übertrifft. Española ist z. B. etwas über 3 Millionen Jahre alt, Fernandina gerademal 700.000 Jahre. Um diese “Galápagos”-spezifische Entwicklung durchgemacht zu haben, d. h. um sich schlußendlich so stark von ihren kontinentalen Artgenossen zu unterscheiden, hätten diese Tierarten eigentlich viel mehr Zeit gebraucht als die Inseln alt sind. Noch vor wenigen Jahren war dies ein ungelöstes Rätsel. Heute weiß man jedoch, daß es östlich des Galápagos-Archipels einmal eine Art “Proto-Galápagos” gegeben haben muß. Diese zwischenzeitlich wieder erosionierten und im Meer versunkenen Vulkane sind älter als 9 Millionen Jahre, und als “tektonische Vorläufer” des gegenwärtigen Inselreiches zu verstehen. Demnach kann der Entwicklung der endemischen Galápagos-Tierwelt auch aus geologischer Sicht eine weitaus größere Zeitspanne eingeräumt werden. Darüberhinaus lagen diese Ur-Inseln lediglich ein paar hundert Kilometer vom Festland entfernt. Die Tiere hatten es schlußendlich gar nicht so weit wie bisher immer angenommen. Siehe dazu auch unter “Entstehungsgeschichte des Archipels”!

 

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