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Die Geschichtsschreibung des Landes Ecuador läßt sich
bei einem Gesamtabriß in vier grundsätzliche Epochen
aufgliedern: Die namentlich vielleicht etwas verwirrende, sogenannte
Präkolumbische Zeit (Epoca Precolombina oder auch Epoca Aborígen),
welche bis etwa gegen Ende des 15. Jhs. dauerte, das relativ kurzfristige
nördliche Inka-Imperium (Chinchasuyo) bis zum Tode des Inkaherrschers
Atahualpas im Jahre 1533, die Koloniale Epoche (Epoca Colonial)
bis Anfang des 19. Jhs., und das Republikanische Ecuador (Era Republicana),
welches die Jahre von der Unabhängigkeit bis heute beschreibt.
Die Präkolumbische Zeit
Die frühesten Anzeichen menschlichen Zusammenlebens auf aktuellem
ekuadorianischem Territorium werden als sog.
Präkeramische Phase zusammengefaßt und reichen weit in
die Vergangenheit zurück. Beile, Schaber, Klingen, Wurfgeschosse
und andere primitive Stein-, bzw. Jagdwerkzeuge an einem Ort namens
El Inga (am Ilaló bei Quito), in der Region um Chobschi,
Cubilán und anderen Punkten in den Hochandentälern,
sind schätzungsweise bis zu 12.000 Jahre alt. Schädel-
und Knochenfunde auf der Halbinsel Santa Elena (Las Vegas), auf
der Insel Puná (Golf von Guayaquil), bei Punín (Provinz
Chimborazo), Paltacalo (El Oro), Cotocollao (Quito) und ganz in
der Nähe von Otavalo, erbringen Alterstufen von 5 bis 10.000
Jahren. Jene ersten Bewohner Ekuadors waren vornehmlich Sammler,
Jäger u. Fischer.
Woher diese nicht uneingeschränkt umherirrenden Nomadenstämme
ursprünglich kommen ist mit ziemlicher Sicherheit geklärt.
Von den widersprüchlichsten Herkunftstheorien, welche mitunter
eher von patriotischen Gefühlen als fundamentierten Erkenntnissen
gelenkt sind (“Homo Errectus Ecuatorianus” oder so ähnlich),
scheint eine sukzessive Völkerwanderung von Asien über
die Beringstraße nach Nord-, Zentral-, und letztlich Südamerika
am wahrscheinlichsten. Diese fand während der letzten Eis-
u. Zwischeneiszeiten in einem Zeitraum von etwa 25 bis 40.000 Jahren
v. Chr. statt. Eine ingrimmige Hetzjagd auf eine Büffelhorde
oder ein Elchrudel könnte womöglich der Anlaß für
die trans-aseatisch-amerikanische Travesie gewesen sein. Freilich
sind so sensationelle Hypothesen über gestrandete Flöße
aus Polynesien und sonstwo gekenterte “melanesische Nußschalen”
schwerlich von der Hand zu weisen, können aber im großen
u. ganzen keinen fundamentalen Beitrag zur Entstehung der Kulturen
Amerikas leisten. Zudem wurde herausgefunden, daß die pazifischen
Strömungsverhältnisse für Überfahrten dieser
Art viel günstiger von Ost nach West, d. h. von der südlichen
Kontinentenhälfte in Richtung Asien sind (und nicht umgekehrt),
was zwischenzeitlich zu weiteren, bislang rein spekulativen Behauptungen
geführt hat.
Auf der Suche nach neuen, zweckmäßigeren Nahrungsquellen
begannen jene Primär-Ekuadorianer mitunter Tiere zu halten
und Pflanzen zu kultivieren. Der einstmals wie heutigentags rundheraus
mysthifizierte Maiskolben schuf eine regelrechte Verpflegungsgrundlage
für ganz Meso- und Andinoamérica (Mittel- u. westl.
Südamerika). Darüberhinaus wurden Knollenfrüchte
wie Maniok und papa (Kartoffel) geerntet, letztere erlebte dann
viel später ihren phänomenal raschen Auszug in die Alte
Welt.
Die ältesten und gleichzeitig fortschrittlichsten
dieser endgültig seßhaften Volksgruppen sind einer Formativen
Phase (4.000-300 v. Chr.) der zentralen Küstenregion zuzuordnen:
Valdivia, Machalilla u. Chorrera. Die innovationsfreudigen Valdivianos
(Prov. Guayas u. südl. Manabí) verfeinerten nicht nur
ihre dekorativen Keramikfiguren mit sinnlichen Schönheitsnuancen,
oder praktizierten einen beinahe blühenden Tauschhandel mit
direkten Nachbarn in anderen ökologischen Nischen des Hinterlandes,
sondern errichteten vor fast 6.000 Jahren die vielleicht erste größere
Siedlung Lateinamerikas, das legendäre Real Alto auf der Halbinsel
Santa Elena.
Eine auf verblüffenden Einstimmigkeiten beruhende, zugeschriebene
Verwandtheit mit den Jomoneses einer japanischen Halbinsel am anderen
Ende des Pazifik ist einfacher zu widerlegen als nachzuweisen. Warum
auch sollten jene Ur-Japaner nach einer zwei bis vierjährigen
Odysee total ausgemergelt in Kalifornien ankommen, dann unbedingt
nochmal weitere 7.000 Kilometer dranhängen, um ausgerechnet
am Strand von Valdivia, am Rande des Kollaps in den Sand zu plumsen?
Die zeitlich folgenden Kulturen Machalilla (Guayas/Manabí,
1600-800 v. Chr.) und insbesondere Chorrera (Guayas/Los Ríos,
900-100 v. Chr.) setzten dann neue Maßstäbe: symbolträchtige
Kleidungsstücke, eine effektivere Feldbestellung, Metallverarbeitung,
anthropomorphe Keramik mit Tier- u. Menschendarstellungen in Form
von “singenden” Krügen (botellas comunicantes).
In der gleichen Zeitspanne im Andenhochland erreichte die Kultur
Cotocollao, in Amazonien die Fase Pastaza einen gewissen, wenn auch
weit geringeren Entwicklungsstandard.
Die Regionale Entwicklungsphase (300 v. Chr. bis 800 n. Chr.) tat
sich durch komplexe expressionistische Formen bei der Herstellung
von Keramikfiguren, sowie der Verarbeitung von edlen Metallen o.
Steinen wie Smaragden hervor. Die Kultur La Tolita (nördl.
Esmeraldas, 600 v. Chr. - 400 n. Chr.) verstand es vor 2.000 Jahren
bereits Platin zu schmelzen, während dieses Metall in Europa
nicht vor dem 18. Jh. verwendet wurde. Ein vielfältiger Warenaustausch
mit geographischen Regionen unterschiedlichen Klimas ermöglichten
diesen florierenden, avangardistischen Küstenkulturen einen
relativ hohen Lebensstandard. Zentralisierte, von elitären
ortsgewaltigen Schamanen angeführte Kleinstaaten wie die der
Jama Coaque (nördl. Manabí), Bahía (Manabí),
Guangala (südl. Manabí, Guayas), Daule Tejar (Guayas,
Los Ríos) oder Jambelí (südl. Guayas, El Oro)
verfügten über bravouröse Seefahrer, die bereits
auf fernliegende Küsten im heutigen Mexiko, Perú u.
Chile Kurs nahmen. In der südlichen Sierra stach besonders
die Kultur Cerro-Narrío durch ihre beidseitigen Kontakte
mit dem Oriente und der Costa hervor.
In der Integrationsphase begannen sich die vorherig etablierten
Völker zu streng hierarchischen Gesellschaften, Konföderationen
und Allianzen zu fusionieren. Auch hier spielte der Küstenbereich
die Hauptrolle: Atacames, Manteño-Huancavilca (500-1535 n.
Chr.) und Milagro-Quevedo (400-1500 n. Chr.). Ein Grossteil der
Manteños lebte in der Stadt Jocay, welche sich kilometerlang
am Pazifik hinzog. Die Navegation auf enorm groben Balsaflößen
nahm eine neue Dimension ein. Die Spondylusmuschel wurde praktisch
zur offiziellen Währung erkoren. Präzise Gold- u. Kupferschmiedearbeiten,
oder gewaltige halbmondförmige Steinsitze mit zoo- u. anthropomorphen
Skulpturen im Sockel, geben u. a. Zeugnis von der Dynamik jener
Staatengebilde. Die gefeiten costeños (Küstenbewohner)
bereiteten den vordringenden Inkas später derartige Schwierigkeiten,
daß diese nach wiederholten Vorstößen schließlich
ihre Okkupationsabsichten aufgeben mußten. Deren Ausmerzung
durch die Spanier bedeutete dann auch das unwiderrufliche Ende der
letzten Stammeshalter präkolumbischer Kulturen in Ecuador.
Bis etwa 900 n. Chr. schien keiner der Küstenstämme so
mächtig geworden zu sein, daß er alle anderen unterworfen
und zu einer überregionalen Einheit verschmolzen hätte.
Dies war letztendlich dem Volksstamm der Caras vorenthalten, dessen
Herkunft und Kultur bisher noch nicht genau geklärt werden
konnte, und welcher um 700 n. Chr. nördlich vom heutigen Bahía
de Caráquez erblühte.
Gegen 900-1.000 n. Chr. begannen die Caras allmählich in die
Andenregion vorzustoßen, um sich des Hochland-Stammes der
Quitus zu bemächtigen. Mit Hilfe dessen Herrschergeschlechts,
den sogenannten Shyris, konnte dieses Staatsgebilde dann um ein
vielfaches erweitert werden. Mit dem elften Shyri erlosch um 1.300
jedoch die männliche Linie der Caras. Die Shyri-Prinzessin
Toa vermählte sich daraufhin mit Duchicela, dem ältesten
Sohn des Herrschers der Puruhaes, welche in der Chimborazo-Region
beheimatet waren. Auch die Cañari (Cuenca-Region) schlossen
sich aus Sicherheitsgründen den Caras an. Die Gefahr einer
Invasion durch die expandierenden Inkas von Süden her (heutiges
Perú) war nicht von der Hand zu weisen.
Das Inka-Imperium
Gegen Ende des 15. Jhs. wurden die zahlreichen ethnischen Flickenvölkchen
des nördlichen Hochlandes, als cacicazgos o. señoríos
étnicos bezeichnet, mit einem straff organisierten, übermächtigen
und kriegerischen Volk aus dem Süden konfrontiert, den Inkas.
Die nördliche Expansion des Tahuantinsuyo, des gesamten Inkareiches,
lief in mehreren Etappen ab. Inga Yupangui, und später Túpac
Yupangui begannen um das Jahr 1450 herum mit den ersten Feldzügen
gegen die Stämme des Nordens, wobei sie bis zu den Cañari
in die grünen fruchtbaren Gebirgshänge bei Cuenca (Tomebamba)
vorstießen. Túpac Yupangui zählte bei dem lange
vorbereiteten Eroberungszug auf eine angeblich bis zu 250.000 Mann
starke Armee. Der Vorstoß der Inkas, der “Söhne
des Himmels”, bedeutete für die Andenvölkchen des
Nordens oftmals die Ausrottung ganzer Dorfgemeinschaften. Viele
der besetzten Siedlungsgebiete und Landstriche wurden mit Hilfe
massiver Zwangsevakuierungen (mítimacuna) total entvölkert.
Die evakuierten rebellischen Bewohner (mitimaes) wurden dabei in
abgelegene, bereits befriedetete Regionen des hintersten Perú,
Bolivien, und auch nördlichen Argentinien verfrachtet, wo sie
auf ewig zum leben und sterben verurteilt waren.
Das Volk der Puruhaes (Chimborazo-Region) leistete mitunter den
heftigsten Widerstand. In Tiocajas u. Tixán wurde der Vormarsch
der Inka-Truppen fast ein halbes Jahr lang erfolgreich zurückgeworfen.
Schlußendlich wurde der cacique Hualcopo Duchicela von Túpac
Yupangui aufgefordert die Waffen niederzustrecken. Der starrsinnige
Puruhá-Häuptling starb daraufhin angeblich aus Wut und
Schmerz über die nicht zu verhindernde Niederlage. Araukanische
mitimaes, ein aus dem heutigen Chile rekrutierter Indiostamm, diente
dem “Inka-Kaiser” dabei als entscheidende Vorstoßtruppe.
In Latacunga kam es zu einer weiteren Großschlacht. Pillahuasu
konnte mit den besten Kriegern der Confederación Quiteña
(die Stämme Quitus, Cayambis, Caranquis), sowie versprengten
Einheiten der Cañaris, Puruhaes u. Panzaleos, Aufwartung
machen. Túpac Yupangui hingegen konzentrierte Truppen aus
dem gesamten Inka-Imperium: Cuzcos, Quichuas, Collas, Aymaras, Araucanos,
Mochicas u. Chachapoyas. Nach langem Kampfgeschehen konnte der Inka
dank seiner zahlenmäßig überlegenen Armee die Schlacht
zu seinem Gunsten entscheiden. Latacunga wurde dem Erdboden gleichgemacht,
seine Bewohner ausgerottet und durch mitimaes aus entlegenen Regionen
des Inkareiches ersetzt.
Nach dem desastre von Latacunga zogen sich die verbliebenen Einheiten
der nördlichen Konföderationen unter dem Kommando des
jungen Kaziken Cacha in Richtung Quito zurück. Der Nachfolger
Hualcopos wandte dabei eine Politik der verbrannten Erde an, und
verschanzte sich im Umfeld der Pyramiden von Cochasquí und
Cayambi. Túpac Yupangui marschierte daraufhin im aufgegebenen
und entvölkerten Quitus (Quito) ein, Hauptstadt der Gran Confederación
des Nordens, der verbündeten Stammesgeflechte der Caras und
Shyris. Er ließ strategische Befestigungen und Beobachtungsposten
errichten, besiedelte diese mit mitimaes, und wandte sich auf dem
Rückweg nach Cuzco über die Ausläufer des Pululahua-Kraters
dem Pazifischen Ozean zu, welchen er noch niemals im Leben zuvor
gesehen hatte.
Sein nächstes Ziel galt der Unterwerfung unbekannter Küstenvölker
wie den Manteños und Huancavilcas, von denen ihm im Verlauf
seiner Eroberungszüge sagenhafte Dinge zu Ohren kamen. Beim
Anblick des Meeres brach er dann in Tränen aus, und benannte
dieses Mama Cocha, die “Mutter aller Lagunen”. Die Huancavilcas
ließen dem Inka-Herrscher eine Botschaft zukommen, in der
sie ihn zu seinen Erfolgen beglückwünschten und um eine
Delegation baten. Angetan von der Kooperationsbereitschaft der costeños,
sandte er diese umgehend zum “Golf von Guayaquil”.
Die Huancavilcas bejubelten zuerst die Abgesandten des Inka, töteten
sie aber beim “Verabschiedungsfest”. Zutiefst iritiert,
und vom dringenden Verlangen nach Cuzco zurückzukehren bemächtigt,
sah der Inka-Herrscher von einer einstweiligen Eroberung ab, und
verlegte das Unternehmen auf einen späteren Zeitpunkt. Die
Gefahren der breiten Ströme und feucht-heissen Regenwälder
der Küstenregion standen zudem in schroffem Gegensatz zu den
offenen, gut einsichtbaren Gebirgslandschaften der peruanischen
Küste. Dem kriegerischen Organisationstalent der Inkas waren
hier natürliche Grenzen gesetzt.
Nach dem Tode Túpac Yupanguis in Cuzco, trat sein Sohn Huayna
Cápac, welcher in Tomebamba (Cuenca), der Hauptstadt der
Cañaris geboren wurde, seine Nachfolge an. Auf dem fortgesetzten
Eroberungsfeldzug in Richtung Norden rächte sich dieser zuerst
einmal grausam an den Huancavilcas. Auf der Insel Puná ließ
er nur Frauen und Kinder am Leben, die männliche Bevölkerung
wurde verstümmelt oder ausgelöscht. Die Manteños
hingegen leisteten dem Inka-Herrscher erfolgreichen Widerstand.
Lediglich eine Weihestätte auf der Isla de La Plata konnte
von Huayna Cápac schliesslich erobert werden.
In seiner von ihm über alles geliebten Geburtsstadt Tomebamba,
ließ er herrliche Steinbauten errichten, wie z. B. den Palast
von Mullucancha (Pumapungo) und die Festung von Ingapirca. Unterdessen
gelang es den Überbleibseln der Confederación Quiteña,
unter der Führung des berüchtigten Rebellen Cacha, weite
Teile des besetzten Territoriums zurückzuerobern. Dabei gelangten
sie bis an die Grenzen des ehemaligen Cañari-Reiches, in
dessen Hauptstadt Tomabamba inzwischen Huayna Cápac residierte.
Die Stadt Quito verblieb jedoch dank ihrer geographisch-strategischen
Lage in den Händen der Inkas. Die in der nördlichen Enklave
verbliebenen Truppen warteten angesichts der konföderierten
Belagerung aber sehnlichst auf Verstärkung aus Tomebamba.
Zahlreiche Befestigungen (pucaraes) mussten in den folgenden Jahren
von Huayna Cápac im innerandinen Hochlandbecken errichtet
werden, um somit den aufreibenden Stellungskrieg gegen die nördlichen
Aufständischen zu seinem Gunsten entscheiden zu können.
Verlustreiche Vorstöße mussten in Kauf genommen werden.
Bei einer Inkursion gegen die Rebellen-Festung Caranqui (Provinz
Imbabura) verlor der Inka-Herrscher beinahe selbst das Leben. Wie
durch ein Wunder konnte er in einem Hinterhalt dem sicheren Tod
entrinnen. Sein Bruder Auqui-Toma teilte allerdings nicht das gleiche
Schicksal, und fiel während der Kämpfe den Aufständischen
in die Hände.
Eine alles entscheidende Schlacht fand an den Ufern der Lagune Yaguarcocha
(bei Ibarra) statt, in der 30.000 konföderierte “Soldaten”
und ihre Anführer starben. Auf dem Schlachtfeld wimmernde Schwerverletzte
wurden von den Inkas geköpft und in die Lagune geworfen, welche
aufgrund dieser barbarischen Begebenheiten bis heute ihren Namen
beibehielt: “Blutender See” (Yaguarcocha). Mit diesem
hart erkämpften Endsieg, der auch auf Seiten der Inkas sehr
viel Blut kostete, konnte sich Huayna Cápac endgültig
des nördlichen Andenhochlandes bemächtigen. Der jahrzehntelange
heftige Widerstand der Konföderation war ein für alle
Mal gebrochen. Der Inka-Herrscher ließ im Anschluß an
die Schlacht alle männlichen Erwachsenen der Region massakrieren,
woraufhin das Caranqui-Land fortan den Übernamen país
de los guambras trug, das “Land der Kinder”.
Der geflohene Caranqui-Guerillero Píntag (auch Caña
Brava genannt), letzter Anführer der besiegten Stämme
des Nordens, konnte nach dem Blutbad von Yaguarcocha noch ein paar
sporadische Vergeltungsschläge gegen Huayna Cápac anbringen.
Seine riskanten Vorstöße in die Täler von Tumbaco
und Los Chillos bei Quito,
konnten das Rad der Geschichte aber nicht mehr zurückdrehen.
Er starb schließlich in Gefangenschaft an einem Hungerstreik,
nachdem ihm der Inka-Herrscher bereits das Leben geschenkt hatte.
Seine Haut wurde zu einer Trommel verarbeitet und nach Cuzco geschickt,
wo sie bei den Feierlichkeiten zu den Fiestas del Sol einen Ehrenplatz
einnahm.
Das Erbe von Huayna Cápac: Um weitere Aufruhr und Rebellionen
unter den aufmüpfigen unterworfenen Stämmen zu vermeiden,
beschloß der Inka-Kaiser die Shyri-Prinzessin Paccha zu heiraten.
Aus dieser Mischehe ging ein Sohn namens Atahualpa hervor, dem Lieblingssproß
von Huayna Cápac, welcher um 1497 in Quito
geboren wurde.
Bevorzugter Wohnsitz des Herrschers blieb aber Tomebamba, das heutige
Cuenca, dessen Anlagen zu den prächtigsten
zählten, die man im Reich der Inka vorfinden konnte. Zudem
wurde der gepflasterte Inkaweg von Quito
nach Tomebamba fertiggestellt. Die nördlichen Grenzen des Tahuantinsuyo
(Inka-Reich) waren somit fortwährend mit Tomebamba und der
Hauptstadt Cuzco verbunden. Unter Huayna Cápac erreichte
das mächtige Imperium seine flächenmäßig größten
Ausmaße, von Tucumán (Argentinien) und Maule (Chile)
bis hin zum Angasmayo-Fluß im heutigen Kolumbien. Sechs Millionen
Einwohner soll das Tahuantinsuyo in seiner höchsten Blütezeit
gehabt haben. Die Kulturherrschaft der Inkas, welche der europäischen
in gewisser Hinsicht ebenbürtig war, hatte den eroberten Stämmen
eine Art Agrarkommunismus aufgezwungen, und die öffentlichen
wie privaten Lebensbereiche bis ins letzte Detail geregelt. Als
Staatssprache im ganzen Reich galt Quechua.
Auf einer Erholungsreise von Quito nach Tomebamba, hörte der
steinalte Inka-Monarch zum ersten Mal vom gespenstischen Auftauchen
einiger merkwürdiger Schiffe vor den Küsten von Esmeraldas
und Manta, und von mysteriösen Bleichgesichtern mit langen
wollenen Bärten. Beunruhigt über die Nachricht kehrte
er von Zweifeln geplagt nach Quito zurück, wo er wenig später
starb (um 1530). In seinem Testament vermachte er seinem Sohn Huáscar
aus Cuzco den südlichen Teil des Reiches, während Atahualpa
den nördlichen Teil zugesprochen bekam. Diese Aufspaltung war
ein folgenschwerer Fehler, wie sich später herausstellen sollte.
Nach der Trauerfeier wurden in Quito an die 1.000 Menschen dem Sonnengott
geopfert, während die Träger des einbalsamierten Leichnams
die gut 2.000 km lange Strecke bis nach Cuzco in einer Woche zurücklegten.
Der Bruderkrieg: Der ehrwürdigen Inka-Obligarchie im sakral
prunkvollen Cuzco, dem über 200.000 Einwohner zählenden
“Nabel der Welt” (el “pupu” del universo),
widerstrebte die Teilung des Imperiums zutiefst. Huáscar,
der dort regierende Herrscher über das südliche Reich,
erklärte nach einer fünfjährigen Friedenszeit mit
seinem Bruder Atahualpa, dem nördlichen Monarchen im provinziellen
Quito plötzlich den Krieg. Das landwirtschaftlich bedeutende,
unter großen Verlusten eroberte Chinchasuyo (Nordreich), war
zu wichtig um es dem gemischt-rassigen Shyri-Inka, “Papas
Liebling”, zu überlassen. Huáscars eifersüchtige
Mutter soll dabei den älteren Bruder gegen Atahualpa angestiftet
haben. Dessen Mutter, die schöne Shyri-Prinzessin Paccha, war
nämlich auch Huayna Cápacs Lieblingsfrau gewesen.
Die Besetzung Tomebambas unter Huáscars Oberbefehlshaber
Atoco, war der direkte Anlaß des Krieges. Atahualpa versammelte
daraufhin seine Generäle Quizquiz, Caracuchima und Rumiñahui.
In Mocha kam es zur ersten blutigen Auseinandersetzung. Während
die Cuzqueños die Schlacht von Mocha noch für sich entscheiden
konnten, brachte ihnen Atahualpa bereits in Ambato die erste schwere
Niederlage bei. Weitere Siege der Quiteños erfolgten in Molleturo
und Tomebamba, der Geburtsstätte Huayna Cápacs und ehemaligen
Hauptstadt der Cañaris. Die Rache Atahualpas am Verrat der
Cañaris, welche zu Anfang des Krieges massiv auf Huáscars
Seite übergelaufen waren, kannte kein Perdon. Das prächtige
Tomebamba wurde größtenteils zerstört. Alle überlebenden
Cañari-Anführer, sowie ihre Frauen und Kinder wurden
von Bogenschützen durchlöchert, ihre Herzen herausgerissen,
und im ganzen Cañari-Land verstreut. Fast die gesamte männliche
Bevölkerung wurde ausgerottet. Doch der vernichtende Bruderkrieg
sollte noch lange kein Ende nehmen. Ein Hin und Her von verlustreichen
Schlachten sollte folgen, wobei Atahualpa im weiteren Verlauf schließlich
immer mehr in Richtung Süden, nach Cuzco vorstoßen konnte.
In Cusibamba, Cochaguailla, Bombón und Yanamarca gingen die
Truppen Atahualpas als Sieger hervor, in Tovaray und Cotabamba hingegen
wurde der Vormarsch des nördlichen Inka-Herrschers erfolgreich
zurückgeworfen.
Der Quiteño verlor an diesen beiden Orten zigtausende von
seinen Kriegern.
Eine endgültige Schlacht fand bei Chontacajas statt, wo auch
der Cuzqueño Huáscar in Gefangenschaft geriet. Die
Generäle Atahualpas trafen daraufhin triumphierend in Cuzco
ein, töteten nicht nur sämtliche kaiserlichen Familienmitglieder,
Weihepriester und Sonnenjungfrauen, sondern fledderten auch die
Mumien der Inka-Dynastie, mit Ausnahme der von Huayna Cápac,
Atahualpas Vater. Der nördliche Inka-Monarch wurde zum Herrscher
über das gesamte Imperium erkoren. Auf dem langen Weg zu den
feierlichen Krönungszeremonien im fernen Cuzco, beschloß
er in den Heilbädern von Cajamarca eine Rast einzulegen. Und
genau an diesem Ort erwartete ihn die Katastrophe!
Der bittere Krieg zwischen den beiden Brüdern blutete das Reich
völlig aus, entwurzelte einen Großteil seiner Bewohner,
und entvölkerte ganze Landstriche. Dazu kam der Haß der
entflohenen Cañaris und Huáscar-Treuen hinzu, die
den barbarischen Atahualpa des Thrones in Cuzco für unwürdig
befanden. All dies begünstigte in hohem Maße den so überraschenden
wie unfaßbaren Handstreich gegen den neuen allmächtigen
Inka-Kaiser, durchgeführt von einem grimmig verwegenen Häufchen
wollbärtiger Gestalten, welche hoch auf glänzenden Ungetümen
sitzend in Cajamarca eintrafen. Ihr Anführer hieß Francisco
Pizarro.
Die Kolonial-Epoche
Ein Vorbote Francisco Pizarros, in Gestalt des erfahrenen Seebären
Bartolomé Ruiz, war der erste Europäer, welcher im Jahre
1526 die pazifische Äquatorlinie überquerte. Seine Überraschung
war groß, als er vor der Küste Manabis auf ein riesiges
Eingeborenenfloß aus Balsaholz stieß, welches außer
zwanzig Mann Besatzung auch Gold- u. Silberschmuck, Smaragde, Baumwolle
und Spondilusmuscheln transportierte. Drei der eingeborenen Boots-Passagiere
wurden sogleich gefangengenommen, mit der kastilischen Sprache vertraut
gemacht, und dienten den Konquistadoren fortan als Dolmetscher.
Kurz darauf tauchte Francisco Pizarro selbst in den ekuadorianischen
Küstengewässern auf. An irgendeinem weitläufigen
Strand zeichnete er mit seinem Schwert eine Linie in den Sand, und
wandte sich mit folgenden Worten an seine 80-Mann starke Besatzung:
“In dieser Richtung erwarten uns Leiden, Wehmut, und vielleicht
auch Reichtümer (nach Süden weisend).
In jener Richtung aber Armut, Schmach und Vergessenheit (nordwärts
nach Panamá weisend). Wer ein aufrechter Castellano sei,
entscheide für sich selbst!” Vierzehn Mann folgten ihm
auf die ungewisse Reise. Die anderen kehrten nach Panamá
zurück. Die Glücksritter umsegelten die Halbinsel Santa
Elena, zerstörten eine Zeremonienstätte auf der Isla del
Muerto (Golf v. Guayaquil), und gelangten schlußendlich bis
Tumbes und in die Bucht von Sechura im heutigen Perú. Man
schrieb das Jahr 1527.
Pizarro kehrte daraufhin nach Spanien zurück, um so die dringend
benötigte Finanzierung und königliche Erlaubnis für
eine zweite Expedition in den Süden zu erhalten. Seine Chancen
standen gut. Nach dem glorreichen Sieg über die Azteken (im
heutigen Mexiko u. Guatemala), welcher den Spaniern unsagbare Reichtümer
und Goldschätze eingebracht hatte, war der König (Karl
V. oder Philipp? - Redaktionrecherche!) von Pizarros Absichten sehr
angetan. So konnte dieser 1531 bereits erneut die ekuadorianische
Küste absegeln. Diesmal war er jedoch definitiv auf Beutezüge
aus. In Coaque (Manabí) bemächtigte er sich des ersten
nenneswerten Schatzes im Gegenwert von 18.000 Goldpesos.
Wochen später bekam er Verstärkung von Seiten der Kapitäne
Sebastián Benalcázar und Hernando Soto, die neben
130 Soldaten auch ein paar stattliche Pferde mitbrachten. Am 13.
Mai 1531 landete Pizarro wiederholt in Tumbes (Puerto Pizarro),
von wo aus er eine Expedition ins Landesinnere kommandierte.
Unterwegs kamen ihm gewisse Dinge über einen Inka-Herrscher
namens Atahualpa, dessen verfeindetem Bruder Huáscar, und
auch den Schwefelquellen von Cajamarca zu Ohren, einem “Kneippkurort”
Atahualpas. Er gründete die Stadt Piura (nördl. Perú),
wo er die Kranken, Schwachen, und eine kleine Garnison zurückließ.
Kurz darauf begann er den mühevollen Aufstieg in die Anden
hoch, und richtete sich schließlich mit einer Handvoll Soldaten
in den sakralen Steingebäuden der dreieckigen plaza von Cajamarca
ein, wo er wenig später auf Atahualpa treffen sollte.
Währenddessen erholte sich ganz in ihrer
Nähe der Sonnenkönig von seinem leidvollen Sieg über
Huáscar. Der Inka-Emperator und seine Truppen befanden sich
gerade auf dem Weg zu den Krönungsfeiern in Cuzco.
Der Tod von Atahualpa: Bei dem bizarren zeitgeschichtlichen Zusammentreffen
vom 16. November 1532 wurde der Dominikanermönch Vicente Valverde
von Pizarro angewiesen, dem Inka-Herrscher im Beisein eines Übersetzers
aus der Bibel vorzulesen. Im Anschluß daran klärte ihn
der Geistliche über den von König Carlos V. gesandten
Konquistador auf, welcher zu Händen des allmächtigen Papstes,
dem auf Erden wichtigsten Vertreter des einzigen Gottes des Universums,
die Rechte über dieses Land und seine Bewohner zugesprochen
bekam. “Wer wagt es zu verschenken was ihm nicht gehört
?” konterte angeblich Atahualpa, riß dem Dominikaner
die Bibel aus der Hand, hielt sie schüttelnd an sein Ohr, und
warf sie auf den Boden. Damit war für den draufgängerischen
Veteranen Pizarro der entscheidende Moment zum Zuschlagen gekommen.
Hohe Schwerter blitzten auf, die Pferde rasselten mit ihrem schweren
Geschirr, und ein donnernder Kanonenschlag ließ die Erde erzittern.
Die zahlenmäßig haushoch überlegene Gefolgschaft
des Inka-Kaisers, insgesamt etwa 40.000 Krieger, stürmte aus
Furcht vor dem lauten Knall wie vom Blitz getroffen auseinander,
während der standhaft gebliebene Sohn des Sonnengottes in Gefangenschaft
geriet.
Einer der gewagtesten Überfälle der Weltgeschichte wurde
von einer winzigen Streitmacht, ganzen 106 Soldaten und 62 Reitern,
im Handumdrehen ausgeführt. Als zusätzlicher Trumpf der
Konquistadoren erwies sich hierbei auch die alte Inka-Legende des
Schöpfergottes Tici Viracocha, welcher einst dem Volk aus Unzufriedenheit
den Rücken gekehrt hatte, und zu einem unbestimmten Zeitpunkt
wieder erscheinen mußte. Atahualpas Sterndeuter hatten in
den Spaniern bereits vor dem Zusammentreffen die Rückkehr Viracochas
gesehen.
Die riskante Gefangennahme des indianischen Helden war der Wegbereiter
für ein fast 300 Jahre anhaltendes europäisches Kolonial-Imperium.
Pizarro versprach dem Inka gegen eine hohe Lösegeldzahlung
die Freiheit. Ein grober Raum sollte bis zur Decke mit Gold ausgefüllt
werden. Doch als das versprochene Gold herbeigeschafft wurde, ließ
er ihn in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilen. Am 26. Juli
1533 wurde der letzte Inka-Kaiser durch die Garotte hingerichtet,
nicht ohne vorher auf den Namen Juan Francisco getauft zu werden.
Dies sollte ihm wenigstens die Verbrennung bei lebendigem Leibe
ersparen. Nach seiner Hinrichtung wurde sein Leichnam dennoch verbrannt.
Nach dem Glauben der Inka-Bevölkerung bedeutete das Verbrennen
eines Menschen den Verlust der Seele ohne Wiederkehr - eine furchtbare
Demoralisierung! Das größte und wohl organisierteste
Staatsgefüge des vorchristlichen Amerika fand wie aus heiterem
Himmel ein überraschendes Ende, und “es wurde Nacht am
hellichten Tage”. Nur wenige Jahre später lagen praktisch
alle massiven Steinbauten, die während der kurzen Inkaherrschaft
auf “ekuadorianischem” Territorium entstanden waren,
in Trümmern.
Mithilfe versprengter Cañari-Krieger und anderer restlicher
Heeresbestände, die sich nach dem Tode Atahualpas auf die Seite
der Spanier schlugen, gründete Sebastián Benalcázar
am 6. Dezember 1534 San Francisco de Quito.
Atahualpas entflohener General Rumiñahui hatte den Gran Capitán
auf seinem nördlichen Vormarsch über den Camino Real,
der andinen Inka-Straße, noch in den einen oder anderen Hinterhalt
locken können. Auf seinem Rückzug ließ er die vormals
nördliche Inka-Hauptstadt vor dem Einmarsch der Spanier in
Brand stecken, und verbarg sich daraufhin in den dichten Nebelwäldern
der westlichen Ausläufer des Pichincha-Vulkans. Nur wenige
Monate später fiel dann auch der heute zur Legende erhobene
letzte “Indio-General” (sein Konterfei ist auf dem 1.000
Sucre-Schein stilisiert), in der Nähe des Atacazo-Berges den
Konquistadoren in die Hände. Seinen getreuen Kaziken und Kampfgefährten
Zopozopagua, Tucumango und Quimbalembo, stand gleiches Schicksal
bevor. Sie erlagen schlußendlich den grausamen Folter- u.
Hinrichtungsmethoden der neuen Machthaber.
Die Entdeckung des Amazonas: Der Mythos von Eldorado, dem “goldenen
Schlaraffenlande”, wuchs bei den Spaniern während der
Gründerjahre in Quito. Selbst wenn Gonzalo Pizarro, der Bruder
Franciscos und erste Statthalter Quitos, im Jahre 1541 eine Eroberungsexpedition
in die Urwaldgebiete des Amazonas-Tieflandes organisierte, tat er
dies jedoch im Hinblick auf die zu erwartenden Gewürzvorkommen
im “Lande des Zimtes” (País de la Canela). Gewürze
waren im Mittelalter ein äußerst begehrtes Handelsgut,
welches schon Christoph Kolumbus zum Anlaß seiner Entdeckungsreisen
genommen hatten. Der Glaube, bei dem historisch bedeutsamen Unternehmen
auch auf sagenumwobene Goldminen in den fernen Urwäldern auf
der anderen Seite der östlichen Andenkordillere zu stoßen,
war für die gierigen Konquistadoren zumindest ein zusätzlicher
Ansporn sich den unsäglichen Strapazen einer derartigen Expedition
auszusetzen. 220 Spanier, 3.000 indios, mehrere Dutzend Pferde,
Hunde, Lamas u. Schweine, verließen gegen Ende Februar 1541
die Stadt Quito. Bis zu ihrer Ankunft in den Niederungen des Río
Napo hatte das Unternehmen bereits den Verlust fast aller Hochlandindianer
zu verzeichnen. Sie waren in der hauptsächlich den extremen
klimatischen Bedingungen erlegen.
In der Nähe der heutigen Urwaldstadt Coca ließ Pizarro
ein befestigtes Lager einrichten, und sandte angesichts krassierenden
Nahrungsmangels einen Spähtrupp voraus. Unter der Führung
seines Stellvertreters Francisco de Orellana verabschiedete sich
daraufhin ein kleiner Teil der Expedition auf Flößen
den Río Napo hinunter. Als der unfreiwillig losgezogene Orellana
und seine Mannschaft nach mehreren Monaten immernoch nicht zum Basislager
zurückkehrten - die starke Strömung des breiten Flusses
wußte dies zu verhindern - mußte sich Pizarro nach erfolglos
abgebrochener Suche alleine auf den beschwerlichen Rückweg
ins Andenhochland zurückbegeben.
Er erreichte Quito mit letzter Kraft im Juni 1542, wo er wenige
Jahre später wegen Hochverrats am spanischen König enthauptet
wurde.
Unterdessen gelangte Francisco de Orellana am 12. Februar 1542 an
einen kolossalen, mehrere Kilometer breiten Strom, den er irrtümlich
zuerst für das rettende Meer hielt. Auf der Weiterfahrt stießen
die inzwischen zu allem entschlossen Entdeckungsfahrer auf eine
Schar kurioser weißer Kriegerinnen. Das einer griechischen
Sage entsprungene Heer von sirenenhaften Fabelwesen, den “Amazonen”,
diente diesem größten und wasserreichsten Flußsystem
auf Erden später als Namensgebung. Es ist bekannt, daß
die Frauen kriegführender Naturvölker oftmals die Nachhut
bildeten, und deren Männer z. B. mit Pfeilen versorgten. Um
die benötigte Finanzierung derartiger Entdeckungs-Unternehmungen
zu gewährleisten, sahen sich die Konquistadoren unter Umständen
dazu veranlaßt, in ihren ausschweifenden Schilderungen am
Hofe auch ein wenig über die Stränge zu schlagen. Als
glaubhaft erweist sich jedoch, daß Francisco de Orellana am
24. August 1542, nach unvorstellbaren Entbehrungen, völlig
ausgemergelt und dem Hungertod nahe, den erlösenden Atlantischen
Ozean erreichte. Damit war die erste Durchquerung des südamerikanischen
Kontinents vollbracht.
Orellana kehrte zwei Jahre später, von König Philipp in
Spanien mit Ruhm u. Ehrentiteln überhäuft, und vom ungebrochenen
Glauben an die Existenz eines goldenen Edens namens Eldorado erfüllt,
an die atlantische Mündung des riesigen Stromes zurück.
Auf einer zweiten Expedition wollte er in entgegengesetzter Flußrichtung
bis nach Quito ins innere Andenhochland gelangen. Während einer
der zahlreichen überraschenden Indianer-Attacken fand er an
einem Novembertag im Jahre 1546, an irgendeinem überwucherten
Ufer im Bereich der heutigen brasilianischen Urwaldmetropole Manaos,
den Tod.
La Encomienda: Zu Beginn der Kolonialzeit kam es auch unter den
Konquistadoren zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die dem Hof
in Spanien zutiefst mißfielen. Indessen Verlauf wurde der
gegen Francisco Pizarro aufbegehrende Diego de Almagro 1538 in Lima
hingerichtet.
Almagros Sohn ermordete andererseits den vom spanischen König
designierten Pizarro während einer konfusen Revolte. Anfang
1546 wiederum wurden die Truppen des Vizekönigs von Perú,
Blasco Nuñez de Vela, im Norden von Quito geschlagen (dort
wo heute das Einkaufszentrum Iñaquito steht). Der Virrey
wurde daraufhin von Gonzalo Pizarro, Franciscos Bruder, ohne weitere
Umschweife enthauptet. Zwei Jahre später fand dann auch der
aufmüpfige Pizarro ein rasches Ende unter der Guillotine. Der
Hauptgrund für die Querelen unter den Spaniern waren die von
der Krone herausgegebenen Nuevas Leyes de Indias y Ordenanzas Reales,
welche die zentrale Autorität des Königs zu stärken
versuchten, die Autonomieansprüche der Konquistadoren weitgehenst
in Frage stellte, und deren Barbareien an den Eingeborenen verurteilte.
Wesentliche Stütze dieser ersten Kolonialetappe war die encomienda
oder “Beauftragung” gewesen. Die Krone im fernen Kastillien
erteilte hierbei einem Kolonisten oder Konquistadoren, dem sogenannten
encomendero, die Autorität von seinen ihm beauftragten Indios
obligatorische Tribute in Form von Dienstleistungen und Besitztum
abzuverlangen. Als Gegenleistung erhielten diese zum Dank den christlichen
Seegen und standen fortan unter der Obhut des Beauftragten. Der
totalen Ausbeutung der Eingeborenen waren somit keine Grenzen mehr
gesetzt, bei den Eroberern sollte damit jedoch ein gewisser Handlungsspielraum
festgelegt werden.
La Audiencia Real de Quito: Die zu kolonisierenden Gebiete, welche
direkt der spanischen Krone unterstanden, wurden in Provinzen unterteilt.
Administrative und richterliche Befugnisse hatte der jeweilige Provinzgouverneur
inne, zunächst meist ein dazu ernannter Konquistador.
Diese Provinzverwaltungen arbeiteten allein schon der geographischen
Umstände wegen weitgehend unabhängig voneinander, gerieten
jedoch aufgrund schwammig festgelegter Grenzen immer häufiger
ins Tauziehen. Deshalb wurde zur Festigung der politischen Herrschaft
die sogenannte audiencia geschaffen, eine überregionale Gerichts-
und Verwaltungseinheit, der ein Präsident vorstand. Zudem wurde
1543 von König Karl V. das Vizekönigreich Perú
gegründet, welches einschließlich Panamas das gesamte
spanische Südamerika mit Ausnahme Venezuelas umfaßte.
Acht Jahre zuvor waren bereits im gleichen Sinne Mexiko, Zentralamerika,
die Westindischen Inseln (Karibik) und Venezuela, zum Vizekönigreich
Neu-Spanien erklärt worden.
Die “Provinz von Quito”
wurde somit dem Vizekönigreich Perú unterstellt. Hinsichtlich
einer verbesserten Machtausübung, und wegen der großen
Entfernung zum Sitz des Vizekönigs in Lima, wurde schließlich
am 29. August 1563 durch König Philipp II. von Spanien die
Real Audiencia de Quito gegründet. Zum ersten Präsidenten
des königlichen Gerichtsbezirkes, der in all seinen Funktionen
einem Bischofssitz gleichkam, wurde Hernando de Santillán
ernannt. Die Grenzen des über eine Million qkm großen
Territoriums reichten im Süden von Piura (heutiges Perú)
bis fast nach Bogotá im Norden. Gegen Osten hin umfasste
das Gebiet eine riesige, später Brasilien zugesprochene Fläche
des Amazonasbeckens.
Gegen Ende des 16. und während des 17. Jh. kam es im innerandinen
Hochlandbecken gleich zu mehreren schweren Erdbeben und verheerenden
Ausbrüchen der Vulkane Cotopaxi und Pichincha. Die Stadt Latacunga
wurde dabei innerhalb von fünfzig Jahren dreimal dem Erdboden
gleichgemacht. Dem Ausbau der spanischen Vormachtstellung konnte
dies jedoch keinen Aufschub leisten. Die im Hochland gut akklimatisierten,
aus Europa eingeführten landwirtschaftlichen Produkte, gedeihten
auf dem vulkanischen Boden prächtig. Mit dem Einsatz afrikanischer
Negersklaven begann im Küstenbereich der Anbau von Kakao, Tabak
und Baumwolle. Die Textilindustrie verzeichnete einen stetigen Aufschwung,
die Goldminen von Zaruma und Portovelo schienen unerschöpflich,
und im kreativen Bereich erlangte die muy noble y muy leal ciudad
de Quito mit ihren prunkvollen Gotteshäusern bald kontinentales
Prestige. Während dieser Zeit gab es auch die eine oder andere
blutig niedergeschlagene Indianerrevolte, sowie einen Kreolenaufstand
im Jahre 1592, die sogenannte Rebelión de las Alcabalas,
als eine neuverordnete, geschäftsschädigende Steuer seitens
der Krone, den Stadtrat von Quito auf die Palme brachte.
Philipp V. schuf 1717 das Vizekönigreich Neu-Granada (Groß-Kolumbien),
mit Santa Fe de Bogotá als Hauptsitz. Die Audiencia de Quito
wurde zunächst diesem neueingesetzten Virrey unterstellt, erhielt
aber drei Jahre später ihren vorherigen Autonomiestatus innerhalb
des Vizekönigreichs von Perú zurück. Auf königlichen
Verheiß wurde der Gerichtsbezirk von Quito dann 1739 wiederholt
Neu-Granada zugesprochen. Dieses ständige Hin und Her zwischen
den beiden rivalisierenden Großmächten (“Sandwich-Effekt”)
sollte auch im weiteren Verlauf der Jhte. von schicksalshafter Bedeutung
für die spätere Republik von Ecuador bleiben, dessen Staatsgebilde
heute fast auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Ausdehnung
zusammengeschrumpft ist.
Die Vermessung des Äquators: Zwischen 1736 und 1743 hielt sich
die “Geodäsische Kommision der Pariser Akademie für
Wissenschaften” innerhalb des Territoriums der Real Audienca
auf. Zu den Mitgliedern der bi-nationalen Gruppe gehörten die
Akademiker Luis Godin, Pedro Bouguer und Carlos María de
la Condamine, der Botaniker u. Mediziner José Jussieu, der
Chirurg Juan Seniergues, sowie ein halbes Dutzend weiterer Experten,
welche vom spanischen Hof die königliche Zustimmung zur Vermessung
des meridianen Erdkreises (Äquatorlinie) erhielten. Ihre langjährigen
Untersuchungen waren für den kolonialen Gerichtsbezirk zumindest
in geisteswissenschaftlicher Hinsicht von enormer Bedeutung. Die
Universitätsstudien erlebten einen Aufschwung. Das antike Reino
de Quito begann erstmals einen neuen, auf geographischer Grundlage
erfassten Namen zu tragen: Ecuador!
Zu den weiteren Errungenschaften der Gelehrtengruppe gehörte
die Besteigung einiger Berge wie z. B. des aktiven Guagua Pichincha-Kraters,
oder die Wiederentdeckung des Río Amazonas seitens des Franzosen
Condamine und seines Freundes u. Schülers Pedro Vicente Maldonado.
Auf ihrer Reise zum Atlantik stießen sie auf die Kautschuk-Pflanze
und entwarfen im Anschluß daran die erste Landkarte der Audiencia
von Quito. Der Kartograph
Maldonado wurde später Gouverneur von Esmeraldas, wohin er
auf einem eigens von ihm konstruierten Weg gelangte. Andere Gruppenmitglieder
wurden wiederum Opfer von Krankheiten, oder verstarben während
der ersten aufgehenden Unruhekeime zwischen einheimischen criollos
und königstreuen españoles. Der akademische Gehilfe
Godin des Odonnais tauchte hingegen im heutigen Guayana unter, wohin
ihm wenig später auch seine Ehefrau aus Riobamba folgte. Ihr
Schicksal hat bis heute Anlaß zu allerlei fiktiv-romantischen
Spekulationen gegeben.
Die Vertreibung der Jesuiten: Einen ganz entscheidenden Beitrag
zum wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Höhenflug der Kolonialherrn
trugen die Jesuiten bei. Ihre entlegenen Missionsstationen und Hazienda-Plantagen
waren straff durchorganisiert und brachten stetig wachsende Ernteerträge
hervor. Die indianischen Arbeiter waren durch ein effizientes kommunitäres
System abgesichert, welches mitunter durchaus moderne humanitäre
Züge aufwies. Auf zahlreichen Expeditionen bereisten Missionare
dieses Ordens den gesamten Río Amazonas, den sie “Río
de San Francisco de Quito”
nannten. Den fleissigen Evangelisten unterstanden neben unzähligen
Schulen auch die Universität von San Gregorio Magno in Quito.
Herausragendstes Beispiel jesuitischen Strebens und Werkens war
der 1727 in Riobamba geborene, und 1793 im italienischen Faenza
verstorbene Padre Juan de Velasco. Neben seinem viel kritisierten
Hauptwerk, der Historia del Reino de Quito,
entstammten seiner Feder Publikationen über Botanik, Zoologie,
Philosophie, Poesie und Kartographie. Der Jesuitenpater gilt heute
zusammen mit Eugenio Espejo als geistiger Vater des Landes.
Der auf schnellen Gewinn ausgerichteten Kolonialbürokratie
widerstrebten die autonomen, geradezu visionären Ordensgemeinschaften
der Jesuiten. Eine königliche Sanktion im Jahre 1767 führte
schliesslich zur totalen Enteignung und Ausweisung der Glaubensbrüder.
In langen Karawanen wurden sie an den Hafen von Guayaquil gebracht
und in die Verbannung geschickt. Acht Schiffe brachten sie zuerst
nach Panamá, und von dort auf unterschiedlichen Routen zurück
in die “Alte Welt”. Andere immigrierten nach Brasilien.
Danach begannen ihre Missionsstationen unter der Verwaltung der
Kolonialherren zu vergammeln. Die Erträge schwanden dahin,
und auch für die indianischen Kommunenmitglieder gab es von
nun an nichts mehr zu lachen. Mit der Ausweisung der Jesuiten wurde
dem Erziehungs- u. Kulturwesen der Audiencia ein schwerer Schlag
versetzt. Mit ihr entledigten sich die Spanier dummerweise nicht
nur des höchsten bis dahin erreichten agrarischen und technologischen
Standards, sondern verbannten auch jenes spirituelle “Mündigwerden”,
dass später zu ersten amerikanischen Vaterlandsbestrebungen
Anlaß gab, und Anfang des 19. Jh. schließlich zur politischen
Unabhängigkeit führte.
Zu den geistigen Verfassern eines aufkommenden ekuadorianischen
Patriotismus zählte im besonderen auch der Mediziner, Anwalt
u. Periodist Eugenio Espejo (1747-1795), weißhäutiger
Pflegesohn eines Indios und einer Mulattin, der unter anderem mit
nach Italien verbannten Jesuitenmönchen regen Kontakt pflegte.
Seine liberalen Ideen, reformistischen Wirtschaftsentwürfe,
und offenen Sympathiekundgebungen zugunsten des 1781 in Perú
ermordeten indianischen Rebellen Túpac Amaru II, waren für
das Fortbestehen des inzwischen krisenhaften monarchistischen Kolonialgefüges
eine zusätzliche Bedrohung. Nach seiner Rückkehr aus kolumbianischer
Verbannung, und der Herausgabe seiner konspirativen Schriften Primicias
de la Cultura de Quito (“Anfänge Quitenscher Kultur”),
wurde er schließlich an die Kette gelegt, und starb in einem
finsteren Verlies der Hauptstadt.
Eine Reihe von Indianeraufständen schwächte zudem die
bis dahin unangefochtene Souveränität der spanischen Machthaber:
1774 wurde in Riobamba der Ausnahmezustand ausgerufen. Im Jahre
1803 konnte eine langvorbereitete Konspiration aufrührerischer
Berg-Indios in der Region um Guamote (Prov. Chimborazo) nur mit
Hilfe einiger Spitzel des Audiencia-Präsidenten Barón
de Carondolet aufgedeckt werden. In seinem Bericht an den spanischen
König schätzte der einstige Erbauer des hauptstädtischen
Präsidentenpalastes die Situation im Lande jedoch selbst als
“hundsmiserabel” und von “drückender Armut
belastet” ein. Fast zeitgleich fanden sich Anfang des 19.
Jh. zwei angesehene “aufgeklärte” Gelehrte in Quito
ein, der Neugranadier Francisco José de Caldas, und der junge
wissensbegierige Berliner Baron Alexander von Humboldt.
Der Aufstand der Kreolen: Die nordamerikanische Unabhängigkeitserklärung
von 1776, und die französische Revolution von 1789, hatten
auf die streng hierarchisch gegliederte Gesellschaftspyramide der
spanischen Kolonialstaaten sehr wenig Einfluß. Im Unterschied
zu Europa gab es in den hispano-amerikanischen Vizekönigreichen
kein selbstbewußt auftretendes, geschweige denn umstürzlerisch
aufgeklärtes Bürgertum. Die tonangebenden kreolischen
Großgrundbesitzer des Hochlandes (criollos sind in Lateinamerika
geborene Weiße) blickten aus rein selbstsüchtigen Motiven
auf die besorgniserregenden Ereignisse im fernen Europa. Napoleon
besetzte 1808 Spanien, und zwang König Carlos III. und dessen
rechtmässigen Thronerben Ferdinand VII. zur Abdankung. Nach
der Ernennnung von Joseph Bonaparte (Napoleons Bruder) zum neuen
König, probte das spanische Volk den bewaffneten Aufstand.
Aus Angst, daß die spanischen Machthaber der Audiencia von
Quito ebenfalls in den “revolutionären Strudel”
Napoleons geraten könnten, planten die Kreolen im Jahre 1809
einen Staatsstreich.
Die beabsichtigte Loslösung vom spanischen Mutterland nährte
sich in erster Linie durch den Umstand, daß aufgrund der Kriegsgeschehnisse
in Europa die Entsendung von Truppen in die Kolonien weitgehenst
unterbunden wurde. Als sich Spanien 1815 schließlich von der
französischen Besatzungsmacht befreien konnte, und König
Ferdinand VII. ein 10.000 Mann starkes Heer in die aufmüpfigen
Kolonialstaaten schickte, waren die Autonomiebestrebungen in diesen
bereits nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Die neue Zusammensetzung
der europäischen Großmächte tat ein übriges.
Das bis 1814 neutrale England zeigte von nun an gewichtiges Interesse
an den reichen Kolonien. Dabei galt dessen kräftige Unterstützung
zugunsten der nach “Freiheit” liebäugelnden Kreolen
lediglich einem zukünftig unersättlichen Absatzmarkt für
seine Produkte aus den Weberei-Fabriken.
Im Morgengrauen des 10. August 1809 fand in Quito
im Hause von Doña Manuela Cañizares eine geschichtsträchtige
Verschwörung statt. Grund der geheimen Versammlung war die
sofortige, im Namen des Volkes und seiner Vertreter verordnete Absetzung
des Grafen Ruiz de Castilla, Manuel Urriez, vom König ernannter
Präsident der Audiencia de Quito. Die anwesenden Herrschaften
dieser patriotischen Verschwörung setzten eine neue, vom Mutterland
unabhängige Regierungsmannschaft fest, welche ausschließlich
aus Kreolen bestand. Nicht ein einziger Posten wurde einem eingewanderten
Spanier zugeteilt.
Die Nachricht von der ersten Unabhängigkeitserklärung
auf lateinamerikanischem Boden, ekuadorianische Schulbücher
sprechen heute von der “Fackel”, vom “Licht”
Amerikas, löste unter den elitären Schichten des Kontinents
ein nachhallendes Echo aus. Die in Spanien (vorübergehend)
in Kraft getretenen radikalen Reformen der französischen Revolution
stellten nicht zuletzt eine ernsthafte Gefahr für die lokalen
politischen Machtverhältnisse dar. Die geplante Abschaffung
der Audiencia von Quito
diente vor allem dazu jedweden sozialen Aufruhr im Keime zu ersticken.
Vom Aufflackern einer amerikanischen Revolution, wie heute oftmals
behauptet, kann keine Rede sein. So schwor die selbstbewußte,
sich ihrer legitimen Erbrechte bedroht fühlende Kreolen-Elite,
bei der feierlichen Machtübernahme in der Kathedrale von Quito,
ausgerechnet dem König von Spanien Treue und Gehorsam.
Die Antwort der Vizekönige von Lima und Bogotá ließ
nicht lange auf sich warten. Von Guayaquil
u. Cuenca im Süden, bzw. Pasto
und Popayán im Norden, wurden starke Truppenverbände
in Richtung Quito entsandt.
Die verängstigten Soldaten der improvisierten Kreolen-Regierung
desertierten bereits mehrheitlich, bevor es überhaupt zur ersten
Schlacht kam. Das aufmüpfige Quito wurde im Handstreich vom
Rest des Landes isoliert, und die königlichen Verbände
rückten widerstandslos in der Hauptstadt ein.
Am 24. Oktober 1809 reichte der Nachfolger des geflüchteten
Separatisten-Präsidenten Marqués de Selva Alegre, unter
der Zusage von Straffreiheit, die Kapitulation ein. Der erneut amtierende
Graf Ruiz de Castilla brach jedoch wenig später sein Amnestieversprechen
und ließ alle abtrünnigen Kreolen einkerkern, 40 von
ihnen wurden sogar zum Tode verurteilt. Zudem sollten jeder fünfte
der 160 Soldaten, die am Staatsstreich vom 10. August beteiligt
waren, nach einem Losverfahren hingerichtet werden. Die allgemeine
Empörung unter den 30.000 Quiteños, über das nicht
eingehaltene Versprechen und die anhaltenden Plünderungsaktionen
seitens der einmarschierten königlichen Soldaten, schlug bald
in Aufruhr um.
Am 2. August 1810 stürmte eine aufgebrachte Schar von patriotas
() das Cuartel Real von Quito,
in der Absicht die festgeketteten Autonomieanhänger zu befreien.
Im Verlauf der Befreiungsaktion ließen die Spanier sämtliche
Gefangene, darunter alle patriotischen Kreolen-Anführer massakrieren.
In den anschließenden Strassentumulten fanden weitere 300
Leute den Tod. Die alten Machtverhältnisse wurden auf Biegen
und Brechen wieder hergestellt.
Die Aufspaltung der herrschenden Schicht war jedoch von diesem Tage
an nicht mehr zu verhindern, und die anfangs noch königstreuen
Kreolen kehrten Spanien endgültig den Rücken zu. Das furchtbare
Gemetzel vom 2. August gilt heute als einer der tragischsten u.
symbolträchtigsten Episoden der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung.
Die patriotischen Märtyrer von Quito gingen als Vorreiter einer
freien Republik in die Geschichte ein. Eine äußerst beeindruckende
Wachsfigurenszene, welche den blutigen Ereignissen nachempfunden
wurde, ist heute in den ehemaligen Kerkern der Real Audienca, im
Museo Municipal de Arte e Historia Alberto Mena Caamaño in
der Calle Espejo zu bestaunen.
Die Republik
Nicht zuletzt mithilfe englischer Kriegsschiffe nahmen die südamerikanischen
“Patrioten” den Kontinent von zwei Seiten her in die
Zange. Während sich der Libertador (“Befreier”)
Simón Bolívar des Nordens bemächtigte, wurde
Argentinien 1816 südlicher Ausgangspunkt eines Autonomisten-Vorstosses,
dessen Führung dem späteren Protector del Perú
(“Beschützer”) General José de San Martín
unterstand. Beide sollten sich wenige Jahre darauf, am 26. Juli
1822, bei einem historischen Treffen in Guayaquil die Hand reichen.
Dieses Ereignis wurde mit dem berühmten Denkmal La Rotonda
an der Uferpromenade in Guayaquil festgehalten.
Im Morgengrauen des 9. Oktober 1820, motiviert durch die Erfolge
von Simón Bolívar im Norden und José de San
Martín im Süden des Kontinents, erlangte Guayaquil unter
Führung des Patrioten José de Antepara und der beiden
Kapitäne Luis Urdaneta und León Febres Cordero, als
erste ekuadorianische Stadt den Unabhängigkeitsstatus. Diese
ersten vaterländischen Bataillone setzten sich aus übergelaufenen,
einst königstreuen Soldaten, und einem enthusiastischen Freiwilligenheer
von montubios, Bauern der inneren Küstenregion, zusammen. Auf
ekuadorianischem Territorium lebten damals etwas über eine
halbe Million Menschen, die meisten von ihnen im zentralen u. nördlichen
Andenhochland, Trutzburg der Royalisten. Alle pazifischen Hafenstädte
in Südamerika, mit Ausnahme von Callao in Perú, befanden
sich jedoch bereits in den Händen der Aufständischen.
Im Jahre 1821 entsandte Simón Bolívar, inzwischen
zum Präsidenten von Kolumbien ernannt, den jungen 26-jährigen
Marschall Antonio José de Sucre nach Guayaquil.
Seine Mission galt der vollen Unterstützung der Patrioten,
jedoch nur unter der Voraussetzung eines Bündnisses mit Kolumbien.
Sucre erhielt rasch die oberste Befehlsgewalt über die Streitkräfte.
Unter “dem Schutz und der Schirmherrschaft der Republik vom
Kolumbien” zog jene Junta de Guayaquil in den Krieg. Seinen
ersten Erfolg gegen die Truppen der realistas verzeichnete Sucre
in Cone bei Yaguachi (innere Küste).
Bei einer zweiten Konfrontation verlor er 800 Mann, unter ihnen
den Guayaquileño José de Antepara. Ein 90-tägiger
Waffenstillstand wurde am 18. November 1821 mit dem spanischen General
Aymerich in Babahoyo festgelegt. Sucre nutzte die Feuerpause um
seiner geschwächten Armee wieder auf die Beine zu helfen.
Die Schlacht vom Pichincha: In der Nacht zum 24. Mai 1822 erklomm
Sucre mit einer 3.000 Mann starken, mitunter eiligst improvisierten
Freiwilligenarmee, von Chillogallo aus die Flanken des Pichincha-Vulkans.
Er umging somit die im Süden Quitos und auf dem Panecillo-Hügel
befestigten Stellungen der Royalisten. Der schwere Regenschauer
des vorangegangenen Nachmittages, und das anhaltende schlechte Nieselwetter,
verwandelten die steilen Wege auf dem Hausberg der Quiteños
in knietiefen Morast. Nachdem das gesamte patriotische Heer bereits
eine Höhe von über 3.500m erreicht hatte, wurden es im
Morgengrauen von den Spaniern entdeckt. Aymerich sandte daraufhin
unverzüglich all seine Bataillone, über 1.800 Mann im
ganzen, auf den Pichincha.
Ein ebenso starkes Kontingent der Königstreuen wurde durch
einen Geniestreich Sucres in Otavalo aufgehalten. Nachdem dieser
von den aus Pasto (südl. Kolumbien) vorrückenden Verstärkungen
der Spanier erfahren hatte, ließ er in Guayllabamba, nördlich
von Quito, mehrere Hundert Rationen Pferdefutter anfordern. Die
Nachricht von der riesigen Proviantbeschaffung gelangte in Windeseile
nach Otavalo. Der spanische Kommandant Cataluña, verunsichert
durch die Existenz eines angeblich starken Patriotenheeres, gab
dem Vormarsch seiner Truppen Einhalt, und verschanzte sich vorübergehend
im Umfeld des Lago San Pablo bei Otavalo. Im Verlaufe des Kampfgeschehens
unterhalb des Rucu Pichincha fehlte den Royalisten dann diese wahrscheinlich
entscheidende Nachhut. Die bereitgestellten Haferballen für
Sucres “potemkinsche Pferde” trugen somit einen ganz
erheblichen Beitrag zum Ausgang der Schlacht.
Gegen 12 Uhr Mittag ordnete Aymerich den Rückzug seiner völlig
aufgeriebenen Truppen an. Neben 400 Gefallenen und 200 Schwerverletzten
hatten die realistas 1.260 Gefangene zu verzeichnen. In den Reihen
der Patrioten fielen 200 Soldaten und Offiziere, unter ihnen der
später zum Nationalhelden erkorene teniente Abdón Calderón,
der sich selbst nach der vierten Schrotladung schmerzverbissen weigerte
den Kriegsschauplatz zu verlassen. Er starb angeblich noch an den
Hängen des Pichincha, nachdem die Patrioten bereits über
der Kirche von El Tejar die tricolor gehißt hatten. Der definitive
Triumpf des Mariscal von Sucre bedeutete für die obsolete Real
Audienca die Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland. Eineinhalb
Jahre nach der Eingliederung Guayaquils wurde somit auch Quito Groß-Kolumbien
zugeschrieben. In einem Brief des Marschalls soll dieser später
zum Ausdruck gebracht haben: “Auf daß Ihr meine sterblichen
Überreste in den Krater des Pichincha streut.” Sucre
wurde schließlich am 4. Juni 1830 in den Urwäldern von
Berruecos in Kolumbien ermordet.
La Gran Colombia: Das Ende der Real Audiencia ist nicht mit der
Schaffung des Staates Ecuador gleichzusetzen. Zusammen mit dem Departamento
del Norte (Venezuela) und dem Departamento del Centro (Kolumbien),
bildete das neue Departamento del Sur die Republik von Groß-Kolumbien.
Die Annektionsurkunde wurde am 29. Mai 1822, wenige Tage nach der
Schlacht am Pichincha, feierlich unterschrieben. Der utopische Wunsch
Bolívars, ein starkes vereintes Lateinamerika zu schaffen
(“vom Río Grande bis zum Kap Horn”), schien sich
anfangs zu erfüllen, scheiterte dann aber an den Ambitionen
der siegreichen Generäle. Ein jeder glaubte sich kompetent
genug, unter Zuhilfenahme von Vettern und Getreuen, einen eigenen
Staat zu präsidieren. Ein Umstand übrigens, der sich im
Wesentlichen bis auf den heutigen Tag in Ekuador beibehalten hat.
Die Entfernungen zwischen den einzelnen Verwaltungszentren der kolumbianischen
Autonomieregionen waren außerdem viel zu groß, die geographischen
Verhältnisse zu unterschiedlich, und die persönlichen
Interessen unter den neuen Machthabern zu sehr auf eigene Vorteile
bedacht, als daß das politisch schwache Staatengebilde lange
hätte überleben können. Eine konfliktive Deszentralisierung
war die Folge. Oberster Richter in diesem Streit unter den lokalen
Obligarchien war das Militär, daß sich zur einen oder
anderen Allianz in die Waagschale warf. Ganze acht Jahre hatte die
mit viel Enthusiasmus gegründete Gran Colombia Bestand. Am
13. Mai 1830 trennte sich Ekuador vom “bolivarischen Völkerbund”
und wurde selbstständig.
Für die indianische und gemischtrassige Bevölkerung brachten
all diese Ereignisse jedoch keinerlei Änderung ihrer miserablen
Lebensverhältnisse. Dem gemeinen Fußvolk blieb jegliche
Art von Bildung oder politischer Teilnahme vorenthalten. Kongreßabgeordnete
und andere Regierungsmitglieder entsprachen lediglich dem limitierten
Wahlresultat einer verschwindend geringen Elitegruppe ehrwürdiger
Großgrundbesitzer. Hinter der Formel “liberal-demokratisch-republikanisch”
verbarg sich nichts weiter als das Fortbestehen einer hierarchisch
aufgebauten Gesellschaft, dessen patriarchalische Spitze sich das
“einmal von Gott gegebene Recht zum regieren” nicht
mehr aus den Händen nehmen ließ.
Die Gründerjahre: Instabilität, Militärrevolten,
und permanente bürgerkriegsähnliche Zustände, prägten
vom Zeitpunkt der Unabhängigkeit an das gesamte 19. Jh. Erster
Präsident der jungen Republik von Ecuador wurde Juan José
Flores, der sich praktisch 15 Jahre im Amt halten konnte (1830-45).
Während einer vierjährigen Zwischenperiode mit Vicente
Rocafuerte an der Spitze, wurden von Flores sämtliche Fäden
im Hintergrund gesponnen.
Der um 1800 in Venezuela geborene, aus armen Verhältnissen
stammende Flores, war bereits als 15-jähriger in die königliche
Armee eingetreten, besann sich dann später aber eines besseren.
Kaum in den Reihen der Patrioten, fiel er Bolívar durch seine
Kapazität auf dem Schlachtfeld und seinem politischen Scharfsinn
auf. Obwohl noch lange Zeit Analphabet, gelang er bald zu höchsten
militärischen Auszeichnungen. Besitzlos, und trotz seiner negroiden
Abstammung, gelang es ihm in eine der wohlhabendsten Kreolenfamilien
des Hochlandes einzuheiraten.
Diese sogenannte época floreana (“geblümte Epoche”)
war von Dekadenz und dauerndem Aufruhr überschattet. Der größte
Teil des Staatshaushaltes war für das Militär bestimmt,
4 % des Gesamt-Etats war die jährliche Pension des Präsidenten,
der Rest reichte gerade noch um die Minister und andere Verwandte
fürstlich zu entlohnen. Für öffentliche Arbeiten
blieb nichts übrig. Während seiner dritten Amtsperiode
erließ Flores eine carta de esclavitud, die ihn auf ewig zum
Diktator ernannte. Die aufstrebende Obligarchie von Guayaquil warf
ihn schlußendlich aus dem Land. Seine folgenden Jahre verbrachte
er damit fruchtlose Rebellionen und Invasionen auf ekuad. Territorium
zu organisieren.
Während der darauffolgenden “März-Etappe”
(etapa marcista), regierten anfangs noch die zivilen Präsidenten
Vicente Ramón Roca (1845-49) und Diego Noboa (1849-51). Nach
einem Staatsstreich kam der starke Mann General José María
de Urbina an die Macht. Er hielt sich bis 1856. Zu seinen Errungenschaften
zählte die “offizielle” Abschaffung der Sklaverei,
und eine anfängliche Festigung der Handelsbeziehungen zwischen
Küste und Hochland. Zu seinem Sturz führte der Versuch
die Galápagosinseln ans Ausland zu vermieten.
Sein Nachfolger und Waffenkamerad, General Francisco Robles, machte
sich unter den Großgrundbesitzern der Sierra noch unbeliebter
als dies schon sein caudillistischer Vorgänger war. Unter der
Präsidentschaft von Robles wurden die Indios von der Kopfsteuer
befreit, sowie andere liberale Gesetze erlassen. Zu seiner Abdankung
trug eine Verschärfung des ständig ringenden Regionalismus
zwischen Sierra und Costa bei. Den wirtschaftlich starken Hazienda-Machtzentren
des Hochlandes, widerstrebten die ganz auf Export und Eigendynamik
basierenden Interessen des durch Handel, und nicht durch “Gottes
Willen” reich gewordenen Großbürgertums der Küste.
Während einer der vielen Krisensituationen zerfiel die Republik
1859 sogar vorübergehend in vier autonome Regionen: Quito,
Guayaquil, Cuenca und Loja. Einer paktierten Aufteilung Ekuadors
durch Kolumbien und Perú sollte durch die Präsenz peruanischer
Kriegsschiffe im Hafen von Bahía de Caráquez Nachdruck
verliehen werden. Im Vertrag vom Mapasingue (1860) akkzeptierte
der oberste Militärbefehlshaber Guayaquils zunächst den
Anschluß der gesamten Küstenregion an das südliche
Nachbarland. Eine nationale Front gegen die Abmachung wurde jedoch
durch die starke Persönlichkeit des obersten Militärbefehlshabers
von Quito, García Moreno, erreicht. Dabei gelang es die zutiefst
verfeindeten Lager Küste/Hochland zusammenzuführen. Der
Vertrag von Mapasingue wurde schließlich auch vom peruanischen
Kongreß widerrufen, und Ekuador behielt somit seine Unabhängigkeit.
Gabriel García Moreno und seine “Republik des Heiligen
Herzen Jesu” (1861-65/1869-75): Ein Ansteigen des Kakao-Exports,
eine Annäherung an den Weltmarkt, dringend notwendige Modernisation
und Zentralisierung, waren aufgrund der zerstrittenen Regionalobligarchien
schwer zu erreichen. Unter der Herrschaft von García Moreno,
einer der umstrittensten Persönlichkeiten der ekuadorianischen
Geschichte, sollte dies wenigstens in Teilbereichen gelingen. Die
radikalen Sparmaßnahmen des garcianischen Regierungsprogrammes
verhalfen dem Staat zu einer effizienteren Verwaltung. Die Öffentlichkeitsarbeit
wurde zum erstenmal planifiziert, überall entstanden neue Schulen
und Hochschulen. Das Banken- u. Steuerwesen wurde rationalisiert.
Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude, und
44 km Eisenbahnlinie wurden konstruiert. Neben der Einführung
von Schulpflicht und kostenlosem Lehrmaterial, einer signifikativen
Anhebung der Beamtengehälter, der Einweihung des astronomischen
Observatoriums im Alameda-Park von Quito, dem Bau eines berüchtigten
Gefängnisses (daß übrigens heute noch seinen Namen
trägt), verdankt das ekuad. Hochland dem zielstrebigen Despoten
heute auch die vielen Eukalyptuswäldchen, die zwar schnelles
Brennholz hervorbrachten, dem einst fruchtbaren Boden aber das gesamte
Wasser entzogen.
Die strukturellen Veränderungen brachten eine Welle von Protesten
seitens stark benachteiligter Bevölkerungsschichten mit sich,
allen voran die notleidenden Bauern. Der militante Katholizist Moreno
setzte sein klerikal-latifundistisches Reformprogramm mit entschiedener
Härte durch. Liberale Oppositionelle ließ er verbannen,
einkerkern, auspeitschen oder erschießen. Staat und Kirche
sollten zu gleichgewichtigen Machtfaktoren werden. Das Kontrollmonopol
über das Kultur- u. Bildungsswesen überließ er jedoch
scharfsinnigerweise dem Klerus. Die Gewährung von bürgerlichen
Rechten machte er zunehmend von der Ausübung der Religion abhängig.
Europäische Geistliche wurden dazu eingeladen ein ambiziöses
wie repressives Erziehungsprogramm durchzusetzen. Verfolgte Regierungskritiker,
die bis dahin in den Klöstern Zuflucht gefunden hatten, wurden
aus dem Weg geräumt. Auf seinen Beschluß hin erhielt
Ecuador beiläufig den Namen República del Corazón
de Jesús.
Die zwischenzeitlich von García Moreno eingesetzten Marionetten-Präsidenten
Jerónimo Carrión und Javier Espinosa (1865-69), weigerten
sich jedoch wider Erwarten das totalitäre Regiment ihres konstitutionellen
Vorgängers fortzuführen. Daher entschied sich Moreno im
Hinblick auf anstehende Neuwahlen am 17. Januar 1869 zum Staatsstreich.
Eine herausgegebene carta negra verschärfte daraufhin nicht
nur die despotischen Zustände im Lande, sondern führte
am 6. August 1875 auch zur Ermordung des “Galgenheiligen”,
wie ihn der Schriftsteller Benjamín Carrión einmal
bezeichnete, und welchen Papst Pius XII. einen “genialen Regierenden,
treuen Sohn der Kirche, und Märtyrer seines Glaubens”
zu nennen pflegte. Der argentinische Historiker Manuel Gálvez
gibt eine detaillierte
Schilderung des brutalen Attentates ab:
“Als sich García Moreno gerade anschickte den Präsidentenpalast
zu betreten, stellten sich ihm unter dem Galerienbogen einige jugendliche
Verschwörer in den Weg. Einer von ihnen, namens Faustino Rayo,
schrie ihm “Tyrann!” entgegen, holte eine Machete hervor,
und gab ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf. Ein weiterer Verschwörer
verpaßte ihm mit den Worten “Deine Stunde hat geschlagen
Bandit” eine Revolverkugel, während Rayo zu einem zweiten
Machetenhieb ausholte. Mit blutüberströmtem Gesicht versuchte
Moreno zu einem der Eingänge des Palastes zu gelangen. Einer
der Kerle hielt in auf und schoß, aber die Kugel wollte sich
nicht lösen. Auf Morenos Hilfeschreie hin erschien dann ein
Passant, der vorübergehend Rayo festklammern konnte und ausstieß:
“Der Präsident wird ermordet!”. Währenddessen
erhielt Moreno eine zweite Kugel im Gesicht. Nachdem sich Rayo wieder
vom Passanten befreien konnte (dieser blieb verletzt liegen), fiel
er über den flüchtenden Präsidenten her. Moreno versuchte
einen Damenrevolver hervorzuziehen, aber der nächste Machetenhieb
traf ihn in der rechten Hand. Sein kleiner Finger baumelte herunter.
Rayo schien ihn daraufhin köpfen zu wollen, aber der Präsident
hemmte die wütenden Schläge mit seinem Arm und Gehstock
ab. Blind vom vielen Blut im Gesicht erreichte er eine der Säulen
am Ende des Gale |