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Volker Feser

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Montechristi

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Elegante Strohhüte und völlig verstaubte Reminiszenzen
Das 1741 gegründete Städtchen, Geburtswiege des liberal-revolutionären Anführers und Trans-Ekuadorianischen Eisenbahnschöpfers Eloy Alfaro, ist ein empfehlenswerter Zwischenstop auf der Fahrt vom Machalilla-Nationalpark nach Quito, bzw. in umgekehrter Richtung nach Puerto López. 10 km südöstlich von Manta, 22 km westlich von Portoviejo und 40 km nördlich von Jipijapa, liegt das seit über 150 Jahren für seine handgeflochtenen Strohhüte berühmte Montechristi zu Füßen eines steil aufragenden Hügels.

Außer der geschichtsträchtigen Kopfbedeckung und andere aus paja toquilla (einer Palmstroh-Art) gefertigte Mitbringsel wie Hängematten, Schirmmützen, Umhängetaschen, Untersetzer etc., gibt es in dem schwülen Ort noch ein schönes historisches Gebäude, daß ganz im Zeichen Eloy Alfaros steht, sowie einen sehr imposanten weißen Kirchenbau. Von weiteren Gebäuden aus der Zeit vor u. um die Jhw., unter anderem das Geburtshaus des in Quito ermordeten caudillo, ist heute so gut wie nichts mehr erhalten.

Im historischen Museumsgebäude (Calle Eloy Alfaro, zw. 23 de Octubre u. Rocafuerte) gibt es eine laufende Kunsthandwerksmesse mit der gesamten Palette an Paja Toquilla-Produkten. Da die einheimischen Hutflechter dort die Möglichkeit haben ihre Produkte ohne Zwischenhändler anzubieten, sind auf der kleinen “Stroh-Messe” u. U. die günstigeren Angebote zu ergattern.

Eloy Alfaro: Revolution & Railway Company
Ein wiederholter Annäherungsversuch an den ersten caudillo Lateinamerikas
Die spannende Kultfigur Eloy Alfaro legte nicht nur die ersten “Gleise” für das heutige multikulturelle Ecuador. Die jüngste Geschichte dieses und manch anderem Lande Lateinamerikas, wäre ohne den kleinwüchsigen dunkelhäutigen caballero aus Montechristi wahrscheinlich ganz anders geschrieben worden.

Eloy Alfaro Delgado erblickte am 25. Juni 1842 als Sohn eines wohlhabenden spanischen Kaufmanns und einer einheimischen india in Montechristi - Manabí, das Licht der Welt. Bereits von frühester Kindheit an stand er in direktem Kontakt mit den campesinos (Bauern), ihren Bräuchen, Gewohnheiten und harten Lebensbedingungen. Obwohl Alfaro niemals eine Universität besuchte, verstand er es geschickt sich Gehör zu verschaffen und wurde der Regierung im fernen Quito bald ein Dorn im Auge. Schon als junger Mann begann er sich öffentlich gegen die Obrigkeit aufzulehnen und verurteilte die sklavenartige Behandlung der Landarbeiter, was ihm wiederholt Verhaftung und Kerker einbrachte.

Schlußendlich sah er im bewaffneten Aufstand die einzige Möglichkeit die Vorherrschaft von Kirche u. Großgrundbesitz zu brechen, welche ihn mehrere Male nach Panamá ins Exil zwang. Mit einer im Jahre 1882 angeführten Rebellion in Esmeraldas verbuchte er seine ersten Erfolge. Kurz darauf besetzte er seine Heimatprovinz Manabí, wo sich eine ihm treu ergebene, aus der lokalen Bevölkerung zusammengewürfelte Freiwilligenarmee, die montoneras, geschützt durch den tropischen Urwald, jahrelang behaupten konnte.



Andererseits genoß Eloy Alfaro bald internationales Ansehen als tüchtiger Geschäftsmann. Seine Reisen führten ihn durch die meisten Länder Lateinamerikas und sogar bis nach New York. Sein Sohn graduierte auf der renommierten Militärakademie von West Point. Mit Hilfe ausländischen Kapitals, einem allgemein starken Popularitätszulauf, und unter Anwendung überraschender Guerillataktiken, wurde er zum Entsetzen der Zentralregierung am 5. Juni 1895 während einer revolutionär-liberalen Volksversammlung in Guayaquil zum Jefe Supremo, zum obersten Militärbefehlshaber der gesamten Republik ausgerufen, was praktisch einem Staatsstreich gleichkam und eine erste schwere Niederlage für den Klerus und die Latifundisten in der Sierra darstellte.

Alfaro verdankte seinen Aufstieg einer kuriosen Ansammlung widersprüchlicher Talente: außerordentliche Kapazität auf dem Schlachtfeld, die bedingungslose Unterstützung der armen Landbevölkerung auf den Kakaoplantagen, seine ausgezeichneten Kontakte zum neu aufstrebenden Mittelstand in Guayaquil, sowie sein stetig wachsendes internationales Prestige als Demokrat und Modernisator. Seine ebenfalls erfolgreiche Tätigkeit als Geschäftsmann - Export von Panamáhüten ins Ausland - und die dadurch entstandenen Kontakte zur nordamerikanischen Wirtschaft, ermöglichten ihm die hohen Summen zur Bewaffnung seiner Armee aufzubringen. Das US-Buisness erkannte die Vorteile eines möglichen Staatspräsidenten Alfaros (Konzessionsvergabe des ekuad. Eisenbahnbaus), und begann ihn zu unterstützen. Dem wirklichen politischen Umschwung stand allerdings nach wie vor das Bollwerk des Regionalismus gegenüber. Der gesamte bevölkerungsstarke callejón interandino (andines Hochlandbecken) war praktisch eine Trutzburg des konservativen Klerus. Im Gegensatz zur Küste, wo den allmählich von der Sierra herab emmigrierenden Landarbeitern auf den neu entstandenen Kakaoplantagen bereits ein (wenn auch geringer) Lohn bezahlt wurde und dies gewisse Freiheiten mit sich brachte, herrschte im Andenhochland für die Arbeiter nach wie vor eine Art Sklavendasein. Die praktisch kostenlosen indianischen Arbeitskräfte waren durch ein raffiniertes Verschuldungssystem, welches aus Anleihen u. Vorrauszahlungen für Proviantbeschaffungen beim Lehnherrn bestand, ein Lebtag lang an diesen gebunden. Unbedingter Gehorsam hieß das Schicksal der unterwürfigen Hochlandindianer. Die Kirche mischte dabei kräftig mit. Kostspielige religiöse Verpflichtungen wie Geburten, Heirat o. Beerdigungen, die zu Lebzeiten nicht abbezahlt werden konnten, übertrugen sich automatisch auf Kinder u. Kindeskinder. Alfaro wollte nach eigenen Worten lediglich erreichen, daß “die unglücklichen Indios so behandelt werden, wie dies die humanitären Gefühle einer modernen Zivilisation verlangen.”

Eine alles entscheidende Schlacht gegen die konservative Armee des Hochlandes fand am 14. Aug. 1895 in Gatazo bei Riobamba statt und endete mit einem Sieg der Liberalen, welche daraufhin drei Wochen später triumphierend in Quito einmarschierten. Den rückständigen Konservativen, abgeschnitten vom boomenden Kakaoexport und dessen Zolleinahmen, fehlte es allerdings nicht an der vollen Unterstützung der Kirchenfürsten u. des Vatikans. Alfaros Versuche eine gewisse Harmonie mit dem Papst im entlegenen Rom zu erreichen, scheiterten an dessen katholischer Sturheit. Briefe aus dieser Zeit geben Aufschluß über die Nachsichtigkeit Alfaros in Bezug auf Oppostionelle und Kirche, dem Vermeiden unnötigen Blutvergießens, sowie Amnestie für politische Gefangene. Es allen Recht machen zu wollen, wurde ihm (laut einiger Historiker) schließlich zum Verhängnis. Schwache Regierungsgebilde, ständig wechselnde Minister, Widersprüche in den eigenen Reihen, Intrigen und Verrat waren seine treuesten Begleiter.

Eine neuverfasste Carta Magna enthielt neben der Abschaffung der Schuldenübertragung auf die Erben folgende Punkte: Teilung v. Kirche u. Staat, Religionsfreiheit, weitreichende Enteignung der Kirchenfürsten, Mitsprache bei der Wahl der Bischöfe, Ausweisung ausländischer Orden, zivile Heirat u. Scheidung, sekuläre nichtkonfessionelle Erziehung, politische u. wirtschaftl. Emanzipation der Frau. Aufgrund heftigsten Widerstands der traditionellen Machthaber konnten die “strukturellen Modernisierungsmaßnahmen” aber nur teilweise in die Tat umgesetzt werden, andere blieben beschriebenes Papier. Angestrebte Pläne einer Wiedervereinigung mit Kolumbien scheiterten völlig. Ein Aufblähen des Bürokratieapparates und vielfach erhöhte Steuern begannen seine politischen Koalitionen langsam zu zermürben.

Neben Alfaros gewagten Plänen für eine soziale Staatsreform galt der Eisenbahnlinie von Guayaquil nach Quito sein Hauptaugenmerk. Für den ferrocarril más difícil del mundo (“schwierigste Eisenbahn der Welt”) war er gewillt jegliches Opfer zu bringen. Das Projekt verschlang irrsinnige Summen des Staatshaushaltes und schien zu keinem Ende führen zu wollen. Erdrutsche, Epidemien u. Sabotagen machten monatelange Arbeiten zunichte. Die Großgrundbesitzer waren gegen den Schienenstrang aus Angst ihre Arbeitskräfte zu verlieren, bezahlte die Guayaquil - Quito Railway Company des Nordamerikaners Archer Harmann doch einen viel besseren Lohn. Die transportistas (Kutscher) bangten schlichtweg um ihre Gewinnspannen. Außerdem stand die Sierra jeglicher ausländischer Einmischung von vorne herein sehr skeptisch gegenüber.



Am 17. Juli 1908 stieg der Cóndor Alfaro höchstpersönlich vom ersten Feuer schnaubenden Stahlroß im Bahnhof der Chimbacalle im Süden Quitos herab. Er konnte noch nicht ahnen, daß ihm wenige Jahre später auch eine letzte Fahrt bevorstand. Die Fertigstellung der Eisenbahn kostete vielen Arbeitern das Leben, leerte die Staatskassen, brachte alte Vorherrschaften aus dem Gleichgewicht und schuf neue. Alfaros Feinde hatten die schlimmste aller Niederlagen erlitten, die wirtschaftliche. Eine wochenlange Odysee über die westliche Andenkordillere wurde plötzlich auf zwei Tage reduziert, das abgelegene feudale Hochland unwiderruflich dem internationalen Kommerz zugänglich gemacht.

Im Januar 1912, nach erneuter Rückkehr aus dem Exil, wurde Alfaro und einige seiner tenientes in einem streng bewachten Waggon der Railway Company von Guayaquil nach Quito verfrachtet. Seine Popularität war auf dem Nullpunkt, sein Stern erlosch. Eine dunkle Fäden spinnende Allianz aus rachsüchtigen Konservativen, machtgierigen Liberalen und zynischen Klerikern verlangte seinen Hals. Der Mob, angeführt von kreischenden Weibern, schlug auf den Viejo Caudillo in einer Zelle des gestürmten Panópticum ein und warf ihn aus dem Fenster. Der Leichnam des hijo de una india, “Sohn einer Indianerin”, wurde hinter einem Pferd über die Kopfsteinpflaster Quitos geschleift und im Parque Ejído von der johlenden Meute in Brand gesteckt.

Portoviejo (200.000 Einw.)
La Capital de la “Tierra de Mujeres Hermosas y Hombres Valientes”
Die Hauptstadt vom “Land der schönen Frauen und tapferen Männer”
Die wenig attraktive Hauptstadt der Provinz Manabí, etwa 25 km östlich (landeinwärts) von Montechristi, 195 km nordwestlich von Guayaquil, und 355 km südwestlich von Quito gelegen, hat ausser schweisstreibenden Temperaturen, ein paar hübschen Fassaden aus vergangenen Tagen, einem modernen Fussballstadion, und einer auffallend hohen Konzentration an wunderschönen weiblichen Wesen, nicht viel zu bieten. Letzteres soll keinesfalls ein machistischer, frauenfeindlicher, oder völlig fehl interpretierter Hinweis sein. Portoviejo ist lediglich eine Durchgangsstation für lohnenswerte Ziele in der Manabí-Region. Im Umsteigen begriffene Küstenreisende mit innig verliebtem Anhang (die des Autors Kommentare zum Kotzen finden), halten gerade wegen dieser erotisierenden Begleitumstände, während einem kurzen Zwischenaufenthalt, einfach den Blick stur auf Boden und Verkehr gehaftet, und achten auf die kakaofarbenen Strassenpfützen und kratergleichen Abbrüche im Gehsteig. Eigentlich schade, denn dadurch bleibt an Portoviejo fast kein gutes Haar im Gedächnis. “Ausser Hitze, Staub und Schlamm nichts gewesen”, wird man später berichten.

Die 1535 von Francisco Pacheco gegründete Stadt wird aufgrund seiner vormaligen Tamarinden-Plantagen nachwievor Ciudad de los Reales Tamarindos genannt. Aufgrund einstiger Piratenüberfälle wurde das vormals am Meer gelegene Portoviejo später ins Landesinnere verlegt. Heute ist die Stadt vor allem ein Zentrum der Viehwirtschaft (ganado), sowie des Kaffee- u. Baumwollanbaus. Ihr auffälligstes Merkmal sind die zahlreichen Ceibo-Bäume, welche die ausgedörrten Savannenhügel in der Umgebung zieren.

Wer sich für handgefertigte lederne Machetenhalfter, Gürtel, Handtaschen oder Reitgarnituren interessiert, teils mit Schlangenhaut verziert, sollte einen Abstecher ins 65 km nördlich gelegene Chone wagen, welches sich auf dem Weg nach Santo Domingo, bzw. Quito, befindet. Ausser der Sattlerei von Ricardo Solorzano Ponce in der Calle Washington u. Alejo Lascano (gelbes Haus ganz in der Nähe des Marktes u. der puente de vergel), den typischen mocora-Strohhüten, blutigen Hahnenkämpfen, traditionellen Pferderennen, und einem lustigen Oldtimer-Monument am bypass (Umgehungsstrasse), hat diese drittgrösste Stadt der Provinz Manabí zumindest im touristischen Sinne herzlich wenig zu bieten.

Nordwestlich v. Portoviejo, bzw. nordöstlich v. Manta, befinden sich drei Badeorte, die in erster Linie von regionalen Touristen frequentiert werden: Das rasch wachsende Crucita (25 Min. v. Portoviejo, guter Hügel zum Gleitschirmfliegen, viel los an Wochenenden), sowie die kleineren San Jacinto (35 Min. v. Portoviejo, und San Clemente. Ausländern werden diese Ozean-Flecken jedoch weniger zusagen, selbst wenn der Sandstrand zwischen San Jacinto u. San Clemente über einen attraktiven strömungsstarken Wellengang plus grossartigem Abendrot verfügt. Die Provinz Manabí hat definitiv Besseres am Pazifik zu bieten! Ein Abstecher lohnt sich kaum, auch wenn die Meinungen darüber weit auseinander gehen können. Die meisten europäischen Besucher zeigen sich recht enttäuscht über diese mitunter etwas unsicheren u. verdreckten Orte (teils Schweinewürmer, niguas, im Sand). Wobei das quirlige Crucita für die Portovejenses etwa das gleiche darstellt wie für die Guayaquileños der Badeort Playas, und wegen seiner Infrastruktur, dem Strandgetümmel, und den schmackhaften cebiches, noch am vergnüglichsten erscheint. Währenddessen konnten die beiden anderen Ortschaften, mit ihren hübschen baumbestandenen Hauptstrassen, zumindest einen guten Schuss an tropischem Müssiggang bewahren.

 

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