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Kunstgeschichte
Arte Colonial (Koloniale Kunst, Mitte 16. bis Anfang 19 Jh.)
Auf der Suche nach Atahualpas sagenhaftem Schatz wurde Quito
von Sebastián de Benalcázar Stein für Stein abgetragen.
Gold wurde dabei keines gefunden, aber viele der Steine aus Inka-
und Cara-Zeiten wurden von den ersten spanischen Bewohnern als Fundamente
für Mauern, Treppen, Gebäude und primitive Gotteshäuser
wiederverwendet. Europäisch-religiöse Einflüsse bestimmten
fortan den Charakter der Stadt, dessen sakrale Bauwerke im Verlauf
des 17. u. Anfang des 18. Jh. ihre höchste Ausdrucksform erreichen
sollten.
Architektur und Kunsterziehung: Im 16. Jh. dominierten fast ausschließlich
spanische, somit streng katholische Einflüße. Die frühesten
Bauwerke entstammen der Rennaissance, weshalb einige iberische und
flämische Architekten nach Quito gelangten. Erstes Zeugnis
ist das im Gründungsjahr Quitos begonnene Franziskanerkloster
(1534), das Monasterio de San Francisco. Ab 1555 überwachte
dort das eigens dafür geschaffene Colegio San Andrés
die religiöse Kunsterziehung, welche im späteren Verlauf
auch die herausragensten Maler hervorbrachte. Diese Kunst- u. Handwerksschule
war die erste ihrer Art in ganz Südamerika. Franzikanermönche
unterrichteten hierbei Indios u. Mestizen sowohl in einfachen Handwerkstechniken
als auch in Malerei, Bildhauerei und Musik. Die Kunsterziehung wurde
für die Missionare ein Werkzeug zur Verbreitung und Festigung
des katholischen Glaubens. Unter der Obhut flämischer und spanischer
Maler und Bildhauer entwickelte sich die Schule zum größten
Zentrum religiösen Kunstschaffens in der Neuen Welt. Ihre Werke
genossen überall in Lateinamerika sehr hohes Prestige.
1573 wurde die Kirche der Franziskaner eingeweiht, welche durch
ihre verhältnismäßig schlichte Linienführung
auffällt. Gegen Ende des gleichen Jh. existierten dann bereits
drei plazas (Plätze) mit ihren jeweiligen Gottestempeln: die
Plaza Mayor mit der Catédral (die erste fertiggestellte Kirche
Quitos), San Francisco und Santo Domingo. Direkt im Anschluß
daran entstanden weitere Kirchen, welche aber nicht mehr ganz die
Bedeutung der bereits bestehenden nachvollziehen konnten. Quito
glich im 16. Jh. einem Ameisenhaufen. War ein Gotteshaus gerade
fertig gestellt worden, wurde sogleich ein neues begonnen.
Im 17. Jh. wurden viele kurz nach der conquista begonnenen Sakralbauten
fertiggestellt: Die Kirchen von San Diego, San Augustín und
La Compañia, die Kapellen von Cantuña, del Robo und
de la Virgen del Rosario, die bereits gegründeten Klöster
Santa Clara, Santa Catalina und Carmen Alto, sowie die damals weit
außerhalb der Stadt gelegene Wallfahrtskirche von Guapúlo.
Die Kirchenbautätigkeit verlagerte sich zunehmend auch auf
andere Städte wie Riobamba oder Pomasqui (Convento y Colegio
de Misioneros de Santa Clara). Die Architektur begann dabei mehr
und mehr künstlerischen als religiösen Aspekten zu gehorchen,
und fußte bald auf einer Vereinigung aus spanischem Barock
(Arte Barroco), italienischer Renaissance, mitteleuropäischer
Gotik, byzantinischer Ornamentalistik, und einer Mischung aus maurischen
u. spanischen Elementen, dem sogenannten mudéjar-Stil. Der
amerikanisch nuancierte Barock, der sich in erster Linie durch bewegte
aufgesetzte Pflanzendekorationen auszeichnet, erreichte Ende des
17. u. Anf. des 18. Jh. seine stärkste Ausdrucksform. Ursprüngliche
Elemente wie Früchte, Bäume, oder Landschaften, spielten
bei diesem auf Identität beharrendem Barockstil eine immer
größer werdende Rolle.
Das zur Universitätstadt gewordene Quito nahm einen überwiegend
religiös monumentalen Charakter an. Besonders in dieser Epoche
treten sowohl indianische wie auch gemischtrassige Künstler
hervor (mestizos). Die Wohnhäuser mit ihren verschachtelten
Innenhöfen (patios), Balkonen, Balustraden und Fensterchen
entsprachen denen Andalusiens.
In der Verarbeitung wurde im Gegensatz zu europäischen Baumaterialien
auch Lehm (adobe) stark verwendet, ganz typisch für viele Bauten
des Andenhochlandes.
Im Verlauf des 18. Jh. entstanden die Kirchen von Belén und
La Merced. Mit der Abschiebung der Jesuiten im Jahre 1767 endet
dann plötzlich diese brillante Epoche religiöser quitenischer
Architektur. Die Nachfrage nach öffentlichen und privaten Gebäuden
begann immer stärker zu werden. Cuenca und Riobamba im Hochland
erlebten ihren Aufstieg zu großen Agrar- u. Handelszentren.
Außer in Quito bezeugen heute besonders in Cuenca noch prächtige
koloniale Häuserzeilen deren architektonische Vergangenheit.
Bildhauerei: Innerhalb der Escuela Quiteña (“Quitenische
Schule”) stach vor allem der Skulpturen-Zweig hervor. Die
ausschließlich religiösen Thematiken wurden hauptsächlich
in Holz verewigt. Stein, Wachs und Marmor wurden in viel geringerem
Umfang verwendet.
Bis auf die gebürtigen Spanier Diego de Robles und Luis de
Rivera brachte die zweite Hälfte des 16. Jh. diesbezüglich
relativ wenig Repräsentatives hervor. Beide Künstler schufen
gemeinsam die hölzernen Jungfrauen von Guapúlo, Oyacachi,
El Quinche und El Cisne (in der Nähe von Loja). Erstere wurde
leider durch einen Brand Mitte des 19. Jh. zerstört. Der einzige
einheimische Vertreter, der nicht in der auferzwungenen Anonymität
der religiösen Kunstschulen verweilte, war der Franziskanermönch
Francisco Benitez.
Im 17. Jh. wurden die Skulpturen viel ausdrucksstärker, teilweise
sogar furchtbar blutrünstig. Der Pater Carlos, und später
José Olmos Pampite, sind in dieser Zeitspanne besonders hervorzuheben.
Zu Pater Carlos bedeutendsten Werken gehören die Heiligenstatuen
von San Lucas Evangelista und Jesús del Gran Poder in der
Franziskanerkirche.
José Olmos, auch unter dem Spitznamen Pampite bekannt, tat
sich besonders durch seine dramatischen Christusfiguren hervor.
Übertrieben klaffende Wunden des Gekreuzigten, und teils herausbaumelnde
Herzen (durch eine Feder beweglich gemacht), waren seine absolute
Spezialität. Beispiele seines schmerzhaften Glaubens sind El
Señor de los Remedios in der Kirche Belén, El Señor
de la Buena Esperanza in der Kirche von San Augustín, El
Señor del Divino Amor in der Kirche La Merced, oder El Señor
de las Angustias.
Die Escuela Quiteña durchlief während des beginnenden
18. Jh. ihre wertvollste Schaffensperiode, und gehörte zusammen
mit Mexiko und Cuzco zu den drei bedeutendsten künstlerischen
Produktionsstätten auf dem amerikanischen Kontinent. Diese
und andere talleres des Landes arbeiteten bereits nur noch auf Bestellung.
In Cuenca leitete der indio Gaspar Zangurima sogar eine eigene Kunstschule.
Ihre Werke trugen jedoch fast keine indianischen Züge, und
waren ganz in der spanischen Tradition verhaftet. Gefragteste Vertreter
unter den Bildhauern der Quito-Schule waren zweifelsohne der indio
Manuel Chili Caspicara, sowie sein Lehrmeister Bernardo de Legarda,
dessen berühmtes Werk die “Jungfrau der Apokalypse”
auf dem Hauptaltar der San Francisco-Kirche eines der herausragendsten
Beispiele der Arte Quiteña darstellt. Das besondere an den
Figuren von Caspicara (aus dem Quechua mit “Pockengesicht”
zu übersetzen) war die Ausdruckskraft der Hände, welche
diejenige der Gesichter bei weitem übertraf. Seine Werke entstanden
sowohl in Miniatur- als auch Originalgröße. Erstgenannte
finden sich in der Kirche von San Francisco, letztere in der Empore
der Kathedrale wieder (Plaza Grande). Caspicara und Legarda wurden
stark vom Barock beeinflußt. wobei der indio sogar den Bogen
bis hin zum Rokoko überspannte.
Verglichen mit anderen Regionen Lateinamerikas existierte in der
Escuela Quiteña eine größere Portion dramatischer
Nüchternheit als in mexikanischen, guatemaltekischen oder hondurenischen
Skulpturen. Die Haltung der Figuren ist sittsamer, weniger verwegen,
die Linienführung delikater. Die Gesichtszüge wirken außerdem
europäischer als die ihrer Heiligenkollegen in Mexiko oder
Cuzco, wo häufiger indianische Physiognomien eine Rolle spielen.
Malerei: Religiöse Malerei entstand in Quito
zum erstenmal im Colegio de Artes y Oficios de San Andrés,
welches sich der künstlerischen Instruktion der indigenas widmete.
Während der Anfangsphase überwiegten noch flämische
Einflüsse, später kamen dann mehr und mehr italienische
Stilelemente hinzu. Im Gegensatz zur statischeren Escuela Cuzqueña
versuchte die Escuela Quiteña ihren Gemälden einen voluminöseren
und dynamischeren Ausdruck zu verleihen.
Zu Beginn der Kolonisierung durch die Spanier während des 16.
Jh. gab es lediglich einen nennenswerten Kunstmaler: Fray Pedro
Bedón, der in seinen Wandgemälden ein finsteres “Zwielicht”
(claroscuro) einführte. Zu seinen Hauptwerken zählt die
Virgen de la Escalera in der Kirche von Santo Domingo.
Das 17. Jh. brachte beachtliche Stilveränderungen wie die sogenannte
mestizaje hervor. Christus- u. Heiligenfiguren wurden von nun an
nicht nur ganz in Weiß bemalt, sondern erhielten manchmal
eine kupferfarbene Haut. Die Kunstmaler machten im Laufe ihrer Schaffensperiode
einen für die Zeit typischen Entwicklungsprozeß mit.
Imitierten sie anfänglich noch treu europäische Vorbilder
(einschl. der Gesichtsfarbe), wurden ihre Werke im späteren
Verlauf eigenständiger und indianischer. Wesentliche Bedeutung
erreichten hier der Mestize Miguel de Santiago, der vor allem in
der Kirche von San Augustín zu bewundern ist, sowie sein
Verwandter u. Lehrling Nicolás Javier de Goríbar,
der es bereits auf meisterliche Art verstand zeitlose Stilelemente
in seinen monströsen Gemälden unterzubringen. Z. B. Los
Profetas der Kirche La Compañia, oder Los Reyes de Judá
im Santo Domingo - Museum.
Im 18. Jh. streifte die Malerei dann weitgehenst ihre Monumentalität
ab. Perfektion und Finesse stachen hervor.
Folkloristische und naturalistische Aspekte gaben den Ton an. Manuel
Samaniego, der Hauptvertreter dieser
Schaffensperiode, wurde im besonderen von der botanischen Expedition
des Spaniers José Celestino Mutis beeinflußt.
Die zarten Farbschattierungen seiner amerikanistischen Landschaftsgemälde
sind in verschiedenen Klöstern u. Kirchen der Hauptstadt anzutreffen.
Siehe zu Kolonialkunst auch unter “Quito”!
Arte Republicano (Republikanische Kunst, 19. bis Anf. 20. Jh.)
Die Real Audiencia de Quito,
der Kolonialstaat Spaniens, verwandelte sich nach den Unabhängigkeitskriegen
in eine Republik. Der Bruch mit Spanien bedeutete auch eine langsame
Abkehr vom Katholizismus als Mittelpunkt. Eine kapitalistische Entwicklung
stand von nun an im Vordergrund. An die Stelle religiöser Themen
traten übertrieben heroische Darstellungen von Schlachten und
Feldherrn.
Im architektonischen Sinne war das 19. Jh. eine reine Übergangsphase:
vom kirchlichen zum zivilen, vom Barrock zum Neoklassizismus. Das
einzig auffallende Bauwerk aus dieser Zeitspanne ist das Nationaltheater
Sucre in Quito.
In der Malerei trat anfangs Antonio Salas hervor, der sich neben
einer Reihe von Bildnissen u. Porträts (z. B. die Generäle
von Simón Bolívar) auch Landschaften und der sogenannten
Genremalerei widmete. Zwischen 1830 u. 1845 wurden zwei bedeutende
Maler geboren: Luis Cadena und Rafael Troya, die der zweiten Hälfte
des 19. Jhs. ihren Stempel aufdrückten.
Unter den Romantikern ist außer Juan Manosalvas und dem Ambateño
Luis Martínez (ebenso Schriftsteller), ganz besonders Joaquín
Pinto zu erwähnen. Seine Werke enthalten mitunter satirische
bis groteske Elemente. Seine Landschaftsbilder gehören zu den
weitaus schönsten aus der Zeit um die Jahrhundertwende.
Auf dem Gebiet der Plastiken hatte diese Epoche außer den
beiden Cuencanos Gaspar Zangurima (ein Vorfahre gleichen Namens
war bereits im 18. Jh. erfolgreich gewesen), und José Miguel
Veléz, recht wenig zu bieten.
La Era Moderna (Sozialer Realismus, zeitgenössische und
abstrakte Kunst)
Liberalismus und Idealismus führten Anfangs des 20. Jh. zur
Gründung einer neuen Kunstschule, die vor allem einen großen
Beitrag zur ornamentalen Malerei leistete. Der Imbabureño
Víctor Mideros (1888-1969) verblieb als einzigster Vertreter
traditioneller Malkunst. Unter den Vätern der modernen ekuadorianischen
Malerei befinden sich die vom europäischen Impressionismus
inspirierten Pedro León (1894-1956) und Camilo Egas (1889-1962,
Museo Camilo Egas in Quito), sowie Manuel Rendón Seminario,
1894 in Paris geborener Guayaquileño, und sicherlich der
beeindruckendste Repräsentant des neuaufkommenden proletarischen
Realismus. Seine mitunter im Kubismus inspirierten Bildnisse stellen
bronzefarbene Plantagenarbeiter und campesinos montubios mit groben
Gesichtszügen dar. Zu seinen bekanntesten Werken, die in den
Museen Guayaquils und im Casa de la Cultura in Quito zu sehen sind,
gehören El Mayordomo (der Vorarbeiter), La Comadre (die Hebamme)
und Hombre del Acordeón (Ziehharmonikamann).
Zu den besten Skulpturisten dieser anklagenden Neuzeit gehörte
der aus Italien stammende Luigi Casadío (1915-1933 in Ecuador
lebend) mit seinem Monument zu Ehren von Gonzales Suárez,
und Luis Mideros (1898-1970), der eine großartige Freskenarbeit
am Parlamentsgebäude leistete.
Die nachfolgende Generation inspirierte ihre Werke hauptsächlich
in den Erfahrungen der russischen Revolution und dem mexikanischen
Muralismus. Wobei Leonardo Tejada (Latacunga 1908), der Holzschnitzer
Galo Galecio (Vinces 1908) und Diógenes Paredes (1910-1968)
zu den ersten Malern magisch folkloristischer bzw. expressionistischer
Formen zahlten.
Eduardo Kingman (1913) gab seinen realistischen Händen und
Gesichtern eine ungemein dramatische Ausdruckskraft, welche die
jahrhundertealten Qualen der indianischen Bevölkerung widerspiegelte.
Der gebürtige Lojano, seit 1935 ständig in Quito lebende
indígenista, hob vor allem das populäre, mestizen- u.
“cholohafte” hervor. Er gilt heute als einer der hochdotiertesten
Maler des Landes. Zu seinen bekanntesten Bildern zählen Mujer
Ecuatorial oder La Sed (beide 1953). Diese und andere seiner auf
subtile Weise mitreißenden Werke sind z. B. in der Casa de
la Cultura in Quito zu bewundern.
Über den Quiteño Oswaldo Guayasamín (geb. 1919),
dem leidvollsten unter den ekuadorianischen Expressionisten, welcher
laut eigenen Angaben bereits vor 3.000 Jahren geboren wurde, gibt
es für Kunstkenner eigentlich wenig hinzuzufügen. Seine
kolossal tragischen, von extremer Schwermut getragenen Gemälde,
die von unsagbarem Leiden in menschlichen Antlitzen und übergroß
dargestellten Hände erzählen, machten ihn weltberühmt.
Der 79-jährige gilt heute als einer der ganz großen lateinamerkanischen
Maler dieses Jahrhunderts. Ein eigens von ihm geschaffenes Museum,
die Fundación de Guayasamín in Quito, gibt einen Überblick
über seine bekanntesten Werke.
Weitere neuzeitliche Maler des Landes, seien hier der Einfachheit
halber nach Geburtsjahrgängen aufgelistet: Hugo Cifuentes (Otavalo
1923, abstrakt folkloristisch), Ricardo Florsheim (geb. in Hamburg
1924, seit 1981 im barrio Las Peñas in Guayaquil, ironisch
urbaner Expressionismus), Aníbal Villacís (Ambato
1927, präkolumbische Motive), Judith Gutierrez (Babahoyo 1927,
esoterischer Realismus), Gilberto Almeida (San Antonio de Iarra
1928, abstrakt folkloristisch), Luis Molinari (Guayaquil 1929, Dreidimensionalität),
Oswaldo Moreno u. Humberto Moré (beide 1929, Inkorporationen),
Enrique Tábara (Guayaquil 1930, abstrakte Fuß-, Bein-
u. Baumsymbolik), Estuardo Maldonado (Pintag 1930, Formalist), Oswaldo
Viteri (Ambato 1931, sugestive mestizenhafte Kompostionen), Jaime
Villa (Baños 1931, visuelle Rhetorik), Francisco Coello (Ambato
1933, figurativ monströs, heute in der Schweiz lebend), Germán
Pavón (Otavalo 1933, dekorative
Geometrie mit indianischen Wurzeln) u. Juan Castillo (San Antonio
de Ibarra 1934, lyrischer Realist), Theo Constante (Guayaquil 1934,
abstrakte Licht- u. Farbenspiele).
Eine darauffolgende, von Francis Bacon und dem Mexikaner José
Luis Cuevas beeinflußte Generation, wurde vor allem durch
den naiven quitenischen Traumtänzer Endara Crow (1936-96) eingeleitet,
der in den 80er Jahren einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebte.
Seine ausufernd phantasievollen Stadtlandschaften sind mit kunterbunten
Kolonialhäusern, Luftballons, Riesenäpfeln, Einhörnern
und himmlischen Dampfeisenbahnen gespickt. Endara Crow gehört
heute zu den meistimitierten Künstlern des Landes. Die Preise
für ein Original sind nach seinem Tode inzwischen ins unermeßliche
gestiegen.
Weitere interessante Vertreter der Moderne sind Voroshilov Bazante
(Ambato 1939, abstrakt), der Chilene Carlos Catasse (Santiago 1944,
abstrakt), Nelson Román (Latacunga 1945, magische Deformationen),
Juan Villafuerte (geb. in Guayaquil 1945, gest. in Barcelona 1977,
Anhänger des Feismus, wobei das Wort feo auf dt. mit häßlich
gleichzusetzen ist), Washington Iza (Quito
1947, Lichträume), Jorge Artieda (Yaruquí 1946, abstrakt),
Ramiro Jácome (Quito 1948, satirisch-kritische Entmysthifizierung
der Geschichtsschreibung, Bruch mit herkömmlichen Maltraditionen),
Carlos Víver (Quito 1946, magische Ironie), Napoléon
Paredes (Quito 1947, Feismus), Miguel Varea (Quito 1948, unter den
sogenannten feístas einzuordnen), Mariela García (Guayaquil
1950, abstrakt).
Stiche, Gravierungen und andere Materialien: Peter Mussfeldt (geb.
in Berlin 1938, seit 1962 in Ecuador) und Nicolás Svistoonof
(geb. in Shanghai 1945, seit 1953 in Ecuador) gehören hier
zweifelsohne zu den herausragensten Exponenten, auch wenn einige
der bereits erwähnten Künstler außerordentliche
Arbeiten auf diesem Gebiet zustande brachten. Als versierte Künstler
mit dem Zeichenstift behaupteten sich Giti Norman (1941), Pilar
Bustos (Quito 1945), Luis Aguirre (Quito 1946), Roosvelt Cruz (Guayaquil
1946), Julio Montesinos (Cuenca 1947) und Eda Muñoz (Quito
1948). Unter den Skulpturisten stoßen wir zwangsläufig
auf den Altmetall verarbeitenden Milton Barragán (Riobamba
1934), sowie Jorge Sweet (Guayaquil 1925) und dem konzeptionell
innovativen Mauricio Bueno (Quito 1939).
Die letzte Generation
Hauptmerkmal dieser jungen Multitalente in der Malerei ist eine
grenzenlose Ausweitung ganz unterschiedlicher Tendenzen. Fernando
Torres (Lago San Pablo 1952), Pedro Niaupari (Quito 1954) und Jorge
Perugachy (Otavalo 1954) basieren ihre Kunstwerke im sogenannten
mágico americano, einer lateinamerikanischen Variante des
Surrealismus.
Andere wiederum folgen einem ganz neuen Trend innerhalb des Feismus.
Dazu gehören Carlos Rosero (Chone 1952), José Villareal
(Ibarra 1957), Hernán Cueva (Quito 1957), und der von beißendster
Originalität geprägte, inzwischen hochdotierte Italo-Ekuadorianer
Luigi Stornaiolo (Quito 1956), dessen grotesk verzerrte Bildnisse
von schockierend wollüstigem Sarkasmus und krasser Gesellschaftskritik
überzogen sind. Er gilt heute als einer der herausragensten
Künstler des Landes. Seine hemmungslos morbiden wie blasphemischen
Werke, die alle bisherigen Kunstrahmen zu sprengen scheinen, haben
u. a. auch in Australien das Publikum auf beunruhigende Weise seduziert.
Besonders erwähnenswert sind hierbei Caracteres de Miseria
en el V. Piso (1994), Referente Amazónico (1989), Salinas
(1992), sowie jede Menge anderer abstoßend anziehender Gemälde.
Ein ganz heißer Tip für Kunstsammler mit dickem Portemonnaie!
Die neoexpressionistische Sparte ist vor allem durch Pablo Barriga
(Quito 1948, Popart), Marcelo Aguirre (Quito 1956, düstere
Farben), Carlos Castillo (Ibarra 1956, Neue Wilde), Pilar Flores
(Quito 1957, großformatig),
dem gebürtigen Chilenen Alejandro Vásquez (1959, dramatischer
Erotismus), und dem jungen knallharten Deformisten Whitman Gualsaquí
(Otavalo 1969) vertreten.
Foto:Luigi Stornaiolo - Salinas!
Artesanía (Populäres und indianisches Kunsthandwerk)
Unter dem Begriff Volkskunst, arte popular, arte folclórica,
artesanía oder arte indígena, werden die in populären
Kulturbereichen verwurzelten Kunst- und Gebrauchsgegenstände
aus Stroh, Holz, Wolle, Leder, Ton, Stein o. Metall zusammengefaßt.
Die Ursprünge dieser volkstümlichen Kunst sind in den
Traditionen und spirituellen Bedürfnissen lokaler und regionaler
Bevölkerungsgruppen zu suchen. Die handgefertigten Artikel
und Gegenstände zeichnen sich meist durch ihre Persönlichkeit
aus, keines gleicht dem genau anderen, selbst wenn die Unterschiede
oftmals nur minimal sind. Wasserdichte Hüte aus Palmstroh,
bunte Papageien aus Balsaholz, Teppiche aus Schilf, Pullover u.
Ponchos aus Lamawolle, Hängematten u. Netztaschen (shigras)
aus Lianen, Schachfiguren aus Tagua-Nüssen, naive Malerei auf
Schafshäuten, oder aufwendig verarbeiteter Gold-, Silber- u.
Kupferschmuck, sind nur einige Beispiele dieser eigenständigen,
variationsreichen, und qualitativ ganz widersprüchlichen, inzwischen
völlig etablierten Kunstrichtung. Zu den Charakteristiken der
irrtümlicherweise auch als Souvenirkunst u. Airport-Art abgewerteten
Kreationen, gehören sowohl vielfältige Darstellungen aus
dem Flora- u. Faunabereich, sowie die Verwendung indianischer Motive.
Die ungar-deutsche Immigrantin Olga Anhalzer Fisch setzte sich seit
den 40er Jahren bis zu ihrem Tode 1993 unermüdlich für
das populäre ekuadorianische Kunsthandwerk ein, und führte
dies praktisch im Alleingang aus seinem Schattendasein. Die ehemalige
Düsseldorfer Kunststudentin gilt als Wegbereiterin des in den
70er Jahren einsetzenden Aufschwungs folkloristischen Schaffensdrangs.
Ihr vornehmes Folklore-Geschäft befindet sich in der Av. Colón
260 in Quito, zw. 12 de Octubre u. 6 de Diciembre.
Eine Schatztruhe sowohl an ekuadorianischem wie auch lateinamerikanischem
Kunsthandwerk stellt die Galería Latina dar, Av. Juan León
Mera in Quito (zw. Pres. Wilson u. Veintimilla). Auf zwei Stockwerken
findet der anspruchsvolle Artesanía-Freund hier so ziemlich
alles was das Herz begehrt: Wandteppiche, Schmuck, Alpakapullover,
Lederwaren und Keramik.
Die staatliche Organización Comercial Ecuatoriana de Productos
Artesanales (OCEPA) kümmert sich hingegen um die weltweite
Kommerzialisierung preisgünstiger ekuadorianischer Souvenir-Kunst.
Größter Absatzmarkt der Organisation ist Nordamerika.
Calle Carrión 1236 y Versailles in Quito.
Textilien und Stickereien: Unter den Kunstwebern Ekuadors stechen
besonders die Otavaleños aus der Provinz Imbabura hervor,
welche derzeit den landesweit größten Produktionsumfang
an textiles artesanales innehaben. Der berühmte Samstagsmarkt
von Otavalo gehört bei Touristen aus aller Welt mit zum Pflichtbesuch
einer jeden Ekuadorreise. Umgekehrt scheint ein jeder Ort auf der
Welt auch zum Pflichtprogramm der Otavaleños zu gehören.
Man sieht ihre langen geflochtenen Zöpfe, die dunkelblauen
Ponchos und weißen Leinenhosen, in fast allen Fußgängerzonen
europäischer und nordamerikanischer Stadtzentren.
Die aus präkolumbischen Zeiten herrührende ikat-Färbetechnik
besteht aus einer rein oberflächlichen Einfärbung, während
abgedeckte Stoffteile ihre ursprüngliche Farbe beibehalten.
Diese schnelltrocknende Technik ermöglicht bereits im Verlauf
einer Webarbeit die gleichzeitige Einfärbung variantenreicher
Muster und Designs.
Der Poncho zählt mit zum gebräuchlichsten Kleidungsstück
der ekuadorianischen Hochlandbevölkerung. Er drückt bei
den indígenas soziale Stellung oder Wohlstand aus. Die sogenannten
dos caras - Ponchos der Otavaleños, mit unterschiedlichen
Blautönen im Bund und auf der Innenseite, deuten auf eine beneidenswerte
sozial-ökonomische Lage des Trägers hin. Die rosarot-gestreiften
Lamawoll-Ponchos aus Natabuela (Prov. Imbabura), welche nur zu bestimmten
Anlässen wie z. B. dem Fronleichnamsfest getragen werden, sind
die farbenprächtigsten des Landes. Aus der Chimborazo-Region
heben sich besonders die rot-blauen Ponchos aus Cacha hervor, welche
ikat-Einfärbungen in Form von Treppen-Rautenmustern aufweisen.
Die Saraguro-Indianer ganz im Süden des Landes benutzen einen
übergroßen schwarzen Poncho mit violetten Seitenstreifen.
Tapices und alfombras (Wandteppiche/Teppiche) werden auf ekuad.
Territorium seit Jahrhunderten produziert. Unter den bunten Wandteppichen
des Otavalo-Marktes fallen besonders die vielen Tiermotive, vornehmlich
Darstellungen von Fischen und Kranichen ins Auge. In Guano (Chimborazo-Region),
dem bedeutendsten Zentrum handgeknüpfter Läufer und Schafswollteppiche
in Ecuador, werden ganz unterschiedliche Modelle mit geometrischen
oder geblümten Mustern angeboten. Die Qualität hängt
dabei von der jeweiligen Knotenmenge pro Quadratmeter ab. 40.000
Knoten sind die Regel, bei den feineren Teppichen sind es bis zu
60.000 Knoten. Importierte Chemiefarben sind die Norm. Die in Quito
produzierten Schafswollteppiche der Firma Tingo ähneln ein
wenig den dickflauschigen Tibeter-Teppichen aus Zentralasien. Zwei
Geschäfte vertreiben die mit teils präkolumbischen Motiven
versehenen alfombras: Av. Amazonas 897 y Wilson (Tel. 527827), oder
weiter nördlich in der Av. Amazonas 5360 e Isla Baltra (Tel.
249068).
Auch in Ambato werden mitunter schöne Teppiche hergestellt.
Die wollenen Prachtstücke der Designerin Paula Barragán
zählen hierbei zu den künstlerisch wertvollsten Arbeiten
des Landes.
Die unterschiedlichen Details der bordados, Handstickereien, schmücken
und identifizieren vornehmlich die Blusen indianischer Frauen. Jede
Region des Andenhochlandes weist andere Farben und diseños
auf. Die in Blumen u. Blättern, sowie Bauernszenen inspirierten
Stickereien auf Kleidungsstücken, Tüchern und auch Servilleten
aus der Gegend um Cayambe, Olmedo, Zuleta, Angochagua, La Esperanza
und Mariano Acosta (Prov. Imbabura), erfreuen sich landesweit großer
Beliebtheit. Auch viele Frauen aus Chordelég (bei Cuenca)
verbessern die dürftigen Familieneinkünfte mit der Herstellung
dieser dekorativen artesanía.
Sombreros de lana, Wollhüte, werden vor allem in den Hochlandprovinzen
Cotopaxi, Tungurahua, Chimborazo, Bolívar u. Cañar
von der indianischen Bevölkerung bei allen Alltagstätigkeiten
getragen. Bei den Saraguro- u. Salasaca-Indianern hingegen werden
die breiten, teils mit Gips oder Mehl gestärkten sombreros
lediglich bei festlichen Aktivitäten zur Schau gestellt.
Keramik: Die Wurzeln ekuadorianischer Töpferkunst sind bis
auf 5.000 Jahre zurück zu verfolgen. Die Entdeckung der kleinen
Venus-Figuren der Valdivia-Kultur erregte in internationalen Fachkreisen
sogar weltweites Aufsehen. Hatte man bis dahin die Entstehung der
Keramik auf dem Kontinent einem viel späteren Zeitpunkt zugeschrieben,
so mußte diese Ansicht bereits während der 50er Jahre,
nach den sensationellen Funden des Guayaquilenischen Archäologen
Emilio Estrada, revidiert werden. Die Venus de Valdivia, Symbol
von Fruchtbarkeit und Geschlechtsreife, gilt heute als magischer
Schrittmacher der gesamten amerikanischen Keramikproduktion.
Im Laufe der Jahrhunderte durchfuhr die Töpferkunst mehrere
glanzvolle Etappen, deren schöpferischste Vertreter sowohl
an der Küste wie auch im Hochland beheimatet waren. Zu den
wertvollsten Keramiken zählen unter anderem die “Fliegenden
Untertassen” der Narrío-Kultur (südl. Hochland),
die “singenden Krüge” der Chorrera-Kultur (Küste),
die zoomorphen - anthropomorphen Schamanen- und auch Erotikfiguren
der Jama Coaque-, Bahía- u. La Tolita-Kultur (Küste),
oder die “langen Nasen” der Manteño-Kultur (Küste),
um nur einen Bruchteil von ihnen zu nennen. Frauen, Krieger, Jäger,
Seefahrer, Künstler, Philosophen und Fabelwesen geben anhand
von süßlichen wie furchteinflössenden Darstellungen
Aufschluß über die Bedeutung der uralten Töpfertraditionen
Ekuadors.
Die wichtigsten Produktionsstätten des Landes sind heutzutage
sowohl im Hochland, im Küstenbereich, als auch im Amazonastiefland
zu finden. Besonders hervorzuheben ist der kleine Ort La Pila im
südlichen Manabí (Küste), welcher sich auf die
detailgetreue Reproduktion präkolumbischer Figuren, Masken
u. Krüge, sowie liebevoll erstellten Strassen- u. Alltagsszenen
spezialisiert hat.
Auf dem Markt von Pujilí, in der zentralen Andenprovinz Cotopaxi,
werden vor allem festliche Bauernszenen, Tänzer, Musiker, Stierkämpfer
und auch Hazienda-Tiere dargestellt. In Cuenca, Chordelég
u. Gualaceo erreicht die Keramikproduktion inzwischen massive Ausmaße.
Schön dekoratives, mit Tier- u. Pflanzenmotiven versehenes
Steingutgeschirr, sowie Markt- u. Alltagsszenen, Modellhäuschen,
Ranchera-Busse, und abstrakte Gegenstände bilden ein breitgefächertes
Spektrum. Zu den Meistern in dieser Region zählt der in Chordelég
lebende Künstler Salvador López. Seine Werkstätte
befindet sich am Eingang des kleinen Städtchens. Die Krüge,
Schalen, Teller u. Tassen des vor über zehn Jahren verstorbenen
maestros Pompillo Orellana, ebenfalls aus Chordelég, gehören
heute landesweit zu den kostbarsten Kunstobjekten auf diesem Sektor.
Im amazonischen Puyo, Provinz Pastaza, werden mit mythischer Tiersymbolik
versehene Schalen und Krüge hergestellt. Kleine bis mittelgroße
Figuren monstergleicher Fabeltiere und unter Drogeneinfluß
stehender Schamane, zählen zum attraktiven Repertoire dieser
delikaten, und infolgedessen auch leicht zerbrechlichen quichua-canela-Keramik
aus dem tropischen Einzugsbereich des Río Pastaza. Viele
Geschäfte in Quito vertreiben diese unter Touristen mehr und
mehr beliebten Kunstobjekte.
Schmuck: Die bedeutendste Edelmetallschmiede des antiken Ecuador
brachte die La Tolita-Kultur aus der nördlichen Esmeraldas-Region
hervor, die es bereits vor über 1.500 Jahren verstand Gold
mit Platin zu verschmelzen. Leider sind aus dieser Epoche nur ganz
wenige Schmuckstücke wie ein geklopft-geflochtener Brustkorbschmuck,
oder eine Grabmaske mit dem beweglichen Antlitz des Sonnengottes
(dem die Winde ewiges Leben einhauchten) erhalten geblieben. In
den weitläufigen Ausstellungsräumen der Casa de la Cultura
in Quito sind diese einzigartigen archäologischen Fundstücke
zu bewundern.
Unter dem Begriff cera perdida versteht man eine altüberlieferte
Technik zur Herstellung von Gußformen mit Hilfe von Bienenwachs,
Lehm u. Stroh. Diese äußerst prekäre Art der Metall-Modellierung
tauchte erstmals auf der Halbinsel Santa Elena auf, wo nachwievor
kupferne, bronzene u. silberne Objekte wie Gürtelschnallen
oder Reitsporen aus alten Münzen entstehen.
In vielen Regionen des Hochlandes sind komplizierte Ohrgehänge,
schwere Silberarmreife, venezianisch anmutende Perlenhalsketten
aus Korall bzw. alten Silbermünzen, sowie übergroße
tupus, Schalnadeln aus Silber-, Messing,- u. Nickellegierungen die
bevorzugten Accessoires indianischer Frauen. In Quito und Guayaquil
verbinden die renommiertesten Juweliere inzwischen althergebrachte
Techniken mit modernen Designs. Die Inkorporation präkolumbischer
Edel- und Halbedelsteine wie Smaragde o. Lapislazuli, gibt den oftmals
avangardistischen Schmuckstücken einen regionalen Beigeschmack.
Filigraner Gold- und Silberschmuck wird heute vor allem in der Region
um Cuenca und Chordelég angefertigt. Barocke Verschnörkelungen
gehören zu den Charakteristiken der dort beheimateten, auf
eine Jahrhunderte alte Tradition zurückblickende Juwelierzunft.
Verspielte Ohrringe, Armreife, Broschen, Anstecknadeln (tupus),
oder dekorative Schauobjekte fürs gepflegte Wohnzimmer, sind
in dieser südlichen Cañar-Provinz preisgünstiger
als in der Landeshauptstadt zu finden.
Außergewöhnliche Halsketten, Ohrringe, Armreife und größere
Kunstgegenstände aus schwarzem Korall werden vornehmlich in
Atacames (La Boutique del Ministro), in anderen Orten der nördlichen
Küste, und in Guayaquil hergestellt. Auf den im Aussterben
begriffenen letzten Coral Negro muß freilich hingewiesen werden.
Einfach nicht kaufen das Zeug!
Leder, Holz, Balsa, Bambus, Liane, Stroh, Nüsse, Horn, Brotteig,
Muscheln, Knochen, Ziegenhaut & Zähne:
Lederwaren aller Art werden heute vornehmlich in Cotacachi, eine
gute Viertelstunde nordwestlich von Otavalo, hergestellt. Den ersten
Aufstieg zum Lederzentrum des Landes erlebte das kleine Andenstädtchen
während des zweiten Weltkrieges, als die Nachfrage für
rindslederne Zigarettenetuis seitens der US-Armee gewaltig anstieg.
Beamte, Bäcker und Bauern verließen ihre angestammten
Arbeitsplätze. Sämtliche Anwohner Cotacachis widmeten
sich von nun an, weitab von den Kriegsgeschehnissen in Europa, ausschließlich
dieser einträglichen Tätigkeit. Mit dem Ende des zweiten
Weltkrieges mußten dann viele der plötzlich entwurzelten
Etui-Hersteller ins benachbarte Kolumbien auswandern, und Cotacachi
geriet erstmal wieder in Vergessenheit. In den 70er Jahren begann
für die Cotacacheños dann erneut der Aufschwung. Die
heutigen Zielmärkte des Cotacachi-Leders sind sowohl auf den
kolumbianischen und überseeischen Touristenzustrom, als auch
auf die Sättigung des Binnenmarktes ausgerichtet, in erster
Linie die Landeshauptstadt Quito. In ganz Cotacachi lebt ein jeder
wieder vom Leder. Mehrere Dutzend Geschäfte entlang der Hauptstraße
machen dies mehr als deutlich. Jacken, Taschen, Portemonnaies, Gürtel
u. Schuhe zählen zu den meistverkauften Artikeln. Qualität
(Reißverschlüsse) und Designs entsprechen dabei nicht
immer den gewünschten Anforderungen. Dies sollte beim Kauf
berücksichtigt werden.
In der Gegend um Portoviejo, Chone und Flavio Alfaro in der Küstrenprovinz
Manabí wird ebenfalls Leder kunstvoll verarbeitet. Schöne
Pferdesättel, Reitgerten und Machetenscheiden umfassen das
Angebot. Im südl. u. zentralen Hochland hingegen gibt es in
Cuenca und Ambato mitunter die interessantesten Sattlereien.
Eine vielfältige Auswahl an Holzmasken wird in Tigua, Zumbahua,
Pujilí und Saquisilí, in der Andenprovinz Cotopaxi
angeboten. Zu den Altmeistern unter den mythologischen Tier- und
Menschenmaskenbildnern zählt Alejandro Jacha aus dem Städtchen
Saquisilí. Nußbaum, Binsenholz (junco), und manchmal
auch Zedernholz wird zu deren Herstellung verwendet.
Ebenfalls aus Tigua stammen auf Schafshaut und Holzschemeln verewigte
naive Malereien, die hauptsächlich Bauern- und Landschaftsszenen
wiedergeben. Sie gehören mit zu den begehrtesten Kunsthandwerksobjekten
und haben inzwischen massenweise Nachahmer gefunden. Die überall
auf Quitos Strassen angebotenen bunten Naiv-Gemälde mangeln
jedoch oftmals an Originalität und Qualität. Nur wenige
der improvisierten Strassenverkaufs-Künstler erreichen dabei
das Niveau der alteingessenen Tigua-Meister.
San Antonio de Ibarra ist für seine preiswerten, religiösen
und bäuerlichen Holzfiguren in allen Größen bekannt.
Zwischenzeitlich werden aber auch moderne Holzplastiken angefertigt.
Holzgeschirr aus guayacán, Zeder- und Lorbeerbaum in zeitlosen
Designs findet man hingegen in Cuenca.
Wogegen naturbelassene Tierfiguren, Miniatur-Einbaumkanus und übergroße
Suppenlöffel, von den Chachis-Indianern in den Niederungen
des Río Cayapas (nördl. Esmeraldas) geschnitzt werden.
Auf der Halbinsel Santa Elena werden preiswerte Möbel aus palo
de vaca, einem sehr leichten hellen Holztyp produziert, sowie weit
exklusivere aus dem legendären Guayacán-Holz. Die Designs
entsprechen einer Mischung aus lokalen, südländischen
u. skandinavischen Einflüssen.
In der Provinz Manabí und im Noroccidente von Quito werden
einfache Klappstühle, Sonnenliegen, Kommoden oder auch Küchenmöbel
hergestellt, und mancherorts an Wochenenden direkt am Straßenrand
verkauft.
Puyo, die Hauptstadt der Amazonas-Provinz Pastaza, hat sich auf
die Verarbeitung von Balsaholz spezialisiert. Bei den zoomorphen,
aus Tierkörpern “herausgewachsenen” Hockern, Schemeln
u. Bänken, handelt es sich um Häuptlingsinsignien der
amazonischen Waldlandkulturen, welche auf die Position des Besitzers
hinweisen. Den allergrößten Teil der Balsaproduktion
aus Puyo machen jedoch die bunten Papageien u. Tukane, Gürteltiere
u. schwenkbaren Schlangen, Tropenfische u. Früchte aus. Auch
in Baños werden die beliebten Souvenirs gefertigt. In Quito
ist jedes Artesanía-Geschäft voll davon.
Möbel aus bambú o. guadúa (Bambus), aus mimbre
(einer Lianenart namens pitigua), oder aus paja toquilla (einer
Palmstrohart) werden in Quito auf dem Mercado Santa Clara, und in
der Provinz Manabí in Montechristi angeboten.
Letzterer Ort ist darüberhinaus die Wiege des Feinsten aller
Strohhüte, dem sombrero fino de Panamá. Siehe im Routenteil
unter “Montechristi”. Aber auch im Hochland werden in
der Gegend um Cuenca superfeine
Strohhüte hergestellt. Eine Reihe von unterschiedlichen Naturfasermaterialien
in Form von Körben (canastas), Untersetzern, Lampenschirmen
oder Fußabtretern (rodapiés), werden an vielen Orten
der Küste und des Hochlandes oftmals schon am Straßenrand
verkauft.
Shigras (Netztaschen) und hamacas (Hängematten) aus den widerstandsfähigen
Fasern der Chambira-Palme gibt es an manchen Orten im Oriente (Amazonastiefland)
zu kaufen (z. B. in Puyo o. Macas). Nylon-Vermischungen sind jedoch
immer häufiger. Auch geht der Rohstoff durch die große
Nachfrage so langsam zu Ende. Die Preise für die hundertprozentigen
Naturfaserprodukte sind daher stark gestiegen. Der Arbeitsaufwand
für eine Shigra liegt bei vier Tagen, für eine Hängematte
braucht es bis zu einem Monat und mehr.
Die harte Kernfrucht der Tagua-Palme, auch als “vegetarisches
Elfenbein” bezeichnet, hat in den letzten Jahren, dank Ökowelle
und Tourismus, ein geradezu kometenhaftes Revival erfahren. Tagua
wurde schon vor mehr als einem Jahrhundert für die Herstellung
von Knöpfen, Kronenkorken, JoJos und Schachfiguren verwendet.
Im Zuge der eintretenden Plastik-Ära verlor der wunderschöne
Rohstoff dann mehr und mehr an Bedeutung. Größter Auslandsabnehmer
ist derzeit wie damals Deutschland, gefolgt von Japan, Italien und
der Schweiz. Spielzeug und kleine Kunstobjekte aus Tagua werden
heute vor allem in der Andenstadt Riobamba hergestellt. Die Anbauzonen
der 5-6 m Palme befinden sich aber in Höhenlagen unter 1.500
Meter. Siehe auch im Routenteil unter “Manabí”!
Außergewöhnliche Kunstmöbel, Schachspiele,Spielwürfel
und futuristische Objekte aus Kokosnuß werden in vereinzelten
Geschäften in Quito und Guayaquil angeboten. Buntbemalte Figuren
und Weihnachtsbaumschmuck aus Brotteig (Calderón bei Quito),
Kämme und Pillendöschen aus Horn oder Knochen (Küste
u. Hochland), Schrumpfköpfe aus Ziegenhaut (Südoriente),
Glücksbringer aus Muscheln (Küste) und Zahnamulette (Oriente),
vervollständigen die reichhaltige Palette typisch ekuadorianischer
Souvenirs und Artesanía.
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