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Geschichte

Die Geschichtsschreibung des Landes Ecuador läßt sich bei einem Gesamtabriß in vier grundsätzliche Epochen aufgliedern: Die namentlich vielleicht etwas verwirrende, sogenannte Präkolumbische Zeit (Epoca Precolombina oder auch Epoca Aborígen), welche bis etwa gegen Ende des 15. Jhs. dauerte, das relativ kurzfristige nördliche Inka-Imperium (Chinchasuyo) bis zum Tode des Inkaherrschers Atahualpas im Jahre 1533, die Koloniale Epoche (Epoca Colonial) bis Anfang des 19. Jhs., und das Republikanische Ecuador (Era Republicana), welches die Jahre von der Unabhängigkeit bis heute beschreibt.

Die Präkolumbische Zeit
Die frühesten Anzeichen menschlichen Zusammenlebens auf aktuellem ekuadorianischem Territorium werden als sog.

Präkeramische Phase zusammengefaßt und reichen weit in die Vergangenheit zurück. Beile, Schaber, Klingen, Wurfgeschosse und andere primitive Stein-, bzw. Jagdwerkzeuge an einem Ort namens El Inga (am Ilaló bei Quito), in der Region um Chobschi, Cubilán und anderen Punkten in den Hochandentälern, sind schätzungsweise bis zu 12.000 Jahre alt. Schädel- und Knochenfunde auf der Halbinsel Santa Elena (Las Vegas), auf der Insel Puná (Golf von Guayaquil), bei Punín (Provinz Chimborazo), Paltacalo (El Oro), Cotocollao (Quito) und ganz in der Nähe von Otavalo, erbringen Alterstufen von 5 bis 10.000 Jahren. Jene ersten Bewohner Ekuadors waren vornehmlich Sammler, Jäger u. Fischer.

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Woher diese nicht uneingeschränkt umherirrenden Nomadenstämme ursprünglich kommen ist mit ziemlicher Sicherheit geklärt. Von den widersprüchlichsten Herkunftstheorien, welche mitunter eher von patriotischen Gefühlen als fundamentierten Erkenntnissen gelenkt sind (“Homo Errectus Ecuatorianus” oder so ähnlich), scheint eine sukzessive Völkerwanderung von Asien über die Beringstraße nach Nord-, Zentral-, und letztlich Südamerika am wahrscheinlichsten. Diese fand während der letzten Eis- u. Zwischeneiszeiten in einem Zeitraum von etwa 25 bis 40.000 Jahren v. Chr. statt. Eine ingrimmige Hetzjagd auf eine Büffelhorde oder ein Elchrudel könnte womöglich der Anlaß für die trans-aseatisch-amerikanische Travesie gewesen sein. Freilich sind so sensationelle Hypothesen über gestrandete Flöße aus Polynesien und sonstwo gekenterte “melanesische Nußschalen” schwerlich von der Hand zu weisen, können aber im großen u. ganzen keinen fundamentalen Beitrag zur Entstehung der Kulturen Amerikas leisten. Zudem wurde herausgefunden, daß die pazifischen Strömungsverhältnisse für Überfahrten dieser Art viel günstiger von Ost nach West, d. h. von der südlichen Kontinentenhälfte in Richtung Asien sind (und nicht umgekehrt), was zwischenzeitlich zu weiteren, bislang rein spekulativen Behauptungen geführt hat.

Auf der Suche nach neuen, zweckmäßigeren Nahrungsquellen begannen jene Primär-Ekuadorianer mitunter Tiere zu halten und Pflanzen zu kultivieren. Der einstmals wie heutigentags rundheraus mysthifizierte Maiskolben schuf eine regelrechte Verpflegungsgrundlage für ganz Meso- und Andinoamérica (Mittel- u. westl. Südamerika). Darüberhinaus wurden Knollenfrüchte wie Maniok und papa (Kartoffel) geerntet, letztere erlebte dann viel später ihren phänomenal raschen Auszug in die Alte Welt.

Die ältesten und gleichzeitig fortschrittlichsten dieser endgültig seßhaften Volksgruppen sind einer Formativen Phase (4.000-300 v. Chr.) der zentralen Küstenregion zuzuordnen: Valdivia, Machalilla u. Chorrera. Die innovationsfreudigen Valdivianos (Prov. Guayas u. südl. Manabí) verfeinerten nicht nur ihre dekorativen Keramikfiguren mit sinnlichen Schönheitsnuancen, oder praktizierten einen beinahe blühenden Tauschhandel mit direkten Nachbarn in anderen ökologischen Nischen des Hinterlandes, sondern errichteten vor fast 6.000 Jahren die vielleicht erste größere Siedlung Lateinamerikas, das legendäre Real Alto auf der Halbinsel Santa Elena.

Eine auf verblüffenden Einstimmigkeiten beruhende, zugeschriebene Verwandtheit mit den Jomoneses einer japanischen Halbinsel am anderen Ende des Pazifik ist einfacher zu widerlegen als nachzuweisen. Warum auch sollten jene Ur-Japaner nach einer zwei bis vierjährigen Odysee total ausgemergelt in Kalifornien ankommen, dann unbedingt nochmal weitere 7.000 Kilometer dranhängen, um ausgerechnet am Strand von Valdivia, am Rande des Kollaps in den Sand zu plumsen?

Die zeitlich folgenden Kulturen Machalilla (Guayas/Manabí, 1600-800 v. Chr.) und insbesondere Chorrera (Guayas/Los Ríos, 900-100 v. Chr.) setzten dann neue Maßstäbe: symbolträchtige Kleidungsstücke, eine effektivere Feldbestellung, Metallverarbeitung, anthropomorphe Keramik mit Tier- u. Menschendarstellungen in Form von “singenden” Krügen (botellas comunicantes). In der gleichen Zeitspanne im Andenhochland erreichte die Kultur Cotocollao, in Amazonien die Fase Pastaza einen gewissen, wenn auch weit geringeren Entwicklungsstandard.

Die Regionale Entwicklungsphase (300 v. Chr. bis 800 n. Chr.) tat sich durch komplexe expressionistische Formen bei der Herstellung von Keramikfiguren, sowie der Verarbeitung von edlen Metallen o. Steinen wie Smaragden hervor. Die Kultur La Tolita (nördl. Esmeraldas, 600 v. Chr. - 400 n. Chr.) verstand es vor 2.000 Jahren bereits Platin zu schmelzen, während dieses Metall in Europa nicht vor dem 18. Jh. verwendet wurde. Ein vielfältiger Warenaustausch mit geographischen Regionen unterschiedlichen Klimas ermöglichten diesen florierenden, avangardistischen Küstenkulturen einen relativ hohen Lebensstandard. Zentralisierte, von elitären ortsgewaltigen Schamanen angeführte Kleinstaaten wie die der Jama Coaque (nördl. Manabí), Bahía (Manabí), Guangala (südl. Manabí, Guayas), Daule Tejar (Guayas, Los Ríos) oder Jambelí (südl. Guayas, El Oro) verfügten über bravouröse Seefahrer, die bereits auf fernliegende Küsten im heutigen Mexiko, Perú u. Chile Kurs nahmen. In der südlichen Sierra stach besonders die Kultur Cerro-Narrío durch ihre beidseitigen Kontakte mit dem Oriente und der Costa hervor.

In der Integrationsphase begannen sich die vorherig etablierten Völker zu streng hierarchischen Gesellschaften, Konföderationen und Allianzen zu fusionieren. Auch hier spielte der Küstenbereich die Hauptrolle: Atacames, Manteño-Huancavilca (500-1535 n. Chr.) und Milagro-Quevedo (400-1500 n. Chr.). Ein Grossteil der Manteños lebte in der Stadt Jocay, welche sich kilometerlang am Pazifik hinzog. Die Navegation auf enorm groben Balsaflößen nahm eine neue Dimension ein. Die Spondylusmuschel wurde praktisch zur offiziellen Währung erkoren. Präzise Gold- u. Kupferschmiedearbeiten, oder gewaltige halbmondförmige Steinsitze mit zoo- u. anthropomorphen Skulpturen im Sockel, geben u. a. Zeugnis von der Dynamik jener Staatengebilde. Die gefeiten costeños (Küstenbewohner) bereiteten den vordringenden Inkas später derartige Schwierigkeiten, daß diese nach wiederholten Vorstößen schließlich ihre Okkupationsabsichten aufgeben mußten. Deren Ausmerzung durch die Spanier bedeutete dann auch das unwiderrufliche Ende der letzten Stammeshalter präkolumbischer Kulturen in Ecuador.

Bis etwa 900 n. Chr. schien keiner der Küstenstämme so mächtig geworden zu sein, daß er alle anderen unterworfen und zu einer überregionalen Einheit verschmolzen hätte. Dies war letztendlich dem Volksstamm der Caras vorenthalten, dessen Herkunft und Kultur bisher noch nicht genau geklärt werden konnte, und welcher um 700 n. Chr. nördlich vom heutigen Bahía de Caráquez erblühte.

Gegen 900-1.000 n. Chr. begannen die Caras allmählich in die Andenregion vorzustoßen, um sich des Hochland-Stammes der Quitus zu bemächtigen. Mit Hilfe dessen Herrschergeschlechts, den sogenannten Shyris, konnte dieses Staatsgebilde dann um ein vielfaches erweitert werden. Mit dem elften Shyri erlosch um 1.300 jedoch die männliche Linie der Caras. Die Shyri-Prinzessin Toa vermählte sich daraufhin mit Duchicela, dem ältesten Sohn des Herrschers der Puruhaes, welche in der Chimborazo-Region beheimatet waren. Auch die Cañari (Cuenca-Region) schlossen sich aus Sicherheitsgründen den Caras an. Die Gefahr einer Invasion durch die expandierenden Inkas von Süden her (heutiges Perú) war nicht von der Hand zu weisen.

Das Inka-Imperium
Gegen Ende des 15. Jhs. wurden die zahlreichen ethnischen Flickenvölkchen des nördlichen Hochlandes, als cacicazgos o. señoríos étnicos bezeichnet, mit einem straff organisierten, übermächtigen und kriegerischen Volk aus dem Süden konfrontiert, den Inkas. Die nördliche Expansion des Tahuantinsuyo, des gesamten Inkareiches, lief in mehreren Etappen ab. Inga Yupangui, und später Túpac Yupangui begannen um das Jahr 1450 herum mit den ersten Feldzügen gegen die Stämme des Nordens, wobei sie bis zu den Cañari in die grünen fruchtbaren Gebirgshänge bei Cuenca (Tomebamba) vorstießen. Túpac Yupangui zählte bei dem lange vorbereiteten Eroberungszug auf eine angeblich bis zu 250.000 Mann starke Armee. Der Vorstoß der Inkas, der “Söhne des Himmels”, bedeutete für die Andenvölkchen des Nordens oftmals die Ausrottung ganzer Dorfgemeinschaften. Viele der besetzten Siedlungsgebiete und Landstriche wurden mit Hilfe massiver Zwangsevakuierungen (mítimacuna) total entvölkert. Die evakuierten rebellischen Bewohner (mitimaes) wurden dabei in abgelegene, bereits befriedetete Regionen des hintersten Perú, Bolivien, und auch nördlichen Argentinien verfrachtet, wo sie auf ewig zum leben und sterben verurteilt waren.

Das Volk der Puruhaes (Chimborazo-Region) leistete mitunter den heftigsten Widerstand. In Tiocajas u. Tixán wurde der Vormarsch der Inka-Truppen fast ein halbes Jahr lang erfolgreich zurückgeworfen. Schlußendlich wurde der cacique Hualcopo Duchicela von Túpac Yupangui aufgefordert die Waffen niederzustrecken. Der starrsinnige Puruhá-Häuptling starb daraufhin angeblich aus Wut und Schmerz über die nicht zu verhindernde Niederlage. Araukanische mitimaes, ein aus dem heutigen Chile rekrutierter Indiostamm, diente dem “Inka-Kaiser” dabei als entscheidende Vorstoßtruppe.

In Latacunga kam es zu einer weiteren Großschlacht. Pillahuasu konnte mit den besten Kriegern der Confederación Quiteña (die Stämme Quitus, Cayambis, Caranquis), sowie versprengten Einheiten der Cañaris, Puruhaes u. Panzaleos, Aufwartung machen. Túpac Yupangui hingegen konzentrierte Truppen aus dem gesamten Inka-Imperium: Cuzcos, Quichuas, Collas, Aymaras, Araucanos, Mochicas u. Chachapoyas. Nach langem Kampfgeschehen konnte der Inka dank seiner zahlenmäßig überlegenen Armee die Schlacht zu seinem Gunsten entscheiden. Latacunga wurde dem Erdboden gleichgemacht, seine Bewohner ausgerottet und durch mitimaes aus entlegenen Regionen des Inkareiches ersetzt.

Nach dem desastre von Latacunga zogen sich die verbliebenen Einheiten der nördlichen Konföderationen unter dem Kommando des jungen Kaziken Cacha in Richtung Quito zurück. Der Nachfolger Hualcopos wandte dabei eine Politik der verbrannten Erde an, und verschanzte sich im Umfeld der Pyramiden von Cochasquí und Cayambi. Túpac Yupangui marschierte daraufhin im aufgegebenen und entvölkerten Quitus (Quito) ein, Hauptstadt der Gran Confederación des Nordens, der verbündeten Stammesgeflechte der Caras und Shyris. Er ließ strategische Befestigungen und Beobachtungsposten errichten, besiedelte diese mit mitimaes, und wandte sich auf dem Rückweg nach Cuzco über die Ausläufer des Pululahua-Kraters dem Pazifischen Ozean zu, welchen er noch niemals im Leben zuvor gesehen hatte.

Sein nächstes Ziel galt der Unterwerfung unbekannter Küstenvölker wie den Manteños und Huancavilcas, von denen ihm im Verlauf seiner Eroberungszüge sagenhafte Dinge zu Ohren kamen. Beim Anblick des Meeres brach er dann in Tränen aus, und benannte dieses Mama Cocha, die “Mutter aller Lagunen”. Die Huancavilcas ließen dem Inka-Herrscher eine Botschaft zukommen, in der sie ihn zu seinen Erfolgen beglückwünschten und um eine Delegation baten. Angetan von der Kooperationsbereitschaft der costeños, sandte er diese umgehend zum “Golf von Guayaquil”.

Die Huancavilcas bejubelten zuerst die Abgesandten des Inka, töteten sie aber beim “Verabschiedungsfest”. Zutiefst iritiert, und vom dringenden Verlangen nach Cuzco zurückzukehren bemächtigt, sah der Inka-Herrscher von einer einstweiligen Eroberung ab, und verlegte das Unternehmen auf einen späteren Zeitpunkt. Die Gefahren der breiten Ströme und feucht-heissen Regenwälder der Küstenregion standen zudem in schroffem Gegensatz zu den offenen, gut einsichtbaren Gebirgslandschaften der peruanischen Küste. Dem kriegerischen Organisationstalent der Inkas waren hier natürliche Grenzen gesetzt.

Nach dem Tode Túpac Yupanguis in Cuzco, trat sein Sohn Huayna Cápac, welcher in Tomebamba (Cuenca), der Hauptstadt der Cañaris geboren wurde, seine Nachfolge an. Auf dem fortgesetzten Eroberungsfeldzug in Richtung Norden rächte sich dieser zuerst einmal grausam an den Huancavilcas. Auf der Insel Puná ließ er nur Frauen und Kinder am Leben, die männliche Bevölkerung wurde verstümmelt oder ausgelöscht. Die Manteños hingegen leisteten dem Inka-Herrscher erfolgreichen Widerstand. Lediglich eine Weihestätte auf der Isla de La Plata konnte von Huayna Cápac schliesslich erobert werden.

In seiner von ihm über alles geliebten Geburtsstadt Tomebamba, ließ er herrliche Steinbauten errichten, wie z. B. den Palast von Mullucancha (Pumapungo) und die Festung von Ingapirca. Unterdessen gelang es den Überbleibseln der Confederación Quiteña, unter der Führung des berüchtigten Rebellen Cacha, weite Teile des besetzten Territoriums zurückzuerobern. Dabei gelangten sie bis an die Grenzen des ehemaligen Cañari-Reiches, in dessen Hauptstadt Tomabamba inzwischen Huayna Cápac residierte. Die Stadt Quito verblieb jedoch dank ihrer geographisch-strategischen Lage in den Händen der Inkas. Die in der nördlichen Enklave verbliebenen Truppen warteten angesichts der konföderierten Belagerung aber sehnlichst auf Verstärkung aus Tomebamba.

Zahlreiche Befestigungen (pucaraes) mussten in den folgenden Jahren von Huayna Cápac im innerandinen Hochlandbecken errichtet werden, um somit den aufreibenden Stellungskrieg gegen die nördlichen Aufständischen zu seinem Gunsten entscheiden zu können. Verlustreiche Vorstöße mussten in Kauf genommen werden. Bei einer Inkursion gegen die Rebellen-Festung Caranqui (Provinz Imbabura) verlor der Inka-Herrscher beinahe selbst das Leben. Wie durch ein Wunder konnte er in einem Hinterhalt dem sicheren Tod entrinnen. Sein Bruder Auqui-Toma teilte allerdings nicht das gleiche Schicksal, und fiel während der Kämpfe den Aufständischen in die Hände.

Eine alles entscheidende Schlacht fand an den Ufern der Lagune Yaguarcocha (bei Ibarra) statt, in der 30.000 konföderierte “Soldaten” und ihre Anführer starben. Auf dem Schlachtfeld wimmernde Schwerverletzte wurden von den Inkas geköpft und in die Lagune geworfen, welche aufgrund dieser barbarischen Begebenheiten bis heute ihren Namen beibehielt: “Blutender See” (Yaguarcocha). Mit diesem hart erkämpften Endsieg, der auch auf Seiten der Inkas sehr viel Blut kostete, konnte sich Huayna Cápac endgültig des nördlichen Andenhochlandes bemächtigen. Der jahrzehntelange heftige Widerstand der Konföderation war ein für alle Mal gebrochen. Der Inka-Herrscher ließ im Anschluß an die Schlacht alle männlichen Erwachsenen der Region massakrieren, woraufhin das Caranqui-Land fortan den Übernamen país de los guambras trug, das “Land der Kinder”.

Der geflohene Caranqui-Guerillero Píntag (auch Caña Brava genannt), letzter Anführer der besiegten Stämme des Nordens, konnte nach dem Blutbad von Yaguarcocha noch ein paar sporadische Vergeltungsschläge gegen Huayna Cápac anbringen. Seine riskanten Vorstöße in die Täler von Tumbaco und Los Chillos bei Quito, konnten das Rad der Geschichte aber nicht mehr zurückdrehen. Er starb schließlich in Gefangenschaft an einem Hungerstreik, nachdem ihm der Inka-Herrscher bereits das Leben geschenkt hatte. Seine Haut wurde zu einer Trommel verarbeitet und nach Cuzco geschickt, wo sie bei den Feierlichkeiten zu den Fiestas del Sol einen Ehrenplatz einnahm.

Das Erbe von Huayna Cápac: Um weitere Aufruhr und Rebellionen unter den aufmüpfigen unterworfenen Stämmen zu vermeiden, beschloß der Inka-Kaiser die Shyri-Prinzessin Paccha zu heiraten. Aus dieser Mischehe ging ein Sohn namens Atahualpa hervor, dem Lieblingssproß von Huayna Cápac, welcher um 1497 in Quito geboren wurde.

Bevorzugter Wohnsitz des Herrschers blieb aber Tomebamba, das heutige Cuenca, dessen Anlagen zu den prächtigsten zählten, die man im Reich der Inka vorfinden konnte. Zudem wurde der gepflasterte Inkaweg von Quito nach Tomebamba fertiggestellt. Die nördlichen Grenzen des Tahuantinsuyo (Inka-Reich) waren somit fortwährend mit Tomebamba und der Hauptstadt Cuzco verbunden. Unter Huayna Cápac erreichte das mächtige Imperium seine flächenmäßig größten Ausmaße, von Tucumán (Argentinien) und Maule (Chile) bis hin zum Angasmayo-Fluß im heutigen Kolumbien. Sechs Millionen Einwohner soll das Tahuantinsuyo in seiner höchsten Blütezeit gehabt haben. Die Kulturherrschaft der Inkas, welche der europäischen in gewisser Hinsicht ebenbürtig war, hatte den eroberten Stämmen eine Art Agrarkommunismus aufgezwungen, und die öffentlichen wie privaten Lebensbereiche bis ins letzte Detail geregelt. Als Staatssprache im ganzen Reich galt Quechua.

Auf einer Erholungsreise von Quito nach Tomebamba, hörte der steinalte Inka-Monarch zum ersten Mal vom gespenstischen Auftauchen einiger merkwürdiger Schiffe vor den Küsten von Esmeraldas und Manta, und von mysteriösen Bleichgesichtern mit langen wollenen Bärten. Beunruhigt über die Nachricht kehrte er von Zweifeln geplagt nach Quito zurück, wo er wenig später starb (um 1530). In seinem Testament vermachte er seinem Sohn Huáscar aus Cuzco den südlichen Teil des Reiches, während Atahualpa den nördlichen Teil zugesprochen bekam. Diese Aufspaltung war ein folgenschwerer Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Nach der Trauerfeier wurden in Quito an die 1.000 Menschen dem Sonnengott geopfert, während die Träger des einbalsamierten Leichnams die gut 2.000 km lange Strecke bis nach Cuzco in einer Woche zurücklegten.

Der Bruderkrieg: Der ehrwürdigen Inka-Obligarchie im sakral prunkvollen Cuzco, dem über 200.000 Einwohner zählenden “Nabel der Welt” (el “pupu” del universo), widerstrebte die Teilung des Imperiums zutiefst. Huáscar, der dort regierende Herrscher über das südliche Reich, erklärte nach einer fünfjährigen Friedenszeit mit seinem Bruder Atahualpa, dem nördlichen Monarchen im provinziellen Quito plötzlich den Krieg. Das landwirtschaftlich bedeutende, unter großen Verlusten eroberte Chinchasuyo (Nordreich), war zu wichtig um es dem gemischt-rassigen Shyri-Inka, “Papas Liebling”, zu überlassen. Huáscars eifersüchtige Mutter soll dabei den älteren Bruder gegen Atahualpa angestiftet haben. Dessen Mutter, die schöne Shyri-Prinzessin Paccha, war nämlich auch Huayna Cápacs Lieblingsfrau gewesen.

Die Besetzung Tomebambas unter Huáscars Oberbefehlshaber Atoco, war der direkte Anlaß des Krieges. Atahualpa versammelte daraufhin seine Generäle Quizquiz, Caracuchima und Rumiñahui. In Mocha kam es zur ersten blutigen Auseinandersetzung. Während die Cuzqueños die Schlacht von Mocha noch für sich entscheiden konnten, brachte ihnen Atahualpa bereits in Ambato die erste schwere Niederlage bei. Weitere Siege der Quiteños erfolgten in Molleturo und Tomebamba, der Geburtsstätte Huayna Cápacs und ehemaligen Hauptstadt der Cañaris. Die Rache Atahualpas am Verrat der Cañaris, welche zu Anfang des Krieges massiv auf Huáscars Seite übergelaufen waren, kannte kein Perdon. Das prächtige Tomebamba wurde größtenteils zerstört. Alle überlebenden Cañari-Anführer, sowie ihre Frauen und Kinder wurden von Bogenschützen durchlöchert, ihre Herzen herausgerissen, und im ganzen Cañari-Land verstreut. Fast die gesamte männliche Bevölkerung wurde ausgerottet. Doch der vernichtende Bruderkrieg sollte noch lange kein Ende nehmen. Ein Hin und Her von verlustreichen Schlachten sollte folgen, wobei Atahualpa im weiteren Verlauf schließlich immer mehr in Richtung Süden, nach Cuzco vorstoßen konnte. In Cusibamba, Cochaguailla, Bombón und Yanamarca gingen die Truppen Atahualpas als Sieger hervor, in Tovaray und Cotabamba hingegen wurde der Vormarsch des nördlichen Inka-Herrschers erfolgreich zurückgeworfen.

Der Quiteño verlor an diesen beiden Orten zigtausende von seinen Kriegern.

Eine endgültige Schlacht fand bei Chontacajas statt, wo auch der Cuzqueño Huáscar in Gefangenschaft geriet. Die Generäle Atahualpas trafen daraufhin triumphierend in Cuzco ein, töteten nicht nur sämtliche kaiserlichen Familienmitglieder, Weihepriester und Sonnenjungfrauen, sondern fledderten auch die Mumien der Inka-Dynastie, mit Ausnahme der von Huayna Cápac, Atahualpas Vater. Der nördliche Inka-Monarch wurde zum Herrscher über das gesamte Imperium erkoren. Auf dem langen Weg zu den feierlichen Krönungszeremonien im fernen Cuzco, beschloß er in den Heilbädern von Cajamarca eine Rast einzulegen. Und genau an diesem Ort erwartete ihn die Katastrophe!

Der bittere Krieg zwischen den beiden Brüdern blutete das Reich völlig aus, entwurzelte einen Großteil seiner Bewohner, und entvölkerte ganze Landstriche. Dazu kam der Haß der entflohenen Cañaris und Huáscar-Treuen hinzu, die den barbarischen Atahualpa des Thrones in Cuzco für unwürdig befanden. All dies begünstigte in hohem Maße den so überraschenden wie unfaßbaren Handstreich gegen den neuen allmächtigen Inka-Kaiser, durchgeführt von einem grimmig verwegenen Häufchen wollbärtiger Gestalten, welche hoch auf glänzenden Ungetümen sitzend in Cajamarca eintrafen. Ihr Anführer hieß Francisco Pizarro.

Die Kolonial-Epoche
Ein Vorbote Francisco Pizarros, in Gestalt des erfahrenen Seebären Bartolomé Ruiz, war der erste Europäer, welcher im Jahre 1526 die pazifische Äquatorlinie überquerte. Seine Überraschung war groß, als er vor der Küste Manabis auf ein riesiges Eingeborenenfloß aus Balsaholz stieß, welches außer zwanzig Mann Besatzung auch Gold- u. Silberschmuck, Smaragde, Baumwolle und Spondilusmuscheln transportierte. Drei der eingeborenen Boots-Passagiere wurden sogleich gefangengenommen, mit der kastilischen Sprache vertraut gemacht, und dienten den Konquistadoren fortan als Dolmetscher.

Kurz darauf tauchte Francisco Pizarro selbst in den ekuadorianischen Küstengewässern auf. An irgendeinem weitläufigen Strand zeichnete er mit seinem Schwert eine Linie in den Sand, und wandte sich mit folgenden Worten an seine 80-Mann starke Besatzung: “In dieser Richtung erwarten uns Leiden, Wehmut, und vielleicht auch Reichtümer (nach Süden weisend).

In jener Richtung aber Armut, Schmach und Vergessenheit (nordwärts nach Panamá weisend). Wer ein aufrechter Castellano sei, entscheide für sich selbst!” Vierzehn Mann folgten ihm auf die ungewisse Reise. Die anderen kehrten nach Panamá zurück. Die Glücksritter umsegelten die Halbinsel Santa Elena, zerstörten eine Zeremonienstätte auf der Isla del Muerto (Golf v. Guayaquil), und gelangten schlußendlich bis Tumbes und in die Bucht von Sechura im heutigen Perú. Man schrieb das Jahr 1527.

Pizarro kehrte daraufhin nach Spanien zurück, um so die dringend benötigte Finanzierung und königliche Erlaubnis für eine zweite Expedition in den Süden zu erhalten. Seine Chancen standen gut. Nach dem glorreichen Sieg über die Azteken (im heutigen Mexiko u. Guatemala), welcher den Spaniern unsagbare Reichtümer und Goldschätze eingebracht hatte, war der König (Karl V. oder Philipp? - Redaktionrecherche!) von Pizarros Absichten sehr angetan. So konnte dieser 1531 bereits erneut die ekuadorianische Küste absegeln. Diesmal war er jedoch definitiv auf Beutezüge aus. In Coaque (Manabí) bemächtigte er sich des ersten nenneswerten Schatzes im Gegenwert von 18.000 Goldpesos.

Wochen später bekam er Verstärkung von Seiten der Kapitäne Sebastián Benalcázar und Hernando Soto, die neben 130 Soldaten auch ein paar stattliche Pferde mitbrachten. Am 13. Mai 1531 landete Pizarro wiederholt in Tumbes (Puerto Pizarro), von wo aus er eine Expedition ins Landesinnere kommandierte.

Unterwegs kamen ihm gewisse Dinge über einen Inka-Herrscher namens Atahualpa, dessen verfeindetem Bruder Huáscar, und auch den Schwefelquellen von Cajamarca zu Ohren, einem “Kneippkurort” Atahualpas. Er gründete die Stadt Piura (nördl. Perú), wo er die Kranken, Schwachen, und eine kleine Garnison zurückließ. Kurz darauf begann er den mühevollen Aufstieg in die Anden hoch, und richtete sich schließlich mit einer Handvoll Soldaten in den sakralen Steingebäuden der dreieckigen plaza von Cajamarca ein, wo er wenig später auf Atahualpa treffen sollte.

Währenddessen erholte sich ganz in ihrer Nähe der Sonnenkönig von seinem leidvollen Sieg über Huáscar. Der Inka-Emperator und seine Truppen befanden sich gerade auf dem Weg zu den Krönungsfeiern in Cuzco.

Der Tod von Atahualpa: Bei dem bizarren zeitgeschichtlichen Zusammentreffen vom 16. November 1532 wurde der Dominikanermönch Vicente Valverde von Pizarro angewiesen, dem Inka-Herrscher im Beisein eines Übersetzers aus der Bibel vorzulesen. Im Anschluß daran klärte ihn der Geistliche über den von König Carlos V. gesandten Konquistador auf, welcher zu Händen des allmächtigen Papstes, dem auf Erden wichtigsten Vertreter des einzigen Gottes des Universums, die Rechte über dieses Land und seine Bewohner zugesprochen bekam. “Wer wagt es zu verschenken was ihm nicht gehört ?” konterte angeblich Atahualpa, riß dem Dominikaner die Bibel aus der Hand, hielt sie schüttelnd an sein Ohr, und warf sie auf den Boden. Damit war für den draufgängerischen Veteranen Pizarro der entscheidende Moment zum Zuschlagen gekommen. Hohe Schwerter blitzten auf, die Pferde rasselten mit ihrem schweren Geschirr, und ein donnernder Kanonenschlag ließ die Erde erzittern. Die zahlenmäßig haushoch überlegene Gefolgschaft des Inka-Kaisers, insgesamt etwa 40.000 Krieger, stürmte aus Furcht vor dem lauten Knall wie vom Blitz getroffen auseinander, während der standhaft gebliebene Sohn des Sonnengottes in Gefangenschaft geriet.

Einer der gewagtesten Überfälle der Weltgeschichte wurde von einer winzigen Streitmacht, ganzen 106 Soldaten und 62 Reitern, im Handumdrehen ausgeführt. Als zusätzlicher Trumpf der Konquistadoren erwies sich hierbei auch die alte Inka-Legende des Schöpfergottes Tici Viracocha, welcher einst dem Volk aus Unzufriedenheit den Rücken gekehrt hatte, und zu einem unbestimmten Zeitpunkt wieder erscheinen mußte. Atahualpas Sterndeuter hatten in den Spaniern bereits vor dem Zusammentreffen die Rückkehr Viracochas gesehen.

Die riskante Gefangennahme des indianischen Helden war der Wegbereiter für ein fast 300 Jahre anhaltendes europäisches Kolonial-Imperium. Pizarro versprach dem Inka gegen eine hohe Lösegeldzahlung die Freiheit. Ein grober Raum sollte bis zur Decke mit Gold ausgefüllt werden. Doch als das versprochene Gold herbeigeschafft wurde, ließ er ihn in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilen. Am 26. Juli 1533 wurde der letzte Inka-Kaiser durch die Garotte hingerichtet, nicht ohne vorher auf den Namen Juan Francisco getauft zu werden. Dies sollte ihm wenigstens die Verbrennung bei lebendigem Leibe ersparen. Nach seiner Hinrichtung wurde sein Leichnam dennoch verbrannt. Nach dem Glauben der Inka-Bevölkerung bedeutete das Verbrennen eines Menschen den Verlust der Seele ohne Wiederkehr - eine furchtbare Demoralisierung! Das größte und wohl organisierteste Staatsgefüge des vorchristlichen Amerika fand wie aus heiterem Himmel ein überraschendes Ende, und “es wurde Nacht am hellichten Tage”. Nur wenige Jahre später lagen praktisch alle massiven Steinbauten, die während der kurzen Inkaherrschaft auf “ekuadorianischem” Territorium entstanden waren, in Trümmern.

Mithilfe versprengter Cañari-Krieger und anderer restlicher Heeresbestände, die sich nach dem Tode Atahualpas auf die Seite der Spanier schlugen, gründete Sebastián Benalcázar am 6. Dezember 1534 San Francisco de Quito. Atahualpas entflohener General Rumiñahui hatte den Gran Capitán auf seinem nördlichen Vormarsch über den Camino Real, der andinen Inka-Straße, noch in den einen oder anderen Hinterhalt locken können. Auf seinem Rückzug ließ er die vormals nördliche Inka-Hauptstadt vor dem Einmarsch der Spanier in Brand stecken, und verbarg sich daraufhin in den dichten Nebelwäldern der westlichen Ausläufer des Pichincha-Vulkans. Nur wenige Monate später fiel dann auch der heute zur Legende erhobene letzte “Indio-General” (sein Konterfei ist auf dem 1.000 Sucre-Schein stilisiert), in der Nähe des Atacazo-Berges den Konquistadoren in die Hände. Seinen getreuen Kaziken und Kampfgefährten Zopozopagua, Tucumango und Quimbalembo, stand gleiches Schicksal bevor. Sie erlagen schlußendlich den grausamen Folter- u. Hinrichtungsmethoden der neuen Machthaber.

Die Entdeckung des Amazonas: Der Mythos von Eldorado, dem “goldenen Schlaraffenlande”, wuchs bei den Spaniern während der Gründerjahre in Quito. Selbst wenn Gonzalo Pizarro, der Bruder Franciscos und erste Statthalter Quitos, im Jahre 1541 eine Eroberungsexpedition in die Urwaldgebiete des Amazonas-Tieflandes organisierte, tat er dies jedoch im Hinblick auf die zu erwartenden Gewürzvorkommen im “Lande des Zimtes” (País de la Canela). Gewürze waren im Mittelalter ein äußerst begehrtes Handelsgut, welches schon Christoph Kolumbus zum Anlaß seiner Entdeckungsreisen genommen hatten. Der Glaube, bei dem historisch bedeutsamen Unternehmen auch auf sagenumwobene Goldminen in den fernen Urwäldern auf der anderen Seite der östlichen Andenkordillere zu stoßen, war für die gierigen Konquistadoren zumindest ein zusätzlicher Ansporn sich den unsäglichen Strapazen einer derartigen Expedition auszusetzen. 220 Spanier, 3.000 indios, mehrere Dutzend Pferde, Hunde, Lamas u. Schweine, verließen gegen Ende Februar 1541 die Stadt Quito. Bis zu ihrer Ankunft in den Niederungen des Río Napo hatte das Unternehmen bereits den Verlust fast aller Hochlandindianer zu verzeichnen. Sie waren in der hauptsächlich den extremen klimatischen Bedingungen erlegen.

In der Nähe der heutigen Urwaldstadt Coca ließ Pizarro ein befestigtes Lager einrichten, und sandte angesichts krassierenden Nahrungsmangels einen Spähtrupp voraus. Unter der Führung seines Stellvertreters Francisco de Orellana verabschiedete sich daraufhin ein kleiner Teil der Expedition auf Flößen den Río Napo hinunter. Als der unfreiwillig losgezogene Orellana und seine Mannschaft nach mehreren Monaten immernoch nicht zum Basislager zurückkehrten - die starke Strömung des breiten Flusses wußte dies zu verhindern - mußte sich Pizarro nach erfolglos abgebrochener Suche alleine auf den beschwerlichen Rückweg ins Andenhochland zurückbegeben.

Er erreichte Quito mit letzter Kraft im Juni 1542, wo er wenige Jahre später wegen Hochverrats am spanischen König enthauptet wurde.

Unterdessen gelangte Francisco de Orellana am 12. Februar 1542 an einen kolossalen, mehrere Kilometer breiten Strom, den er irrtümlich zuerst für das rettende Meer hielt. Auf der Weiterfahrt stießen die inzwischen zu allem entschlossen Entdeckungsfahrer auf eine Schar kurioser weißer Kriegerinnen. Das einer griechischen Sage entsprungene Heer von sirenenhaften Fabelwesen, den “Amazonen”, diente diesem größten und wasserreichsten Flußsystem auf Erden später als Namensgebung. Es ist bekannt, daß die Frauen kriegführender Naturvölker oftmals die Nachhut bildeten, und deren Männer z. B. mit Pfeilen versorgten. Um die benötigte Finanzierung derartiger Entdeckungs-Unternehmungen zu gewährleisten, sahen sich die Konquistadoren unter Umständen dazu veranlaßt, in ihren ausschweifenden Schilderungen am Hofe auch ein wenig über die Stränge zu schlagen. Als glaubhaft erweist sich jedoch, daß Francisco de Orellana am 24. August 1542, nach unvorstellbaren Entbehrungen, völlig ausgemergelt und dem Hungertod nahe, den erlösenden Atlantischen Ozean erreichte. Damit war die erste Durchquerung des südamerikanischen Kontinents vollbracht.

Orellana kehrte zwei Jahre später, von König Philipp in Spanien mit Ruhm u. Ehrentiteln überhäuft, und vom ungebrochenen Glauben an die Existenz eines goldenen Edens namens Eldorado erfüllt, an die atlantische Mündung des riesigen Stromes zurück. Auf einer zweiten Expedition wollte er in entgegengesetzter Flußrichtung bis nach Quito ins innere Andenhochland gelangen. Während einer der zahlreichen überraschenden Indianer-Attacken fand er an einem Novembertag im Jahre 1546, an irgendeinem überwucherten Ufer im Bereich der heutigen brasilianischen Urwaldmetropole Manaos, den Tod.

La Encomienda: Zu Beginn der Kolonialzeit kam es auch unter den Konquistadoren zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die dem Hof in Spanien zutiefst mißfielen. Indessen Verlauf wurde der gegen Francisco Pizarro aufbegehrende Diego de Almagro 1538 in Lima hingerichtet.

Almagros Sohn ermordete andererseits den vom spanischen König designierten Pizarro während einer konfusen Revolte. Anfang 1546 wiederum wurden die Truppen des Vizekönigs von Perú, Blasco Nuñez de Vela, im Norden von Quito geschlagen (dort wo heute das Einkaufszentrum Iñaquito steht). Der Virrey wurde daraufhin von Gonzalo Pizarro, Franciscos Bruder, ohne weitere Umschweife enthauptet. Zwei Jahre später fand dann auch der aufmüpfige Pizarro ein rasches Ende unter der Guillotine. Der Hauptgrund für die Querelen unter den Spaniern waren die von der Krone herausgegebenen Nuevas Leyes de Indias y Ordenanzas Reales, welche die zentrale Autorität des Königs zu stärken versuchten, die Autonomieansprüche der Konquistadoren weitgehenst in Frage stellte, und deren Barbareien an den Eingeborenen verurteilte. Wesentliche Stütze dieser ersten Kolonialetappe war die encomienda oder “Beauftragung” gewesen. Die Krone im fernen Kastillien erteilte hierbei einem Kolonisten oder Konquistadoren, dem sogenannten encomendero, die Autorität von seinen ihm beauftragten Indios obligatorische Tribute in Form von Dienstleistungen und Besitztum abzuverlangen. Als Gegenleistung erhielten diese zum Dank den christlichen Seegen und standen fortan unter der Obhut des Beauftragten. Der totalen Ausbeutung der Eingeborenen waren somit keine Grenzen mehr gesetzt, bei den Eroberern sollte damit jedoch ein gewisser Handlungsspielraum festgelegt werden.

La Audiencia Real de Quito: Die zu kolonisierenden Gebiete, welche direkt der spanischen Krone unterstanden, wurden in Provinzen unterteilt. Administrative und richterliche Befugnisse hatte der jeweilige Provinzgouverneur inne, zunächst meist ein dazu ernannter Konquistador.
Diese Provinzverwaltungen arbeiteten allein schon der geographischen Umstände wegen weitgehend unabhängig voneinander, gerieten jedoch aufgrund schwammig festgelegter Grenzen immer häufiger ins Tauziehen. Deshalb wurde zur Festigung der politischen Herrschaft die sogenannte audiencia geschaffen, eine überregionale Gerichts- und Verwaltungseinheit, der ein Präsident vorstand. Zudem wurde 1543 von König Karl V. das Vizekönigreich Perú gegründet, welches einschließlich Panamas das gesamte spanische Südamerika mit Ausnahme Venezuelas umfaßte.

Acht Jahre zuvor waren bereits im gleichen Sinne Mexiko, Zentralamerika, die Westindischen Inseln (Karibik) und Venezuela, zum Vizekönigreich Neu-Spanien erklärt worden.

Die “Provinz von Quito” wurde somit dem Vizekönigreich Perú unterstellt. Hinsichtlich einer verbesserten Machtausübung, und wegen der großen Entfernung zum Sitz des Vizekönigs in Lima, wurde schließlich am 29. August 1563 durch König Philipp II. von Spanien die Real Audiencia de Quito gegründet. Zum ersten Präsidenten des königlichen Gerichtsbezirkes, der in all seinen Funktionen einem Bischofssitz gleichkam, wurde Hernando de Santillán ernannt. Die Grenzen des über eine Million qkm großen Territoriums reichten im Süden von Piura (heutiges Perú) bis fast nach Bogotá im Norden. Gegen Osten hin umfasste das Gebiet eine riesige, später Brasilien zugesprochene Fläche des Amazonasbeckens.

Gegen Ende des 16. und während des 17. Jh. kam es im innerandinen Hochlandbecken gleich zu mehreren schweren Erdbeben und verheerenden Ausbrüchen der Vulkane Cotopaxi und Pichincha. Die Stadt Latacunga wurde dabei innerhalb von fünfzig Jahren dreimal dem Erdboden gleichgemacht. Dem Ausbau der spanischen Vormachtstellung konnte dies jedoch keinen Aufschub leisten. Die im Hochland gut akklimatisierten, aus Europa eingeführten landwirtschaftlichen Produkte, gedeihten auf dem vulkanischen Boden prächtig. Mit dem Einsatz afrikanischer Negersklaven begann im Küstenbereich der Anbau von Kakao, Tabak und Baumwolle. Die Textilindustrie verzeichnete einen stetigen Aufschwung, die Goldminen von Zaruma und Portovelo schienen unerschöpflich, und im kreativen Bereich erlangte die muy noble y muy leal ciudad de Quito mit ihren prunkvollen Gotteshäusern bald kontinentales Prestige. Während dieser Zeit gab es auch die eine oder andere blutig niedergeschlagene Indianerrevolte, sowie einen Kreolenaufstand im Jahre 1592, die sogenannte Rebelión de las Alcabalas, als eine neuverordnete, geschäftsschädigende Steuer seitens der Krone, den Stadtrat von Quito auf die Palme brachte.

Philipp V. schuf 1717 das Vizekönigreich Neu-Granada (Groß-Kolumbien), mit Santa Fe de Bogotá als Hauptsitz. Die Audiencia de Quito wurde zunächst diesem neueingesetzten Virrey unterstellt, erhielt aber drei Jahre später ihren vorherigen Autonomiestatus innerhalb des Vizekönigreichs von Perú zurück. Auf königlichen Verheiß wurde der Gerichtsbezirk von Quito dann 1739 wiederholt Neu-Granada zugesprochen. Dieses ständige Hin und Her zwischen den beiden rivalisierenden Großmächten (“Sandwich-Effekt”) sollte auch im weiteren Verlauf der Jhte. von schicksalshafter Bedeutung für die spätere Republik von Ecuador bleiben, dessen Staatsgebilde heute fast auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Ausdehnung zusammengeschrumpft ist.

Die Vermessung des Äquators: Zwischen 1736 und 1743 hielt sich die “Geodäsische Kommision der Pariser Akademie für Wissenschaften” innerhalb des Territoriums der Real Audienca auf. Zu den Mitgliedern der bi-nationalen Gruppe gehörten die Akademiker Luis Godin, Pedro Bouguer und Carlos María de la Condamine, der Botaniker u. Mediziner José Jussieu, der Chirurg Juan Seniergues, sowie ein halbes Dutzend weiterer Experten, welche vom spanischen Hof die königliche Zustimmung zur Vermessung des meridianen Erdkreises (Äquatorlinie) erhielten. Ihre langjährigen Untersuchungen waren für den kolonialen Gerichtsbezirk zumindest in geisteswissenschaftlicher Hinsicht von enormer Bedeutung. Die Universitätsstudien erlebten einen Aufschwung. Das antike Reino de Quito begann erstmals einen neuen, auf geographischer Grundlage erfassten Namen zu tragen: Ecuador!

Zu den weiteren Errungenschaften der Gelehrtengruppe gehörte die Besteigung einiger Berge wie z. B. des aktiven Guagua Pichincha-Kraters, oder die Wiederentdeckung des Río Amazonas seitens des Franzosen Condamine und seines Freundes u. Schülers Pedro Vicente Maldonado. Auf ihrer Reise zum Atlantik stießen sie auf die Kautschuk-Pflanze und entwarfen im Anschluß daran die erste Landkarte der Audiencia von Quito. Der Kartograph Maldonado wurde später Gouverneur von Esmeraldas, wohin er auf einem eigens von ihm konstruierten Weg gelangte. Andere Gruppenmitglieder wurden wiederum Opfer von Krankheiten, oder verstarben während der ersten aufgehenden Unruhekeime zwischen einheimischen criollos und königstreuen españoles. Der akademische Gehilfe Godin des Odonnais tauchte hingegen im heutigen Guayana unter, wohin ihm wenig später auch seine Ehefrau aus Riobamba folgte. Ihr Schicksal hat bis heute Anlaß zu allerlei fiktiv-romantischen Spekulationen gegeben.

Die Vertreibung der Jesuiten: Einen ganz entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Höhenflug der Kolonialherrn trugen die Jesuiten bei. Ihre entlegenen Missionsstationen und Hazienda-Plantagen waren straff durchorganisiert und brachten stetig wachsende Ernteerträge hervor. Die indianischen Arbeiter waren durch ein effizientes kommunitäres System abgesichert, welches mitunter durchaus moderne humanitäre Züge aufwies. Auf zahlreichen Expeditionen bereisten Missionare dieses Ordens den gesamten Río Amazonas, den sie “Río de San Francisco de Quito” nannten. Den fleissigen Evangelisten unterstanden neben unzähligen Schulen auch die Universität von San Gregorio Magno in Quito. Herausragendstes Beispiel jesuitischen Strebens und Werkens war der 1727 in Riobamba geborene, und 1793 im italienischen Faenza verstorbene Padre Juan de Velasco. Neben seinem viel kritisierten Hauptwerk, der Historia del Reino de Quito, entstammten seiner Feder Publikationen über Botanik, Zoologie, Philosophie, Poesie und Kartographie. Der Jesuitenpater gilt heute zusammen mit Eugenio Espejo als geistiger Vater des Landes.

Der auf schnellen Gewinn ausgerichteten Kolonialbürokratie widerstrebten die autonomen, geradezu visionären Ordensgemeinschaften der Jesuiten. Eine königliche Sanktion im Jahre 1767 führte schliesslich zur totalen Enteignung und Ausweisung der Glaubensbrüder. In langen Karawanen wurden sie an den Hafen von Guayaquil gebracht und in die Verbannung geschickt. Acht Schiffe brachten sie zuerst nach Panamá, und von dort auf unterschiedlichen Routen zurück in die “Alte Welt”. Andere immigrierten nach Brasilien. Danach begannen ihre Missionsstationen unter der Verwaltung der Kolonialherren zu vergammeln. Die Erträge schwanden dahin, und auch für die indianischen Kommunenmitglieder gab es von nun an nichts mehr zu lachen. Mit der Ausweisung der Jesuiten wurde dem Erziehungs- u. Kulturwesen der Audiencia ein schwerer Schlag versetzt. Mit ihr entledigten sich die Spanier dummerweise nicht nur des höchsten bis dahin erreichten agrarischen und technologischen Standards, sondern verbannten auch jenes spirituelle “Mündigwerden”, dass später zu ersten amerikanischen Vaterlandsbestrebungen Anlaß gab, und Anfang des 19. Jh. schließlich zur politischen Unabhängigkeit führte.

Zu den geistigen Verfassern eines aufkommenden ekuadorianischen Patriotismus zählte im besonderen auch der Mediziner, Anwalt u. Periodist Eugenio Espejo (1747-1795), weißhäutiger Pflegesohn eines Indios und einer Mulattin, der unter anderem mit nach Italien verbannten Jesuitenmönchen regen Kontakt pflegte. Seine liberalen Ideen, reformistischen Wirtschaftsentwürfe, und offenen Sympathiekundgebungen zugunsten des 1781 in Perú ermordeten indianischen Rebellen Túpac Amaru II, waren für das Fortbestehen des inzwischen krisenhaften monarchistischen Kolonialgefüges eine zusätzliche Bedrohung. Nach seiner Rückkehr aus kolumbianischer Verbannung, und der Herausgabe seiner konspirativen Schriften Primicias de la Cultura de Quito (“Anfänge Quitenscher Kultur”), wurde er schließlich an die Kette gelegt, und starb in einem finsteren Verlies der Hauptstadt.

Eine Reihe von Indianeraufständen schwächte zudem die bis dahin unangefochtene Souveränität der spanischen Machthaber: 1774 wurde in Riobamba der Ausnahmezustand ausgerufen. Im Jahre 1803 konnte eine langvorbereitete Konspiration aufrührerischer Berg-Indios in der Region um Guamote (Prov. Chimborazo) nur mit Hilfe einiger Spitzel des Audiencia-Präsidenten Barón de Carondolet aufgedeckt werden. In seinem Bericht an den spanischen König schätzte der einstige Erbauer des hauptstädtischen Präsidentenpalastes die Situation im Lande jedoch selbst als “hundsmiserabel” und von “drückender Armut belastet” ein. Fast zeitgleich fanden sich Anfang des 19. Jh. zwei angesehene “aufgeklärte” Gelehrte in Quito ein, der Neugranadier Francisco José de Caldas, und der junge wissensbegierige Berliner Baron Alexander von Humboldt.

Der Aufstand der Kreolen: Die nordamerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, und die französische Revolution von 1789, hatten auf die streng hierarchisch gegliederte Gesellschaftspyramide der spanischen Kolonialstaaten sehr wenig Einfluß. Im Unterschied zu Europa gab es in den hispano-amerikanischen Vizekönigreichen kein selbstbewußt auftretendes, geschweige denn umstürzlerisch aufgeklärtes Bürgertum. Die tonangebenden kreolischen Großgrundbesitzer des Hochlandes (criollos sind in Lateinamerika geborene Weiße) blickten aus rein selbstsüchtigen Motiven auf die besorgniserregenden Ereignisse im fernen Europa. Napoleon besetzte 1808 Spanien, und zwang König Carlos III. und dessen rechtmässigen Thronerben Ferdinand VII. zur Abdankung. Nach der Ernennnung von Joseph Bonaparte (Napoleons Bruder) zum neuen König, probte das spanische Volk den bewaffneten Aufstand. Aus Angst, daß die spanischen Machthaber der Audiencia von Quito ebenfalls in den “revolutionären Strudel” Napoleons geraten könnten, planten die Kreolen im Jahre 1809 einen Staatsstreich.

Die beabsichtigte Loslösung vom spanischen Mutterland nährte sich in erster Linie durch den Umstand, daß aufgrund der Kriegsgeschehnisse in Europa die Entsendung von Truppen in die Kolonien weitgehenst unterbunden wurde. Als sich Spanien 1815 schließlich von der französischen Besatzungsmacht befreien konnte, und König Ferdinand VII. ein 10.000 Mann starkes Heer in die aufmüpfigen Kolonialstaaten schickte, waren die Autonomiebestrebungen in diesen bereits nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Die neue Zusammensetzung der europäischen Großmächte tat ein übriges. Das bis 1814 neutrale England zeigte von nun an gewichtiges Interesse an den reichen Kolonien. Dabei galt dessen kräftige Unterstützung zugunsten der nach “Freiheit” liebäugelnden Kreolen lediglich einem zukünftig unersättlichen Absatzmarkt für seine Produkte aus den Weberei-Fabriken.

Im Morgengrauen des 10. August 1809 fand in Quito im Hause von Doña Manuela Cañizares eine geschichtsträchtige Verschwörung statt. Grund der geheimen Versammlung war die sofortige, im Namen des Volkes und seiner Vertreter verordnete Absetzung des Grafen Ruiz de Castilla, Manuel Urriez, vom König ernannter Präsident der Audiencia de Quito. Die anwesenden Herrschaften dieser patriotischen Verschwörung setzten eine neue, vom Mutterland unabhängige Regierungsmannschaft fest, welche ausschließlich aus Kreolen bestand. Nicht ein einziger Posten wurde einem eingewanderten Spanier zugeteilt.

Die Nachricht von der ersten Unabhängigkeitserklärung auf lateinamerikanischem Boden, ekuadorianische Schulbücher sprechen heute von der “Fackel”, vom “Licht” Amerikas, löste unter den elitären Schichten des Kontinents ein nachhallendes Echo aus. Die in Spanien (vorübergehend) in Kraft getretenen radikalen Reformen der französischen Revolution stellten nicht zuletzt eine ernsthafte Gefahr für die lokalen politischen Machtverhältnisse dar. Die geplante Abschaffung der Audiencia von Quito diente vor allem dazu jedweden sozialen Aufruhr im Keime zu ersticken. Vom Aufflackern einer amerikanischen Revolution, wie heute oftmals behauptet, kann keine Rede sein. So schwor die selbstbewußte, sich ihrer legitimen Erbrechte bedroht fühlende Kreolen-Elite, bei der feierlichen Machtübernahme in der Kathedrale von Quito, ausgerechnet dem König von Spanien Treue und Gehorsam.

Die Antwort der Vizekönige von Lima und Bogotá ließ nicht lange auf sich warten. Von Guayaquil u. Cuenca im Süden, bzw. Pasto und Popayán im Norden, wurden starke Truppenverbände in Richtung Quito entsandt. Die verängstigten Soldaten der improvisierten Kreolen-Regierung desertierten bereits mehrheitlich, bevor es überhaupt zur ersten Schlacht kam. Das aufmüpfige Quito wurde im Handstreich vom Rest des Landes isoliert, und die königlichen Verbände rückten widerstandslos in der Hauptstadt ein.

Am 24. Oktober 1809 reichte der Nachfolger des geflüchteten Separatisten-Präsidenten Marqués de Selva Alegre, unter der Zusage von Straffreiheit, die Kapitulation ein. Der erneut amtierende Graf Ruiz de Castilla brach jedoch wenig später sein Amnestieversprechen und ließ alle abtrünnigen Kreolen einkerkern, 40 von ihnen wurden sogar zum Tode verurteilt. Zudem sollten jeder fünfte der 160 Soldaten, die am Staatsstreich vom 10. August beteiligt waren, nach einem Losverfahren hingerichtet werden. Die allgemeine Empörung unter den 30.000 Quiteños, über das nicht eingehaltene Versprechen und die anhaltenden Plünderungsaktionen seitens der einmarschierten königlichen Soldaten, schlug bald in Aufruhr um.

Am 2. August 1810 stürmte eine aufgebrachte Schar von patriotas () das Cuartel Real von Quito, in der Absicht die festgeketteten Autonomieanhänger zu befreien. Im Verlauf der Befreiungsaktion ließen die Spanier sämtliche Gefangene, darunter alle patriotischen Kreolen-Anführer massakrieren. In den anschließenden Strassentumulten fanden weitere 300 Leute den Tod. Die alten Machtverhältnisse wurden auf Biegen und Brechen wieder hergestellt.
Die Aufspaltung der herrschenden Schicht war jedoch von diesem Tage an nicht mehr zu verhindern, und die anfangs noch königstreuen Kreolen kehrten Spanien endgültig den Rücken zu. Das furchtbare Gemetzel vom 2. August gilt heute als einer der tragischsten u. symbolträchtigsten Episoden der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die patriotischen Märtyrer von Quito gingen als Vorreiter einer freien Republik in die Geschichte ein. Eine äußerst beeindruckende Wachsfigurenszene, welche den blutigen Ereignissen nachempfunden wurde, ist heute in den ehemaligen Kerkern der Real Audienca, im Museo Municipal de Arte e Historia Alberto Mena Caamaño in der Calle Espejo zu bestaunen.

Die Republik
Nicht zuletzt mithilfe englischer Kriegsschiffe nahmen die südamerikanischen “Patrioten” den Kontinent von zwei Seiten her in die Zange. Während sich der Libertador (“Befreier”) Simón Bolívar des Nordens bemächtigte, wurde Argentinien 1816 südlicher Ausgangspunkt eines Autonomisten-Vorstosses, dessen Führung dem späteren Protector del Perú (“Beschützer”) General José de San Martín unterstand. Beide sollten sich wenige Jahre darauf, am 26. Juli 1822, bei einem historischen Treffen in Guayaquil die Hand reichen. Dieses Ereignis wurde mit dem berühmten Denkmal La Rotonda an der Uferpromenade in Guayaquil festgehalten.

Im Morgengrauen des 9. Oktober 1820, motiviert durch die Erfolge von Simón Bolívar im Norden und José de San Martín im Süden des Kontinents, erlangte Guayaquil unter Führung des Patrioten José de Antepara und der beiden Kapitäne Luis Urdaneta und León Febres Cordero, als erste ekuadorianische Stadt den Unabhängigkeitsstatus. Diese ersten vaterländischen Bataillone setzten sich aus übergelaufenen, einst königstreuen Soldaten, und einem enthusiastischen Freiwilligenheer von montubios, Bauern der inneren Küstenregion, zusammen. Auf ekuadorianischem Territorium lebten damals etwas über eine halbe Million Menschen, die meisten von ihnen im zentralen u. nördlichen Andenhochland, Trutzburg der Royalisten. Alle pazifischen Hafenstädte in Südamerika, mit Ausnahme von Callao in Perú, befanden sich jedoch bereits in den Händen der Aufständischen.

Im Jahre 1821 entsandte Simón Bolívar, inzwischen zum Präsidenten von Kolumbien ernannt, den jungen 26-jährigen Marschall Antonio José de Sucre nach Guayaquil. Seine Mission galt der vollen Unterstützung der Patrioten, jedoch nur unter der Voraussetzung eines Bündnisses mit Kolumbien. Sucre erhielt rasch die oberste Befehlsgewalt über die Streitkräfte. Unter “dem Schutz und der Schirmherrschaft der Republik vom Kolumbien” zog jene Junta de Guayaquil in den Krieg. Seinen ersten Erfolg gegen die Truppen der realistas verzeichnete Sucre in Cone bei Yaguachi (innere Küste).

Bei einer zweiten Konfrontation verlor er 800 Mann, unter ihnen den Guayaquileño José de Antepara. Ein 90-tägiger Waffenstillstand wurde am 18. November 1821 mit dem spanischen General Aymerich in Babahoyo festgelegt. Sucre nutzte die Feuerpause um seiner geschwächten Armee wieder auf die Beine zu helfen.

Die Schlacht vom Pichincha: In der Nacht zum 24. Mai 1822 erklomm Sucre mit einer 3.000 Mann starken, mitunter eiligst improvisierten Freiwilligenarmee, von Chillogallo aus die Flanken des Pichincha-Vulkans. Er umging somit die im Süden Quitos und auf dem Panecillo-Hügel befestigten Stellungen der Royalisten. Der schwere Regenschauer des vorangegangenen Nachmittages, und das anhaltende schlechte Nieselwetter, verwandelten die steilen Wege auf dem Hausberg der Quiteños in knietiefen Morast. Nachdem das gesamte patriotische Heer bereits eine Höhe von über 3.500m erreicht hatte, wurden es im Morgengrauen von den Spaniern entdeckt. Aymerich sandte daraufhin unverzüglich all seine Bataillone, über 1.800 Mann im ganzen, auf den Pichincha.

Ein ebenso starkes Kontingent der Königstreuen wurde durch einen Geniestreich Sucres in Otavalo aufgehalten. Nachdem dieser von den aus Pasto (südl. Kolumbien) vorrückenden Verstärkungen der Spanier erfahren hatte, ließ er in Guayllabamba, nördlich von Quito, mehrere Hundert Rationen Pferdefutter anfordern. Die Nachricht von der riesigen Proviantbeschaffung gelangte in Windeseile nach Otavalo. Der spanische Kommandant Cataluña, verunsichert durch die Existenz eines angeblich starken Patriotenheeres, gab dem Vormarsch seiner Truppen Einhalt, und verschanzte sich vorübergehend im Umfeld des Lago San Pablo bei Otavalo. Im Verlaufe des Kampfgeschehens unterhalb des Rucu Pichincha fehlte den Royalisten dann diese wahrscheinlich entscheidende Nachhut. Die bereitgestellten Haferballen für Sucres “potemkinsche Pferde” trugen somit einen ganz erheblichen Beitrag zum Ausgang der Schlacht.

Gegen 12 Uhr Mittag ordnete Aymerich den Rückzug seiner völlig aufgeriebenen Truppen an. Neben 400 Gefallenen und 200 Schwerverletzten hatten die realistas 1.260 Gefangene zu verzeichnen. In den Reihen der Patrioten fielen 200 Soldaten und Offiziere, unter ihnen der später zum Nationalhelden erkorene teniente Abdón Calderón, der sich selbst nach der vierten Schrotladung schmerzverbissen weigerte den Kriegsschauplatz zu verlassen. Er starb angeblich noch an den Hängen des Pichincha, nachdem die Patrioten bereits über der Kirche von El Tejar die tricolor gehißt hatten. Der definitive Triumpf des Mariscal von Sucre bedeutete für die obsolete Real Audienca die Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland. Eineinhalb Jahre nach der Eingliederung Guayaquils wurde somit auch Quito Groß-Kolumbien zugeschrieben. In einem Brief des Marschalls soll dieser später zum Ausdruck gebracht haben: “Auf daß Ihr meine sterblichen Überreste in den Krater des Pichincha streut.” Sucre wurde schließlich am 4. Juni 1830 in den Urwäldern von Berruecos in Kolumbien ermordet.

La Gran Colombia: Das Ende der Real Audiencia ist nicht mit der Schaffung des Staates Ecuador gleichzusetzen. Zusammen mit dem Departamento del Norte (Venezuela) und dem Departamento del Centro (Kolumbien), bildete das neue Departamento del Sur die Republik von Groß-Kolumbien. Die Annektionsurkunde wurde am 29. Mai 1822, wenige Tage nach der Schlacht am Pichincha, feierlich unterschrieben. Der utopische Wunsch Bolívars, ein starkes vereintes Lateinamerika zu schaffen (“vom Río Grande bis zum Kap Horn”), schien sich anfangs zu erfüllen, scheiterte dann aber an den Ambitionen der siegreichen Generäle. Ein jeder glaubte sich kompetent genug, unter Zuhilfenahme von Vettern und Getreuen, einen eigenen Staat zu präsidieren. Ein Umstand übrigens, der sich im Wesentlichen bis auf den heutigen Tag in Ekuador beibehalten hat.

Die Entfernungen zwischen den einzelnen Verwaltungszentren der kolumbianischen Autonomieregionen waren außerdem viel zu groß, die geographischen Verhältnisse zu unterschiedlich, und die persönlichen Interessen unter den neuen Machthabern zu sehr auf eigene Vorteile bedacht, als daß das politisch schwache Staatengebilde lange hätte überleben können. Eine konfliktive Deszentralisierung war die Folge. Oberster Richter in diesem Streit unter den lokalen Obligarchien war das Militär, daß sich zur einen oder anderen Allianz in die Waagschale warf. Ganze acht Jahre hatte die mit viel Enthusiasmus gegründete Gran Colombia Bestand. Am 13. Mai 1830 trennte sich Ekuador vom “bolivarischen Völkerbund” und wurde selbstständig.

Für die indianische und gemischtrassige Bevölkerung brachten all diese Ereignisse jedoch keinerlei Änderung ihrer miserablen Lebensverhältnisse. Dem gemeinen Fußvolk blieb jegliche Art von Bildung oder politischer Teilnahme vorenthalten. Kongreßabgeordnete und andere Regierungsmitglieder entsprachen lediglich dem limitierten Wahlresultat einer verschwindend geringen Elitegruppe ehrwürdiger Großgrundbesitzer. Hinter der Formel “liberal-demokratisch-republikanisch” verbarg sich nichts weiter als das Fortbestehen einer hierarchisch aufgebauten Gesellschaft, dessen patriarchalische Spitze sich das “einmal von Gott gegebene Recht zum regieren” nicht mehr aus den Händen nehmen ließ.

Die Gründerjahre: Instabilität, Militärrevolten, und permanente bürgerkriegsähnliche Zustände, prägten vom Zeitpunkt der Unabhängigkeit an das gesamte 19. Jh. Erster Präsident der jungen Republik von Ecuador wurde Juan José Flores, der sich praktisch 15 Jahre im Amt halten konnte (1830-45). Während einer vierjährigen Zwischenperiode mit Vicente Rocafuerte an der Spitze, wurden von Flores sämtliche Fäden im Hintergrund gesponnen.

Der um 1800 in Venezuela geborene, aus armen Verhältnissen stammende Flores, war bereits als 15-jähriger in die königliche Armee eingetreten, besann sich dann später aber eines besseren. Kaum in den Reihen der Patrioten, fiel er Bolívar durch seine Kapazität auf dem Schlachtfeld und seinem politischen Scharfsinn auf. Obwohl noch lange Zeit Analphabet, gelang er bald zu höchsten militärischen Auszeichnungen. Besitzlos, und trotz seiner negroiden Abstammung, gelang es ihm in eine der wohlhabendsten Kreolenfamilien des Hochlandes einzuheiraten.

Diese sogenannte época floreana (“geblümte Epoche”) war von Dekadenz und dauerndem Aufruhr überschattet. Der größte Teil des Staatshaushaltes war für das Militär bestimmt, 4 % des Gesamt-Etats war die jährliche Pension des Präsidenten, der Rest reichte gerade noch um die Minister und andere Verwandte fürstlich zu entlohnen. Für öffentliche Arbeiten blieb nichts übrig. Während seiner dritten Amtsperiode erließ Flores eine carta de esclavitud, die ihn auf ewig zum Diktator ernannte. Die aufstrebende Obligarchie von Guayaquil warf ihn schlußendlich aus dem Land. Seine folgenden Jahre verbrachte er damit fruchtlose Rebellionen und Invasionen auf ekuad. Territorium zu organisieren.

Während der darauffolgenden “März-Etappe” (etapa marcista), regierten anfangs noch die zivilen Präsidenten Vicente Ramón Roca (1845-49) und Diego Noboa (1849-51). Nach einem Staatsstreich kam der starke Mann General José María de Urbina an die Macht. Er hielt sich bis 1856. Zu seinen Errungenschaften zählte die “offizielle” Abschaffung der Sklaverei, und eine anfängliche Festigung der Handelsbeziehungen zwischen Küste und Hochland. Zu seinem Sturz führte der Versuch die Galápagosinseln ans Ausland zu vermieten.

Sein Nachfolger und Waffenkamerad, General Francisco Robles, machte sich unter den Großgrundbesitzern der Sierra noch unbeliebter als dies schon sein caudillistischer Vorgänger war. Unter der Präsidentschaft von Robles wurden die Indios von der Kopfsteuer befreit, sowie andere liberale Gesetze erlassen. Zu seiner Abdankung trug eine Verschärfung des ständig ringenden Regionalismus zwischen Sierra und Costa bei. Den wirtschaftlich starken Hazienda-Machtzentren des Hochlandes, widerstrebten die ganz auf Export und Eigendynamik basierenden Interessen des durch Handel, und nicht durch “Gottes Willen” reich gewordenen Großbürgertums der Küste. Während einer der vielen Krisensituationen zerfiel die Republik 1859 sogar vorübergehend in vier autonome Regionen: Quito, Guayaquil, Cuenca und Loja. Einer paktierten Aufteilung Ekuadors durch Kolumbien und Perú sollte durch die Präsenz peruanischer Kriegsschiffe im Hafen von Bahía de Caráquez Nachdruck verliehen werden. Im Vertrag vom Mapasingue (1860) akkzeptierte der oberste Militärbefehlshaber Guayaquils zunächst den Anschluß der gesamten Küstenregion an das südliche Nachbarland. Eine nationale Front gegen die Abmachung wurde jedoch durch die starke Persönlichkeit des obersten Militärbefehlshabers von Quito, García Moreno, erreicht. Dabei gelang es die zutiefst verfeindeten Lager Küste/Hochland zusammenzuführen. Der Vertrag von Mapasingue wurde schließlich auch vom peruanischen Kongreß widerrufen, und Ekuador behielt somit seine Unabhängigkeit.

Gabriel García Moreno und seine “Republik des Heiligen Herzen Jesu” (1861-65/1869-75): Ein Ansteigen des Kakao-Exports, eine Annäherung an den Weltmarkt, dringend notwendige Modernisation und Zentralisierung, waren aufgrund der zerstrittenen Regionalobligarchien schwer zu erreichen. Unter der Herrschaft von García Moreno, einer der umstrittensten Persönlichkeiten der ekuadorianischen Geschichte, sollte dies wenigstens in Teilbereichen gelingen. Die radikalen Sparmaßnahmen des garcianischen Regierungsprogrammes verhalfen dem Staat zu einer effizienteren Verwaltung. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde zum erstenmal planifiziert, überall entstanden neue Schulen und Hochschulen. Das Banken- u. Steuerwesen wurde rationalisiert. Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude, und 44 km Eisenbahnlinie wurden konstruiert. Neben der Einführung von Schulpflicht und kostenlosem Lehrmaterial, einer signifikativen Anhebung der Beamtengehälter, der Einweihung des astronomischen Observatoriums im Alameda-Park von Quito, dem Bau eines berüchtigten Gefängnisses (daß übrigens heute noch seinen Namen trägt), verdankt das ekuad. Hochland dem zielstrebigen Despoten heute auch die vielen Eukalyptuswäldchen, die zwar schnelles Brennholz hervorbrachten, dem einst fruchtbaren Boden aber das gesamte Wasser entzogen.

Die strukturellen Veränderungen brachten eine Welle von Protesten seitens stark benachteiligter Bevölkerungsschichten mit sich, allen voran die notleidenden Bauern. Der militante Katholizist Moreno setzte sein klerikal-latifundistisches Reformprogramm mit entschiedener Härte durch. Liberale Oppositionelle ließ er verbannen, einkerkern, auspeitschen oder erschießen. Staat und Kirche sollten zu gleichgewichtigen Machtfaktoren werden. Das Kontrollmonopol über das Kultur- u. Bildungsswesen überließ er jedoch scharfsinnigerweise dem Klerus. Die Gewährung von bürgerlichen Rechten machte er zunehmend von der Ausübung der Religion abhängig. Europäische Geistliche wurden dazu eingeladen ein ambiziöses wie repressives Erziehungsprogramm durchzusetzen. Verfolgte Regierungskritiker, die bis dahin in den Klöstern Zuflucht gefunden hatten, wurden aus dem Weg geräumt. Auf seinen Beschluß hin erhielt Ecuador beiläufig den Namen República del Corazón de Jesús.

Die zwischenzeitlich von García Moreno eingesetzten Marionetten-Präsidenten Jerónimo Carrión und Javier Espinosa (1865-69), weigerten sich jedoch wider Erwarten das totalitäre Regiment ihres konstitutionellen Vorgängers fortzuführen. Daher entschied sich Moreno im Hinblick auf anstehende Neuwahlen am 17. Januar 1869 zum Staatsstreich. Eine herausgegebene carta negra verschärfte daraufhin nicht nur die despotischen Zustände im Lande, sondern führte am 6. August 1875 auch zur Ermordung des “Galgenheiligen”, wie ihn der Schriftsteller Benjamín Carrión einmal bezeichnete, und welchen Papst Pius XII. einen “genialen Regierenden, treuen Sohn der Kirche, und Märtyrer seines Glaubens” zu nennen pflegte. Der argentinische Historiker Manuel Gálvez gibt eine detaillierte
Schilderung des brutalen Attentates ab:
“Als sich García Moreno gerade anschickte den Präsidentenpalast zu betreten, stellten sich ihm unter dem Galerienbogen einige jugendliche Verschwörer in den Weg. Einer von ihnen, namens Faustino Rayo, schrie ihm “Tyrann!” entgegen, holte eine Machete hervor, und gab ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf. Ein weiterer Verschwörer verpaßte ihm mit den Worten “Deine Stunde hat geschlagen Bandit” eine Revolverkugel, während Rayo zu einem zweiten Machetenhieb ausholte. Mit blutüberströmtem Gesicht versuchte Moreno zu einem der Eingänge des Palastes zu gelangen. Einer der Kerle hielt in auf und schoß, aber die Kugel wollte sich nicht lösen. Auf Morenos Hilfeschreie hin erschien dann ein Passant, der vorübergehend Rayo festklammern konnte und ausstieß: “Der Präsident wird ermordet!”. Währenddessen erhielt Moreno eine zweite Kugel im Gesicht. Nachdem sich Rayo wieder vom Passanten befreien konnte (dieser blieb verletzt liegen), fiel er über den flüchtenden Präsidenten her. Moreno versuchte einen Damenrevolver hervorzuziehen, aber der nächste Machetenhieb traf ihn in der rechten Hand. Sein kleiner Finger baumelte herunter. Rayo schien ihn daraufhin köpfen zu wollen, aber der Präsident hemmte die wütenden Schläge mit seinem Arm und Gehstock ab. Blind vom vielen Blut im Gesicht erreichte er eine der Säulen am Ende des Galerienganges, und richtete sich auf. Rayo stieß ihn nach vorn die Treppe hinunter, wo er auf den Pflastersteinen mit dem Kopf aufschlug. Anschließend beugte sich der Verschwörer auf einem Knie gestützt über den Sterbenden und hackte ihm tiefe Schnitte in den Schädel. Aus dem vor Blut sprudelndem Mund stießen noch drei letzte gemurmelte Worte hervor: Dios no muere, “Gott stirbt nicht!”

Als endlich die Palasttruppen auftauchten, war es bereits zu spät. Ein Soldat erschoß den Verschwörer Rayo, welcher noch vor dem Präsidenten das Zeitliche segnete. Eine Gedenktafel (links) im Kolonnadengang des Präsidentenpalastes erinnert heute an das Ereignis.

Kakao, Kommerz, und Chaos: Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts erlebte Ecuador ein beschleunigtes wirtschaftliches Wachstum, daß in der Hauptsache auf dem enormen Anstieg des Kakao-Exports basierte. Die terratenientes cacaoteros dieser Epoche, deren riesige Plantagen sich vornehmlich in den Provinzen Guayas und Los Ríos befanden, verhalfen den Bankiers und Kaufleuten der Küste zu neugewonnener politischer Macht. Der Export der wenig arbeitsintensiven, auf dem Weltmarkt jedoch als qualitativ hervorragend eingestuften ekuadorianischen Kakaobohne, lief ausschließlich über den Hafen von Guayaquil ab. Der Anbau und die Kommerzialisierung der “goldenen Bohne” nahm bald frühkapitalistische Züge an. Auf den Plantagen der Großgrundbesitzer arbeiteten bereits Tagelöhner und Pächter, die mit jeder Ernte den Pachtzins in Form von Kakao bezahlten. Dies erlaubte den terratenientes nicht nur eine reiche und billige Ernte, sondern vergrößerte auch ständig die Anbauflächen. Bereits im Jahre 1880 befand sich 80 % der gesamten Kakaoproduktion in den Händen von 15 Großfamilien. Gleichzeitig aber stieg die Produktion zwischen 1885 und 1916 um das dreifache an, während die europäische Nachfrage nach dem exotischen Genußmittel (Schokolade) kein Ende mehr zu nehmen schien.

In Folge des Kakaobooms verschärften sich die ideologischen Gegensätze zwischen den vom garcianismo zu wirtschaftspolitischer Macht verholfenen klerikal-konservativen Großgrundbesitzern des Hochlandes und der liberal-monopolistischen Obligarchie der Küste. Der wachsende Druck von Konservativen und Liberalen hatte eine dramatische Radikalisierung der politischen Landschaft zur Folge.

Nach einem äußerst schwachen Regierungsgebilde unter der Präsidentschaft von Antonio Borrero (1875-76), kam der opportunistische General und Napoleon-Imitator Ignacio de Veintimilla während eines blutig verlaufenden Staatsstreiches an die Macht. Über tausend Menschen sollen dem Komplott zum Opfer gefallen sein. Veintimilla begann seine Diktatur zunächst mit liberalen Reformen, die der Kirche zutiefst mißfielen. Wenig später ließ er jedoch nicht nur konservative Geistliche, sondern auch liberale Intellektuelle durch sadistische Methoden aus dem Weg räumen. Foltereien und Erschießungen waren an der Tagesordnung. Am Karfreitag des Jahres 1877 ließ er sogar den Erzbischof José Ignacio Checa vergiften. Nach einem bewaffneten Volksaufstand floh er schließlich 1883 heimlich mit einem Schiff von Guayaquil.

Als eine Art Schlichter zwischen den verfeindeten regionalen Allianzen trat der Progressist José María Plácido Caamaño seine Nachfolge an. Aber weder dieser, noch die späteren Präsidenten Antonio Flores Jijón (1888-92) und Luis Cordero (1892-95) konnten die allerorts aufflammende politische Anarchie im Lande unter Kontrolle halten. Nicht zuletzt diesen Umständen war es zu verdanken, daß es am 5. Juni 1895 zu einem erneuten Putsch kommen sollte. Sein charismatischer, unter den Küstenbauern fast abgöttisch verehrter Anführer, war der aus Manabí stammende Kaufmann und Partisanenkämpfer Eloy Alfaro.

Eloy Alfaro und die liberale Revolution (1895-1912): Der scheinbar unaufhörliche Anstieg des Kakao-Exportvolumens (jährlich mehrere Millionen US-Dollar), führte zu einer Festigung der Handelsherrschaft Guayaquils und anderer Bereiche der inneren Küstenregion. Die liberal orientierte, reformfreudige Kakao- u. Kommerz - Bourgeoisie sollte fortan die politischen Geschicke des Landes bestimmen. Durch die Revolution von 1895 ergab sich für die Mächtigen der Küste die langersehnte Gelegenheit einschneidende Veränderungen am gesamten Staatswesen durchzuführen.

Gebührte der despotischen Amtszeit García Morenos noch die Einführung struktureller Maßnahmen zugunsten eines für damalige Begriffe modernen Wachstums, so schuf Eloy Alfaro definitiv die Voraussetzungen für dessen Verwirklichung. Im Gegensatz zu García Moreno, dessen Wirtschaftspläne weit fortschrittlicher waren als seine reaktionären religiös-politischen Vorstellungen, wurden mit dem Auftauchen Eloy Alfaros die bisher tonangebenden klerikal-feudalen Allianzen der Sierra weitgehenst ihrer Vormachtstellung enthoben.

Der Liberalismus basierte zum einen auf wirtschaftlicher Integration, wie dem Bau der trans-ekuadorianischen Eisenbahnlinie (welche übrigens von García Moreno im Hinblick auf eine Machtausweitung des Hochlandes über die Küstenregion begonnen wurde), und zum anderen auf ideologischer Umwandlung. Der Staat sollte dabei die absolute Kontrolle über weite Bereiche der Gesellschaft erlangen, welche bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich der Kirche und ihren verbündeten Großgrundbesitzern korrespondierten. Dazu gehörten die Trennung von Kirche u. Staat, eine weltliche Ausbildung (darunter Abendschulen für Arbeiter), zivile Heirat u. Scheidung, Abschaffung von Tributszahlungen an die Pfarreien, Religions- u. Kulturfreiheit, Mitsprache bei Bischofswahlen, oder die wirtschaftspolitische Emanzipation der Frau. Nach Herausgabe eines Erlasses namens ley de manos muertas (“Gesetz der toten Hände”) wurden in diesem Zusammenhang riesige Latifundien der katholischen Kirche und ihrer Ordensgemeinschaften konfisziert und dem Staat zugeführt.

Eloy Alfaro wurde zur Kultfigur der liberalen Bewegung. Mit jungen Jahren trat er in die militärischen Reihen des Haudegen-Generals José María de Urbina ein. Bald darauf organisierte er einen Guerrilla-Aufstand gegen das autoritäre Regime von García Moreno. Nach seinem ersten Exil in Panamá, wo er sich hauptsächlich dem Verkauf von Strohhüten aus Montechristi gewidmet hatte, kehrte er Ende 1875 nach Manabí zurück um eine Rebellion gegen die konstitutionelle Regierung von Antonio Borrero anzuzetteln. Während der Diktatur Veintimillas noch zum Militärchef von Portoviejo aufgestiegen, bekämpfte er diesen jedoch später, und floh wiederholt nach Panamá ins Exil. Nach erneuter Rückkehr führte Alfaro 1883 als Jefe Supremo von Esmeraldas einen sogenannten “Restaurationskrieg” an, der mit dem Einmarsch seiner montoneros in Guayaquil endete. Nach dem Verlust der Präsidentschaftswahlen gegen den smarteren Plácido Caamaño, begann er bereits am darauffolgenden Tag mit der Reorganisierung der Guerrilla.

Während einer Seeschlacht sah er sich sogar gezwungen sein eigenes Schiff, die Alhajuela, zu versenken, und in einem Holzfaß die rettende Küste zu erreichen. Seine Jahre vor jenem entscheidenden 5. Juni 1895 verbrachte er damit in fast allen Staat