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Tzantza - Über Sinn und Kunst des Köpfe schrumpfens.
Den Shuar wurde schon immer nachgesagt kriegslüstern zu sein.
Nicht etwa aus Machtgier oder eines größeren Territoriums
willen, sondern aus süßer Rache. Der Shuarkrieger ist
nach seiner mysteriösen Gesetzgebung dazu verpflichtet den
Tod eines bestimmten Tribu-Mitglieds zu rächen, um somit die
Seele dieses Verstorbenen zu besänftigen. Er duldet in diesem
Falle keinen Frieden, sonst würde er verhext werden. Die Natur
lehrte ihn die Sterne lesen, die stillen Wasser hören, mit
den Vögeln und Bäumen zu sprechen. Eine längst vergangene
Welt, aus der man ihn verstieß, gilt es heraufzubeschwören.
Seine Seele ist aus Guayacán-Holz, sein Geist ein glühender
Scheiterhaufen, seine Geschicklichkeit die eines Kletteraffen, sein
Widerstand der eines Jaguars, seine Wut die einer verräterischen
Schlange.
Kriege und die damit verbundene Kopfjagd war die Folge eines spirituellen
Erlebnisses, in dessen Verlauf der Shuar die “Heiligen Wasserfälle”
aufsucht, und sich unter Anwendung von halluzinogenen Drogen und
zielgerichteten Visionen eine arútam-Seele, die Seele eines
verstorbenen Verwandten einverleibt. Die Kraft dieser Seele, die
kakarma, kann den Shuar dazu bringen voller Enthusiasmus in den
Krieg zu ziehen. Aufgrund der Notwendigkeit die getöteten oder
verstorbenen Seelen der Vorfahren durch Blutrache zu besänftigen,
damit diese keine Gefahr mehr für sich selbst oder seine Nächsten
darstellen, wurden Kriege zu einer nicht endenden Kette von Vergeltungsschlägen.
Darüberhinaus war so ein Kriegszug auch immer eine willkommene
Gelegenheit das im sozialen Leben überaus wichtige Prestige
aufzupolieren. Mit jedem geschrumpften Kopf erntete der siegreiche
Krieger ebensoviel Ruhm wie der Besiegte Schmach.
Je mehr tzantzas der Shuar von seinen getöteten Feinden modelliert,
desto mehr kann er sich auch deren Seelenkräfte zunutze machen.
Um die zunächst auf Rache schwörende Seelenkraft, genannt
mésak, gefangenzuhalten, wird dem Opfer während des
Schrumpfungsprozesses der Mund zugebunden. Indirekt sah sich der
Shuar sogar dazu gezwungen den Kopf seiner getöteten Feinde
abzuschlagen und auf Minimalgrösse zu schrumpfen Tat er dies
nicht, so verwandelte sich die mésak in einen iwianchi, einen
Teufel, der den Krieger noch über weite Distanzen verfolgen
und töten konnte.
Obwohl Kriege reine Männersache sind, konnte konnte sich auch
eine Frau diese arutam-Seele aneignen. Diese töteten jedoch
mit Hilfe von vergifteten Speisen und Getränken.
Nach der Tötung des Feindes schneidet der Krieger dem Opfer
zuerst einmal den Kopf ab. Mit diesem zieht er sich für acht
Tage argwöhnisch in den Urwald zurück wo er auch sogleich
mit dem Tzantza-Ritual beginnt. Durch das sofortige Schrumpfen kann
einmal die mésak, die Racheseele, dem Krieger nicht mehr
gefährlich werden, und andererseits fangen die nach der Prozedur
viel leichter gewordenen Köpfe nicht zu stinken an, d. h. sie
werden auch nicht von Ungeziefern angefressen. Hierbei wird anfangs
die Kopfhaut abgezogen und zusammen mit Kräutern in kochendes
Wasser getaucht. Daraufhin beginnt ein äußerst zeitaufreibender
Trockenvorgang in heißer Asche. Kleine glühende Steinchen
und heißer Sand werden in die Schädelhaut eingeführt,
welche durch ständiges Schütteln auch von innen völlig
austrocknet. Einmal zusammengeschrumpft, wird der Hautsack nach
stundenlangem Räuchern mit einem heißen Stein geglättet.
Anschließend wird das stark reduzierte Gesichtsgewebe mit
Hilfe von Pflanzenfarben zurechtmodelliert, wobei die Shuars große
Geschicklichkeit beweisen. Während des gesamten Vorganges ruft
der Krieger ayumpum an, damit das Opfer nicht versehentlich wieder
aufersteht.
Später, nach vollzogener Feier mit der Dorfgemeinde, geht der
Krieger an den Fluß, wirft ein Büschel seines eigenen
Haares hinein und streift sich ein neues Gewand über. Damit
bleibt das blutige Ereignis für immer ausgelöscht. Niemand
könnte jetzt noch am tapferen Rächer Rache üben,
da sich dieser in eine “neue” Person verwandelt hat.
Die im Schrumpfkopf domestizierte Seelenkraft mésak, führt
der Krieger am wichtigsten Tag im Shuar-Festkalender, am Tag des
berauschenden Tzantza-Festes, auch an seine Frau und seine Schwester
ab. Er verleiht ihnen dadurch Erfolg bei den Ernteerträgen
oder der Aufzucht von Tieren. Von den Schamanen wird die kraftspendende
Seelenwirkung der tzantzas in der Krankenheilung nutzbar gemacht.
Neben religiösen und soziologischen Aspekten erhält die
Kopfjagd dadurch noch einen ökonomischen wie therapeutischen
Charakter.
Das Sammeln von Kopftrophäen war sowohl im andinen wie auch
außerandinen Südamerika ein weit verbreitetes Phänomen.
Es kann somit eigentlich keiner bestimmten Kulturstufe zugeordnet
werden. Bei den Shuar- oder Shiwiar-Indianern (“Menschen”),
eine der fünf Untergruppen der Jivaro (ebenfalls ein europäisierter
Termini), zeichneten sich die Schrumpfköpfe im Besonderen durch
ihre Größe aus. Noch bis Mitte dieses Jahrhunderts wurden
die tzantzas auf die Ausmaße einer Männerfaust zusammengeschrumpft,
und haben es aufgrund dieser Einmaligkeit zu schaurigem Ruhm gebracht.
Es kann davon ausgegangen werden, dass die Shuar zumindest die Vorreiter
des Köpfeschrumpfens waren.
Sie sind auch die einzige Gruppe, die damit ein tiefgründiges
Gedankengut verbindet.
Nachdem um die Jahrhundertwende die Nachfrage nach Kopftrophäen
seitens von Souvenirjägern und weißen Geschäftemachern
so dermaßen anstieg, daß selbst das Ausgraben von Leichen
nicht mehr ausreichte um den Bedarf zu decken, rollten sogar die
Köpfe naher Verwandter. So manche Shuar-Gruppe mußte
dabei um ihre Existenz bangen.
Andererseits halfen besonders pfiffige weisse Händler dem Tzantza-Boom
sogar noch ein wenig auf die Sprünge, indem sie Leichen vom
Zentralfriedhof in Guayaquil
ausbuddelten und deren selbstgeschrumpfte Köpfe als Shuar-Originale
verkauften. Bei der Gelegenheit wurden manchmal sogar komplette
Leichen zu Teddybär-Grösse geschrumpft. Die Versuchung
von schnellem Reichtum, auch wenn materielle Überlegenheit
den Shuar bislang nichts bedeutet hatte, ließ sie laut den
Worten eines Völkerkundlers (1935) zum “kriegerischsten
aller indianischen Stämme Südamerikas” werden.
Trotz einiger Gerüchte, daß der Schrumpfkopf im jüngsten
Grenzkrieg mit Perú unter den “Elite-Rambos”
der Shuar eine Art Renaissance erlebte, gehört die menschliche
Kopfjagd heute definitiv der Vergangenheit an. Dazu kommt der glückliche
Umstand, daß die Köpfe der Weißen nicht die geringste
Seelenkraft besitzen. Lediglich das Schrumpfen von Faultierköpfen
wird bis heute von den Shuar weitergeführt, da ihnen eine ähnliche
Seelenkraft wie der eines getöteten Feindes zugesprochen wird.
In ihrer Vorstellungswelt war der erste Shuar ein Faultier. Das
anschließende Faultierkopf-Fest ist für den jugendlichen
Jäger die Initiation um in den Kreis der Erwachsenen einzutreten
und das Recht zum Heiraten zu erlangen.
In den Souvenirläden finden sich heute Tzantza-Nachbildungen
aus Ziegenhaut. Sie haben aber weder etwas mit dem Herstellungsprozeß
des Originals noch mit der dadurch verbunden ursprünglichen
Initiative der Shuar zu tun. Es handelt sich hierbei lediglich um
die klägliche Verkommerzialisierung einer gruselig anziehenden,
jedoch durchaus traditionsbewußten Kunstrichtung, nämlich
der des Köpfe schrumpfens.
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