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Die wahren Anfänge ekuadorianischer Schreibkunst sind sicherlich
nicht in der frühen Kolonialepoche zu suchen.
Selbst wenn es aus jener furchtbar finsteren Zeit viel zu berichten
gegeben hätte (zumindest für die indianische Bevölkerung),
wurde dies von einem rigurosen menschenfeindlichen Katholizismus
im Keim erstickt, an den Wurzeln gepackt, ausgerissen, verbrannt,
und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die wenigen jahrhundertealten
Schriftstücke der “Audiencia de Quito” geben fast
ausschließlich entrückte theologisch-philosophische Weltanschauungen
wieder, anstatt daß sie von sozialen Katastrophen, Folter,
Mord und Wahnsinn berichten würden. Das einzig nenneswerte
literarische Produkt dieser Epoche ist eine Gedichtsammlung zeitgenössischer
“ekuadorianischer” Poeten, die der 1620 geborene Jesuitenmönch
Jacinto de Evía veröffentlichte. Ihr Titel lautet auf
den hübschen Namen Ramillete de varias flores poéticas.
Auch die Literatur des 18. Jh. wurde in erster Linie von Angehörigen
eines humanistisch orientierten Jesuitenordens bestimmt. Dabei erschienen
die hochpreisenden Lieder auf Quito
und Guayaquil (Décimas)
von Juan Bautista Aguirre, sowie das dreibändige Geschichtswerk
Historia del Reino de Quito von Juan de Velasco. Mit der Ausweisung
der progressiven Jesuiten mußten diese und andere schöpferisch
tätige Ordensbrüder dann plötzlich über Nacht
das Land verlassen.
In den Jahren vor der Unabhängigkeit kam es endlich zu ersten
eigenständigen literarischen Ausbrüchen, die sich vor
allem in den politischen Wirren der auslaufenden Kolonialepoche
widerspiegeln. Als geistiger Wegbereiter der Republik gilt hierbei
Eugenio Espejo (1747-95), der sich in seinen Werken El retrato de
Golilla und El nuevo luciano o despertador de los ingenios erstmals
offen gegen die Monarchie auflehnte. Espejo war nicht nur ein eingefleischter
Anhänger der französischen Revolution, sondern auch der
erste Zeitschriftenherausgeber des Landes (Primicias de la cultura
de Quito). Er starb schließlich aufgrund seiner provozierenden,
auf Geheiß der Monarchie verbotenen Veröffentlichungen,
in einem dunklen Verließ der Landeshauptstadt. Ein weniger
politischer, dafür aber umso dichterischer Vorreiter der Unabhängigkeit
war der Guayaquileño José Joaquín de Olmedo
(1780-1847), der mit seinen Lobpreisungen auf Simón Bolívar
weit über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregte. Olmedo
wurde zum ersten republikanischen Bürgermeister von Guayaquil
ernannt. Siehe zu Jesuiten, Espejo u. Olmedo auch unter “Geschichte”!
In den Jahrzehnten nach Erreichen der Unabhängigkeit taten
sich insbesonders zwei Schriftsteller aus Ambato hervor, die es
allerdings erst nach ihrem Tode zu nationalem Ruhm bringen sollten.
Der Poet Juan León Mera (1832-94) verfasste neben den Zeilen
zur Nationalhymne auch den ersten ekuadorianischen Roman namens
Cumandá (1879), der sich in der indianischen Tragödie
inspiriert und darüberhinaus kritisch mit ihr auseinandersetzt.
Zur Schlüsselfigur des aufkommenden Liberalismus wuchs jedoch
der Romantiker, Ideologe und Prosaist Juan Montalvo (1832-89) heran.
Seine polemisierenden Schriften über Tyrannei und religiösen
Fanatismus waren in erster Linie gegen die Diktatur von García
Moreno gerichtet, der ihn wiederholt ins Exil verbannte. Zu seinen
Hauptwerken zählen die stark politisch angehauchten Pamphlete
La dictadura perpetua, El cosmopolita u. Las Catilinarias, das Drama
El dictador, das von der Kirche verbotene humanitär-philosophische
Siete tratados, sowie Capítulos que se olvidaron a Cervantes,
daß eine originelle wie weiterführende Nacherzählung
von “Don Quíjote” darstellt. Montalvo starb während
einer schweren Lungenoperation, nachdem er sich starrsinnig der
Narkose verweigert hatte. Stattdessen gab er seiner Pflegeschwester
ein paar Münzen damit sie Blumen kaufen gehe. “Ein Leichnam
ohne Blumen hat mich schon immer traurig gemacht” waren angeblich
seine letzten tröstlichen Worte. Der Haudegen und Heerführer
Eloy Alfaro fasste Montalvos Tod hingegen als schweren Schicksalsschlag
für die gesamte liberale Bewegung auf: “Wir sind jetzt
verdammt nochmal Waisenkinder geworden!”
Eine naturalistische Welle brachte im Zuge der liberalen Revolution
dann einige nenneswerte Dichter und Erzähler hervor.
Unter ihnen der aus Cuenca stammende Journalist Manuel J. Calle
mit Leyendas del tiempo heroico (1905), sowie der Ambateño
Luis A. Martínez mit seinem sozialkritischen Roman A la costa
(1904), der übrigens jedem Spanisch lernenden Touristen aufgrund
des relativ einfachen Sprachgebrauchs als eine Art Einstiegswerk
zu empfehlen ist. Es geht um Ausbeutung, Abwanderung vom Hochland
zur Küste, und die vielen unbekannten Gefahren bei der harten
Plantagenarbeit.
Ende der 20er Jahre dieses Jh. begann für die heimische Literatur
dann eine Art Frühlingserwachen. Dies drückte sich beim
Schreiben in einem stark gewachsenen Klassenbewußtsein aus,
daß mit viel tropischer Alltagsfolkloristik, Rassenproblematik,
Erotismus, und dem Gebrauch von populären Mundarten gepfeffert
wurde. Die federführenden Vertreter dieser neuen anklagenden
Stilrichtung gehörten fast allesamt der avangardistischen Grupo
de Guayaquil an.
Die erste aufsehenserregende Veröffentlichung dieser Gruppe
war der 1930 erschienene Kurzgeschichtenband Los que se van von
Demetrio Aguilera Malta (1909-81), Joaquín Gallegos Lara
(1911-47) und Enrique Gil Gilbert (1912-73). Im Mittelpunkt dieser
unterhaltsamen Erzählungen stehen immer wieder die montubios,
verarmte Bauern der feucht-heißen Küstenregion. Diese
“Ur-Autoren” der ekuadorianischen Schreibkunst brachten
daraufhin noch weitere volkstümliche novelas hervor. Besonders
erwähnenswert sind Don Goyo (1933) von Demetrio Aguilera Malta,
sowie die Kurzgeschichten Relatos de Emanuel (1939) und der Roman
Nuestro pan (1942) von Enrique Gil Gilbert. Der Gruppe schlossen
sich wenig später noch zwei andere Schriftsteller an. Unter
ihnen der facettenreiche und charakterfreudige Alfredo Pareja Diezcanseco
(geb. 1908), zu dessen bekanntesten Romanen La Beldaca (1934), Baldomera
(1935), Hombres sin tiempo (1941) und Las tres ratas (1944) gehören.
In diesem Zusammenhang ist innerhalb der Guayaquil-Gruppe besonders
José de la Cuadra (1903-41) hervorzuheben, einer der ganz
großen Meister der ekuadorianischen Erzählkunst. Wer
auf Kurzgeschichten steht und sich der spanischen Sprache bastante
mächtig fühlt, sollte hier unbedingt zuerst zugreifen!
Selbst wenn das magisch-revolutionäre in seinen Werken längst
einer anderen Vergangenheit angehört, haben Cuadras alltägliche
Begebenheiten über das Leben und Sterben der ekuadorianischen
Küstenbewohner auch nach über 60 Jahren kaum etwas von
ihrer zärtlich-grausamen Spontanität eingebüßt.
Seine schönsten literarischen Perlen sind in Repisas (1931),
Horno (1932), und Los Sangurimas (1934/39) wiederzufinden. Los monos
enloquecidos konnte durch seinen frühzeitigen Tod leider nie
beendet werden. In der Sangurimas- Geschichtensammlung geht es u.
a. auch um die spannende Jagd auf das allerletzte Riesenkrokodil
im Río Guayas: Guásinton - historia de un lagarto
montuvio. Die tropisch-erotische novela namens La Tigra (“Die
Tigerin”) wurde inzwischen sogar verfilmt. Einen repräsentativen
Querschnitt durch sein komplettes Schaffenswerk bietet eine zweibändige,
in Spanien gedruckte Taschenbuchausgabe von EDICIONES EDYM, die
1993 unter dem Titel “José de la Cuadra - Cuentos 1
& 2” erschienen ist.
Inspiriert durch die Erfolge der costeños und ihren relatos
montubios entwickelte sich in Quito eine gleichgesinnte Gruppe,
die sich der novela indigenista widmete. Dazu gehörte u. a.
Jorge Icaza, dessen düster gefärbtes Indio-Dorfdrama Huasipungo
(1934) bereits in alle Weltsprachen übersetzt wurde, und daß
sich allein auf einer Buchmesse in Lima (Perú) 50.000 mal
verkaufte. Weitere nennenswerte Veröffentlichungen von Icaza
sind Cholos (1937), sowie eine anekdotenreiche, zutiefst in Quito
verwurzelte Geschichte über einen spitzbübischen bargeldlosen
“Hans-Guck-in-die-Luft” namens El chulla romero y flores
(1958), dessen überzeugend charmanter Persönlichkeit die
Frauen übrigens auch heute noch reihenweise erliegen.
Internationale Anerkennung im ibero-amerikanischen Raum fand jedoch
unter den Vorkriegs-Schriftstellern außer dem Guayaquileño
José de la Cuadra eigentlich nur noch der Lojano Pablo Palacio
(1906-47) mit seinen Cuentos completos (EDICIONES CONEJO). Er gilt
heute als einer der Pioniere moderner lateinamerikanischer Erzählkunst.
Seine wenigen Kurzgeschichten sind stilistisch fast eher den 60er
als den 30er Jahren zuzuordnen. Bereits eine seiner ersten Veröffentlichen
im Jahre 1927 wurde ein Erfolg: Un hombre muerto a puntapiés
(“Ein Mann mit Fußtritten getötet”).
Zumindest ein großer nationaler Bestseller wurde das 1943
erschienene, auf einem landesweiten Autorenwettbewerb preisgekrönte
Rassendrama Juyungo von Adalberto Ortiz (geb. 1914 in Esmeraldas).
In diesem in den Urwäldern von Esmeraldas spielenden Roman
zählen, wie könnte es anders sein, nur die Gesetze des
Dschungels. Die Gedichte des farbigen Autors gelten hingegen auch
über die Landesgrenzen hinaus als wertvolle Bereicherung der
gesamten afro-amerikanischen Lyrik.
Im Verlauf der 40- u. 50er Jahre gewann die ekuadorianische Novelistik
im Hinblick auf die Urbanisierung ihrer Charaktere an Komplexität
und Liebe zum Detail. Zu großen Erfolgen auf nationaler wie
in beschränktem Maße auch auf internationaler Ebene wurden
u. a. die Kurzgeschichtensammlung Los animales puros (1946) von
Pedro Jorge Vera (geb. 1914 in Guayaquil), der Klassenkampf-Roman
Las cruces sobre el agua (1946) von Joaquín Gallegos Lara,
der den blutig verlaufenen Arbeiteraufstand Guayaquils von 1922
wieder aufleben läßt, sowie das sprachlich durchtriebene,
geradezu musikalische El éxodo de Yangana (1949) von Angel
Felicísimo Rojas, und der zu Coronel Conchas Zeiten spielende
Geschichtsroman Cuando los guayacanes florecían (1954) des
in Súa geborenen Schriftstellers Nelson Estupiñan
Bass. Ein herrlich kriegerisches Buch übrigens, daß allen
Spanisch sprechenden und kulturinteressierten Ekuador-Urlaubern
für die Hängematte unter Kokospalmen empfohlen werden
kann. Weitere bedeutende Werke des 1998 zum Literatur Nobelpreis
vorgeschlagenen esmeraldeño sind El último río,
Toque de queda u. El paraíso.
Mitte der 60er Jahre formierte sich eine sogenannte Grupo Tzánzico.
Wie der Name schon sagt machte es sich die Gruppe zur Aufgabe “Köpfe
zu reduzieren” - zumindest im kulturpolitischen Sinne. Aus
dieser literarischen Formation und deren postmodernen Absplitterungen
entstanden schließlich die herausragensten Arbeiten einer
jungen talentierten Nachkriegsgeneration. Darunter finden sich sowohl
Romane als auch Kurzgeschichten, letzteres ein wahrhaftig traditionelles
ekuadorianisches Genre. Dazu gehört u. a. der Roman María
Joaquina en la vida y en la muerte (1976) von Jorge Dávila
Vásquez (geb. 1947 in Cuenca), die Short Story - Sammlung
Historia de un intruso (1976) von Marco Antonio Rodríguez
(geb. 1941 in Quito), das popartige Tribu Sí (1981) von Carlos
Bejar Portilla (geb. 1938 in Ambato), die völlig verückten
Kurzgeschichten Loca para loca la loca von Huilo Ruales Hualca (EDICIONES
ESKELETA 1991), ein mythisch-konfliktiver Weltschmerz-Roman namens
Porqué se fueron las garzas (1982, auf deutsch erschienen
unter “Auf der Suche ich nach mir”) von Gustavo Alfredo
Jácome, sowie der tropisch-geile Ghetto-Klassiker El rincón
de los justos (“Die Nische der Gerechten” 1983) des
Guayaquileño Jorge Velasco Mackenzie (geb. 1949), schlichtweg
eines der Meisterwerke “äquatorialer” Schreibkunst.
Aufgrund des etwas komplexen Strassenslangs ist das etwa 140 Seiten
starke Taschenbuch aber leider nur äußerst sprachgewandten
Touristen zu empfehlen.
Im Zuge dieser langen Konsolidierungsphase der Literatur erschienen
außerdem der atmosphärisch düstere Kurzgeschichtenband
Cabeza de gallo (1966) des Cuencano Cesar Dávila Andrade
(1918-67), der erfolgreich verfilmte Politroman Entre Marx y una
mujer desnuda (1976) von Jorge Enrique Adoum, einem Schriftsteller
der gleich mehreren “Epochen” angehörte, die Kurzgeschichtensammlungen
Ciudad lejana (1982) u. El hombre de la mirada olicua (1989), sowie
der Roman El viajero de Praga (1996) von Javier Vásconez
(geb. 1946 in Quito), oder die Short Stories des Manteño
Raúl Vallejo (Manía de contar 1990), und Cuentos escogidos
(1991) des Quiteño Raúl Pérez Torres (geb.
1941).
Die meisten der hier aufgeführten Titel der letzten 100 Jahre
sind als preiswerte Taschenbuchausgabe bei ANTARES oder EDITORIAL
EL CONEJO erschienen. Sie stellen lediglich einen repräsentativen,
aber keinesfalls einen definitiven Querschnitt ekuadorianischer
Erzählkunst dar, und gehören mithin zu den beliebtesten
Paperbacks unter einheimischen Bücherwürmern. Wobei viele
andere talentierte Autoren einer besseren Übersicht halber
nicht erwähnt werden konnten.
Findige sprachgewandte Leser werden jedoch selbst auf dem jungfräulichen
ekuadorianischen Buchmarkt auf andere interessante Titel stoßen.
Besonders empfehlenswert für Spanisch lernende ist sicherlich
auch ein zweisprachiger Kurzgeschichtenband (Spanisch-Deutsch) von
EDICIONES LIBRI MUNDI, der gleich mehrere zeitgenössische ekuadorianische
Autoren vorstellt, und 1995 bereits in einer Zweitauflage erschien:
Doce Cuentistas Ecuatorianos - Zwölf Kurzgeschichten aus Ecuador
(8 USD), Librería Libri Mundi, Juan León Mera 851,
Tel. 234791/529587, Quito. Mit Abstand die kompletteste Buchhandlung
in Ecuador! Eine Zweigstelle wird demnächst in Guayaquil eröffnet.
Eine exzellente Bücherei für kulturelle, naturalistische
und ethnologische Fragen, ist ABYA YALA in der Avenida 12 de Octubre
14-30 u. Wilson, ganz in der Nähe der Universidad Católica.
Hier findet der geneigte Leser so ziemlich alles was das Land Ecuador
und seine plurinationale Bevölkerungsvielfalt angeht. Angefangen
von den Urwaldindianern, über soziale Thematiken und archäologische
Detailstudien, bis hin zu biologischen Anbaumethoden.
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