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Volker Feser

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Riobamba

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Zu Füßen des großen Tiefkühlschranks
Genau in der geographischen Mitte von Ecuador, unterhalb der südöstlichen Flanken des kolossalen Chimborazo-Massivs, streckt sich das geruhsame Riobamba wie eine gähnende Jungfrau im breiten Himmelbett der Turi-Hochebene hin. Die einstige Landeshauptstadt und heutige Capital der Provincia del Chimborazo ist das bedeutendste agrarische Zentrum der ekuadorianischen Anden. Zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen der 5.800 qkm großen Chimborazo-Provinz gehören in erster Linie Kartoffeln, Mais, Milch, Getreide u. Gemüse. Daher ist es auch keine Seltenheit mit Maultieren bespannte Lieferkutschen im kolonial-klassizistischen Stadtbild von Riobamba anzutreffen, oder einen Hauch von gesundem Naturdünger mitten auf der vielbefahrenen Avenida zu erhaschen.

Über 80% der ländlichen Bevölkerung - etwa 300.000 Personen - sind indianischer Abstammung. Meist arme Bergbauern, die bei näherer Betrachtung bereits 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung geboren wurden. Verschwiegene mißtrauische Menschen unter bunten Ponchos und dicken Filzhüten versteckt, ledergegerbte Gesichter unter hohen Packlasten, und an steilen Hängen abgearbeiteten Handflächen.

Hochgebirgsfreunde werden in dieser melancholischen Andenregion auf ein kulturelles wie landschaftliches Panorama stoßen, das zumindest in Ecuador seinesgleichen sucht. Eine herbe Reise durch die Jahrhunderte, über windgepeitschten páramo, an strohbedeckten Lehmhütten und grasenden Lamas vorbei, zu Füßen des mächtigsten Gletscherriesen im tropischen Amerika.

Über den 2.754m hoch gelegenen Pflastersteinstraßen der Altstadt türmen sich an einem wolkenlosen Tag gleich mehrere schneebedeckte Andengipfel: Im Westen der nahezu allgegenwärtige Chimborazo mit seinen fünf Kuppen, “el techo de la patria”, im Nordwesten sein kleinerer Bruder Carihuairazo (5.020m), im Nordosten die schlanke Tungurahua-Spitze (5.016m), und im Osten die gezackte Halbkrone des gewaltigen Altar (5.319m), dem sicherlich beeindruckensten Felsmassiv der Ostkordillere. Bester städtischer Aussichtspunkt für das überwältigende Bergwelt-Spektakel ist der aufgeschüttete Parque 21 de Abril, mit der kolonialen Iglesia de San Antonio im Vordergrund. Der urzeitlich anmutende, feuerspeiende Aschenkegel des 5.230m hohen Sangay, in südöstlicher Richtung, ist jedoch leider von keinem Punkt der Stadt aus zu sehen.

Fast 20 km südwestlich von seiner gegenwärtigen Lage, wurde Riobamba am 14. August 1534 durch den spanischen Eroberer Diego de Almagro bei Cajabamba (auch Villa la Unión), über der zerstörten Puruháes- u. Inkastätte von Liribamba gegründet. Während der Kolonialzeit erlebte die im nördlichen Uferbereich der Colta-Lagune gelegene Stadt einen raschen Aufstieg als Agrar- u. Handelszentrum. Großartige Gotteshäuser, noble Wohnzeilen und herrschaftliche Haziendas, ließen das vormalige Riobamba bald zu einer der prachtvollsten architektonischen Errungenschaften des christlichen Amerika auferstehen.



Aufgrund des apokalyptischen Mega-Bebens vom 4. Februar 1797, blieb von der verschwenderischen Herrlichkeit jedoch nichts übrig. Das pittoreske frühkoloniale Kirchlein von Balbanera, und ein Haufen verwahrloster Mauerüberbleibsel, können heute kaum noch Zeugnis vom einstigen “Pompei” Ekuadors geben. Im bedeutenden Aristokratenviertel von La Merced blieb kein einziger Stein auf dem anderen, und mindestens 10.000 Menschen verloren ihr Leben. Erst zwei Jahre nach der Katastrophe begannen die Riobambeños ihre Stadt am heutigen Ort wieder neu aufzubauen. Hingegen wird vermutet, daß bis zu 30m unterhalb der Erdöberfläche von Cajabamba / Villa la Unión, noch die Reste von insgesamt acht großen Kirchenpalästen, unzähligen Wohngebäuden, und deren Bewohner begraben liegen müssen.

Nach der Befreiung vom spanischen Mutterland durch den argentinischen Coronel Juan Lavalle, in der alljährlich als glorreich verherrlichten Straßenschlacht vom 21. April 1822, wurde Riobamba von 1830 an für über drei Jahrzehnte verfassungsmäßige Hauptstadt von Ecuador. Seit dieser Zeit führt die “Sultana de los Andes” jedoch ein eher zurückgezogenes Dasein, daß lediglich mit der Ankunft der ersten schnaufenden Dampflok im Jahre 1907 einen kurzfristigen Aufschwung nahm. Mit ihr gelangten auch zahlreiche Immigranten aus Europa, Syrien u. dem Libanon nach Riobamba, welches Anfang der 20er Jahre sogar zum drittwichtigsten Kommerz-Knotenpunkt des Landes avancierte.

Nach einem 1927 erfolgten, symbolträchtigen Bankrott der Sociedad Bancaria del Chimborazo, verfiel die kühle Andenstadt dann endgültig in einen lang anhaltenden Dornrößchenschlaf. Erst im Zuge der allerorts einsetzenden urbanen Bauspekulation in den späten 80ern, erhielt Riobamba neue zukunftsweisende Impulse. Einer davon lautet zweifelsohne Tourismus. Darauf bauen die freundlichen Bewohner der nach eigenen Worten “schönsten Hochlandprovinz” inzwischen ganz besonders. Um den finanzstarken reisefreudigen Rest der Welt werben sowohl die Stadtväter wie auch zahlreiche heimatverbundene Privatleute. Die hierbei von Mutter Natur gegeben Voraussetzungen zwecks “massiver” Erfolgsaussichten, könnten die Riobambeños sogar dazu bringen Berge zu versetzen!

Sehenswürdigkeiten in der Altstadt
Neben einem Schachbrettmuster-Straßennetz mit Häuserfassaden aus dem 19. Jh., kann Riobamba mit einer Reihe gepflegter baumbestandener Plätze, und ihren dazugehörigen Kirchengebäuden aufwarten. Für Einheimische und Touristen stellen diese traditionellen Grünanlagen willkommene Orte der Ruhe und Geselligkeit dar. Die großgewachsenen Araukarien und verschiedenen Palmenarten dieser parques haben kleine geschnitzte Holztafeln am Stamm, die sowohl den herkömmlichen wie auch lateinischen Namen angeben.

Der Parque Sucre, in Form einer nautischen Rose, befindet sich vor dem bombastischen neoklassizistischen Colegio Maldonado. In seiner Mitte steht ein schöner Neptun-Brunnen aus dem Jahre 1913. Bis 1919 diente der Platz den Riobambeños noch als Fußballfeld. Im Erdgeschoß des Maldonado-Gymnasiums gibt es ein anthropologisches Museum, daß während der Unterrichtsstunden geöffnet ist (Eingang Calle Primera Constituyente).

Der Parque Maldonado, ehemals Plaza Mayor, wird an seiner gesamten Nordostseite von der Kathedrale eingenommen. Dessen frühkoloniale Frontfassade wurde nach dem schweren Erdbeben von 1797 an diesem Ort Stein für Stein wiederaufgebaut. Das moderne mural des indianischen Christus am Ende des einzigen Schiffes, stammt von Oswaldo Viteri und wurde 1989 eingeweiht. Das Bildnis linkerhand wurde 1986 vom Friedensnobelpreisträger Alfredo Pérez Esquivel geschaffen.

Der Parque de la Libertad hat mit wunderschön gesunden Araukarien, sowie der einzig runden Basilika des Landes aufzuwarten (Gran Basílica del Sagrado Corazón de Jesús). In der Mitte des Parkes steht ein Monument zu Ehren des Jesuiten, Geschichtsschreibers, und geistigen Mitbegründers einer freien Republik, Padre Juan de Velasco.

Der Anf. dieses Jh. aufgeschüttete Parque 21 de Abril, wird aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Panecillo-Hügel in der 175 km entfernten Landeshauptstadt, auch “Loma de Quito” genannt. Die dortige Aussicht über die Kirchenkuppeln, und auf die schneebedeckten Vulkanriesen, ist ganz große Klasse. Am Nordostzipfel der Parkanlage befindet sich die Franziskanerkirche von San Antonio, dem beliebtesten Gotteshaus unter den ehrfürchtigen Riobambeños. Das große historische mural gegenüber der Kirche stammt von einem einheimischen Künstler namens Narea.



Eine Ausnahme stellt der Parque de la Concepción dar, welcher aufgrund seines traditionellen sozial-politischen Versammlungscharakters auch “Roter Platz” genannt wird. Im Gegensatz zu den anderen parques stehen hier keine Bäume. Im sanften Licht der ersten Sonnenstrahlen, gibt der meist menschenleere Platz jedoch ein schönes Fotomotiv her. Mittwochs u. samstags werden dort farbenprächtige Stoffe feilgeboten. Nachmittags können oftmals Dutzende von herumspringenden Ballspielern und ihre Zuschauer beobachtet werden. Die kuriose eigenständige Sportart mit dem kleinen Vollgummiball nennt sich mamona oder pelota de mano.

Die neugotische Iglesia de la Concepción wurde im Jahre 1891 begonnen, nachdem ein Brand das ehemalige Kirchenkloster vernichtete.

Bei einer Art Boule-Spiel namens “los cocos”, kann auf dem kleinen Platz vor dem Hotel Whymper zugesehen oder auch teilgenommen werden. Besonders dort stationierte Taxifahrer scheinen auf diesen geselligen Zeitvertreib unter freiem Himmel größten Wert zu legen!

Guano
Wenige Kilometer nördlich von Riobamba, liegt in einer breiten Talmulde zu Füssen des Igualata-Berges, das 8.000 Einw. zählende Städtchen Guano (2.700m). Die fleissigen Guaneños sind landesweit für ihre handgeknüpften Teppich- u. Fussabtreter bekannt. Die mitunter preiswerten, vornehmlich aus Schafswolle hergestellten alfombras, weisen sowohl präkolumbische als auch moderne diseños auf, und unterscheiden sich von ähnlichen Teppichen aus anderen Regionen durch ihre auffällige Dicke von mehreren Zentimetern. Man könnte sogar auf den Dingern schlafen.

Ganz Guano lebt von der Teppichproduktion. Nicht wenige Anwohner behaupten sogar, dass der blaue Himmel über der weissgetünchten Iglesia Matriz mit Guano-Teppichen ausgelegt sei. Selbst wenn jedes dritte Haus des Städtchens eine familienbetriebene Knüpferwerkstatt beheimatet, dreht sich jedoch nicht alles nur um absatzstarke alfombras. Ausflügler können im verstaubten Museo Municipal auch die Mumie eines Franzikanermönches aus dem 16. Jh. bestaunen. Das katastrophale Erdbeben von 1949 legte den “fetzentragenden Zombie” bei Aufräumungsarbeiten frei. Der fraile wurde hierbei aufrecht stehend in den Mauerresten des ehemaligen Klosters von La Asunción vorgefunden. Diese befinden sich am Ortseingang (von Riobamba kommend) direkt hinter der Iglesia El Rosario.

 

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