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Geschichte

Die Geschichtsschreibung des Landes Ecuador läßt sich bei einem Gesamtabriß in vier grundsätzliche Epochen aufgliedern: Die namentlich vielleicht etwas verwirrende, sogenannte Präkolumbische Zeit (Epoca Precolombina oder auch Epoca Aborígen), welche bis etwa gegen Ende des 15. Jhs. dauerte, das relativ kurzfristige nördliche Inka-Imperium (Chinchasuyo) bis zum Tode des Inkaherrschers Atahualpas im Jahre 1533, die Koloniale Epoche (Epoca Colonial) bis Anfang des 19. Jhs., und das Republikanische Ecuador (Era Republicana), welches die Jahre von der Unabhängigkeit bis heute beschreibt.

Die Präkolumbische Zeit
Die frühesten Anzeichen menschlichen Zusammenlebens auf aktuellem ekuadorianischem Territorium werden als sog.

Präkeramische Phase zusammengefaßt und reichen weit in die Vergangenheit zurück. Beile, Schaber, Klingen, Wurfgeschosse und andere primitive Stein-, bzw. Jagdwerkzeuge an einem Ort namens El Inga (am Ilaló bei Quito), in der Region um Chobschi, Cubilán und anderen Punkten in den Hochandentälern, sind schätzungsweise bis zu 12.000 Jahre alt. Schädel- und Knochenfunde auf der Halbinsel Santa Elena (Las Vegas), auf der Insel Puná (Golf von Guayaquil), bei Punín (Provinz Chimborazo), Paltacalo (El Oro), Cotocollao (Quito) und ganz in der Nähe von Otavalo, erbringen Alterstufen von 5 bis 10.000 Jahren. Jene ersten Bewohner Ekuadors waren vornehmlich Sammler, Jäger u. Fischer.

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Woher diese nicht uneingeschränkt umherirrenden Nomadenstämme ursprünglich kommen ist mit ziemlicher Sicherheit geklärt. Von den widersprüchlichsten Herkunftstheorien, welche mitunter eher von patriotischen Gefühlen als fundamentierten Erkenntnissen gelenkt sind (“Homo Errectus Ecuatorianus” oder so ähnlich), scheint eine sukzessive Völkerwanderung von Asien über die Beringstraße nach Nord-, Zentral-, und letztlich Südamerika am wahrscheinlichsten. Diese fand während der letzten Eis- u. Zwischeneiszeiten in einem Zeitraum von etwa 25 bis 40.000 Jahren v. Chr. statt. Eine ingrimmige Hetzjagd auf eine Büffelhorde oder ein Elchrudel könnte womöglich der Anlaß für die trans-aseatisch-amerikanische Travesie gewesen sein. Freilich sind so sensationelle Hypothesen über gestrandete Flöße aus Polynesien und sonstwo gekenterte “melanesische Nußschalen” schwerlich von der Hand zu weisen, können aber im großen u. ganzen keinen fundamentalen Beitrag zur Entstehung der Kulturen Amerikas leisten. Zudem wurde herausgefunden, daß die pazifischen Strömungsverhältnisse für Überfahrten dieser Art viel günstiger von Ost nach West, d. h. von der südlichen Kontinentenhälfte in Richtung Asien sind (und nicht umgekehrt), was zwischenzeitlich zu weiteren, bislang rein spekulativen Behauptungen geführt hat.

Auf der Suche nach neuen, zweckmäßigeren Nahrungsquellen begannen jene Primär-Ekuadorianer mitunter Tiere zu halten und Pflanzen zu kultivieren. Der einstmals wie heutigentags rundheraus mysthifizierte Maiskolben schuf eine regelrechte Verpflegungsgrundlage für ganz Meso- und Andinoamérica (Mittel- u. westl. Südamerika). Darüberhinaus wurden Knollenfrüchte wie Maniok und papa (Kartoffel) geerntet, letztere erlebte dann viel später ihren phänomenal raschen Auszug in die Alte Welt.

Die ältesten und gleichzeitig fortschrittlichsten dieser endgültig seßhaften Volksgruppen sind einer Formativen Phase (4.000-300 v. Chr.) der zentralen Küstenregion zuzuordnen: Valdivia, Machalilla u. Chorrera. Die innovationsfreudigen Valdivianos (Prov. Guayas u. südl. Manabí) verfeinerten nicht nur ihre dekorativen Keramikfiguren mit sinnlichen Schönheitsnuancen, oder praktizierten einen beinahe blühenden Tauschhandel mit direkten Nachbarn in anderen ökologischen Nischen des Hinterlandes, sondern errichteten vor fast 6.000 Jahren die vielleicht erste größere Siedlung Lateinamerikas, das legendäre Real Alto auf der Halbinsel Santa Elena.

Eine auf verblüffenden Einstimmigkeiten beruhende, zugeschriebene Verwandtheit mit den Jomoneses einer japanischen Halbinsel am anderen Ende des Pazifik ist einfacher zu widerlegen als nachzuweisen. Warum auch sollten jene Ur-Japaner nach einer zwei bis vierjährigen Odysee total ausgemergelt in Kalifornien ankommen, dann unbedingt nochmal weitere 7.000 Kilometer dranhängen, um ausgerechnet am Strand von Valdivia, am Rande des Kollaps in den Sand zu plumsen?

Die zeitlich folgenden Kulturen Machalilla (Guayas/Manabí, 1600-800 v. Chr.) und insbesondere Chorrera (Guayas/Los Ríos, 900-100 v. Chr.) setzten dann neue Maßstäbe: symbolträchtige Kleidungsstücke, eine effektivere Feldbestellung, Metallverarbeitung, anthropomorphe Keramik mit Tier- u. Menschendarstellungen in Form von “singenden” Krügen (botellas comunicantes). In der gleichen Zeitspanne im Andenhochland erreichte die Kultur Cotocollao, in Amazonien die Fase Pastaza einen gewissen, wenn auch weit geringeren Entwicklungsstandard.

Die Regionale Entwicklungsphase (300 v. Chr. bis 800 n. Chr.) tat sich durch komplexe expressionistische Formen bei der Herstellung von Keramikfiguren, sowie der Verarbeitung von edlen Metallen o. Steinen wie Smaragden hervor. Die Kultur La Tolita (nördl. Esmeraldas, 600 v. Chr. - 400 n. Chr.) verstand es vor 2.000 Jahren bereits Platin zu schmelzen, während dieses Metall in Europa nicht vor dem 18. Jh. verwendet wurde. Ein vielfältiger Warenaustausch mit geographischen Regionen unterschiedlichen Klimas ermöglichten diesen florierenden, avangardistischen Küstenkulturen einen relativ hohen Lebensstandard. Zentralisierte, von elitären ortsgewaltigen Schamanen angeführte Kleinstaaten wie die der Jama Coaque (nördl. Manabí), Bahía (Manabí), Guangala (südl. Manabí, Guayas), Daule Tejar (Guayas, Los Ríos) oder Jambelí (südl. Guayas, El Oro) verfügten über bravouröse Seefahrer, die bereits auf fernliegende Küsten im heutigen Mexiko, Perú u. Chile Kurs nahmen. In der südlichen Sierra stach besonders die Kultur Cerro-Narrío durch ihre beidseitigen Kontakte mit dem Oriente und der Costa hervor.

In der Integrationsphase begannen sich die vorherig etablierten Völker zu streng hierarchischen Gesellschaften, Konföderationen und Allianzen zu fusionieren. Auch hier spielte der Küstenbereich die Hauptrolle: Atacames, Manteño-Huancavilca (500-1535 n. Chr.) und Milagro-Quevedo (400-1500 n. Chr.). Ein Grossteil der Manteños lebte in der Stadt Jocay, welche sich kilometerlang am Pazifik hinzog. Die Navegation auf enorm groben Balsaflößen nahm eine neue Dimension ein. Die Spondylusmuschel wurde praktisch zur offiziellen Währung erkoren. Präzise Gold- u. Kupferschmiedearbeiten, oder gewaltige halbmondförmige Steinsitze mit zoo- u. anthropomorphen Skulpturen im Sockel, geben u. a. Zeugnis von der Dynamik jener Staatengebilde. Die gefeiten costeños (Küstenbewohner) bereiteten den vordringenden Inkas später derartige Schwierigkeiten, daß diese nach wiederholten Vorstößen schließlich ihre Okkupationsabsichten aufgeben mußten. Deren Ausmerzung durch die Spanier bedeutete dann auch das unwiderrufliche Ende der letzten Stammeshalter präkolumbischer Kulturen in Ecuador.

Bis etwa 900 n. Chr. schien keiner der Küstenstämme so mächtig geworden zu sein, daß er alle anderen unterworfen und zu einer überregionalen Einheit verschmolzen hätte. Dies war letztendlich dem Volksstamm der Caras vorenthalten, dessen Herkunft und Kultur bisher noch nicht genau geklärt werden konnte, und welcher um 700 n. Chr. nördlich vom heutigen Bahía de Caráquez erblühte.

Gegen 900-1.000 n. Chr. begannen die Caras allmählich in die Andenregion vorzustoßen, um sich des Hochland-Stammes der Quitus zu bemächtigen. Mit Hilfe dessen Herrschergeschlechts, den sogenannten Shyris, konnte dieses Staatsgebilde dann um ein vielfaches erweitert werden. Mit dem elften Shyri erlosch um 1.300 jedoch die männliche Linie der Caras. Die Shyri-Prinzessin Toa vermählte sich daraufhin mit Duchicela, dem ältesten Sohn des Herrschers der Puruhaes, welche in der Chimborazo-Region beheimatet waren. Auch die Cañari (Cuenca-Region) schlossen sich aus Sicherheitsgründen den Caras an. Die Gefahr einer Invasion durch die expandierenden Inkas von Süden her (heutiges Perú) war nicht von der Hand zu weisen.

Das Inka-Imperium
Gegen Ende des 15. Jhs. wurden die zahlreichen ethnischen Flickenvölkchen des nördlichen Hochlandes, als cacicazgos o. señoríos étnicos bezeichnet, mit einem straff organisierten, übermächtigen und kriegerischen Volk aus dem Süden konfrontiert, den Inkas. Die nördliche Expansion des Tahuantinsuyo, des gesamten Inkareiches, lief in mehreren Etappen ab. Inga Yupangui, und später Túpac Yupangui begannen um das Jahr 1450 herum mit den ersten Feldzügen gegen die Stämme des Nordens, wobei sie bis zu den Cañari in die grünen fruchtbaren Gebirgshänge bei Cuenca (Tomebamba) vorstießen. Túpac Yupangui zählte bei dem lange vorbereiteten Eroberungszug auf eine angeblich bis zu 250.000 Mann starke Armee. Der Vorstoß der Inkas, der “Söhne des Himmels”, bedeutete für die Andenvölkchen des Nordens oftmals die Ausrottung ganzer Dorfgemeinschaften. Viele der besetzten Siedlungsgebiete und Landstriche wurden mit Hilfe massiver Zwangsevakuierungen (mítimacuna) total entvölkert. Die evakuierten rebellischen Bewohner (mitimaes) wurden dabei in abgelegene, bereits befriedetete Regionen des hintersten Perú, Bolivien, und auch nördlichen Argentinien verfrachtet, wo sie auf ewig zum leben und sterben verurteilt waren.

Das Volk der Puruhaes (Chimborazo-Region) leistete mitunter den heftigsten Widerstand. In Tiocajas u. Tixán wurde der Vormarsch der Inka-Truppen fast ein halbes Jahr lang erfolgreich zurückgeworfen. Schlußendlich wurde der cacique Hualcopo Duchicela von Túpac Yupangui aufgefordert die Waffen niederzustrecken. Der starrsinnige Puruhá-Häuptling starb daraufhin angeblich aus Wut und Schmerz über die nicht zu verhindernde Niederlage. Araukanische mitimaes, ein aus dem heutigen Chile rekrutierter Indiostamm, diente dem “Inka-Kaiser” dabei als entscheidende Vorstoßtruppe.

In Latacunga kam es zu einer weiteren Großschlacht. Pillahuasu konnte mit den besten Kriegern der Confederación Quiteña (die Stämme Quitus, Cayambis, Caranquis), sowie versprengten Einheiten der Cañaris, Puruhaes u. Panzaleos, Aufwartung machen. Túpac Yupangui hingegen konzentrierte Truppen aus dem gesamten Inka-Imperium: Cuzcos, Quichuas, Collas, Aymaras, Araucanos, Mochicas u. Chachapoyas. Nach langem Kampfgeschehen konnte der Inka dank seiner zahlenmäßig überlegenen Armee die Schlacht zu seinem Gunsten entscheiden. Latacunga wurde dem Erdboden gleichgemacht, seine Bewohner ausgerottet und durch mitimaes aus entlegenen Regionen des Inkareiches ersetzt.

Nach dem desastre von Latacunga zogen sich die verbliebenen Einheiten der nördlichen Konföderationen unter dem Kommando des jungen Kaziken Cacha in Richtung Quito zurück. Der Nachfolger Hualcopos wandte dabei eine Politik der verbrannten Erde an, und verschanzte sich im Umfeld der Pyramiden von Cochasquí und Cayambi. Túpac Yupangui marschierte daraufhin im aufgegebenen und entvölkerten Quitus (Quito) ein, Hauptstadt der Gran Confederación des Nordens, der verbündeten Stammesgeflechte der Caras und Shyris. Er ließ strategische Befestigungen und Beobachtungsposten errichten, besiedelte diese mit mitimaes, und wandte sich auf dem Rückweg nach Cuzco über die Ausläufer des Pululahua-Kraters dem Pazifischen Ozean zu, welchen er noch niemals im Leben zuvor gesehen hatte.

Sein nächstes Ziel galt der Unterwerfung unbekannter Küstenvölker wie den Manteños und Huancavilcas, von denen ihm im Verlauf seiner Eroberungszüge sagenhafte Dinge zu Ohren kamen. Beim Anblick des Meeres brach er dann in Tränen aus, und benannte dieses Mama Cocha, die “Mutter aller Lagunen”. Die Huancavilcas ließen dem Inka-Herrscher eine Botschaft zukommen, in der sie ihn zu seinen Erfolgen beglückwünschten und um eine Delegation baten. Angetan von der Kooperationsbereitschaft der costeños, sandte er diese umgehend zum “Golf von Guayaquil”.

Die Huancavilcas bejubelten zuerst die Abgesandten des Inka, töteten sie aber beim “Verabschiedungsfest”. Zutiefst iritiert, und vom dringenden Verlangen nach Cuzco zurückzukehren bemächtigt, sah der Inka-Herrscher von einer einstweiligen Eroberung ab, und verlegte das Unternehmen auf einen späteren Zeitpunkt. Die Gefahren der breiten Ströme und feucht-heissen Regenwälder der Küstenregion standen zudem in schroffem Gegensatz zu den offenen, gut einsichtbaren Gebirgslandschaften der peruanischen Küste. Dem kriegerischen Organisationstalent der Inkas waren hier natürliche Grenzen gesetzt.

Nach dem Tode Túpac Yupanguis in Cuzco, trat sein Sohn Huayna Cápac, welcher in Tomebamba (Cuenca), der Hauptstadt der Cañaris geboren wurde, seine Nachfolge an. Auf dem fortgesetzten Eroberungsfeldzug in Richtung Norden rächte sich dieser zuerst einmal grausam an den Huancavilcas. Auf der Insel Puná ließ er nur Frauen und Kinder am Leben, die männliche Bevölkerung wurde verstümmelt oder ausgelöscht. Die Manteños hingegen leisteten dem Inka-Herrscher erfolgreichen Widerstand. Lediglich eine Weihestätte auf der Isla de La Plata konnte von Huayna Cápac schliesslich erobert werden.

In seiner von ihm über alles geliebten Geburtsstadt Tomebamba, ließ er herrliche Steinbauten errichten, wie z. B. den Palast von Mullucancha (Pumapungo) und die Festung von Ingapirca. Unterdessen gelang es den Überbleibseln der Confederación Quiteña, unter der Führung des berüchtigten Rebellen Cacha, weite Teile des besetzten Territoriums zurückzuerobern. Dabei gelangten sie bis an die Grenzen des ehemaligen Cañari-Reiches, in dessen Hauptstadt Tomabamba inzwischen Huayna Cápac residierte. Die Stadt Quito verblieb jedoch dank ihrer geographisch-strategischen Lage in den Händen der Inkas. Die in der nördlichen Enklave verbliebenen Truppen warteten angesichts der konföderierten Belagerung aber sehnlichst auf Verstärkung aus Tomebamba.

Zahlreiche Befestigungen (pucaraes) mussten in den folgenden Jahren von Huayna Cápac im innerandinen Hochlandbecken errichtet werden, um somit den aufreibenden Stellungskrieg gegen die nördlichen Aufständischen zu seinem Gunsten entscheiden zu können. Verlustreiche Vorstöße mussten in Kauf genommen werden. Bei einer Inkursion gegen die Rebellen-Festung Caranqui (Provinz Imbabura) verlor der Inka-Herrscher beinahe selbst das Leben. Wie durch ein Wunder konnte er in einem Hinterhalt dem sicheren Tod entrinnen. Sein Bruder Auqui-Toma teilte allerdings nicht das gleiche Schicksal, und fiel während der Kämpfe den Aufständischen in die Hände.

Eine alles entscheidende Schlacht fand an den Ufern der Lagune Yaguarcocha (bei Ibarra) statt, in der 30.000 konföderierte “Soldaten” und ihre Anführer starben. Auf dem Schlachtfeld wimmernde Schwerverletzte wurden von den Inkas geköpft und in die Lagune geworfen, welche aufgrund dieser barbarischen Begebenheiten bis heute ihren Namen beibehielt: “Blutender See” (Yaguarcocha). Mit diesem hart erkämpften Endsieg, der auch auf Seiten der Inkas sehr viel Blut kostete, konnte sich Huayna Cápac endgültig des nördlichen Andenhochlandes bemächtigen. Der jahrzehntelange heftige Widerstand der Konföderation war ein für alle Mal gebrochen. Der Inka-Herrscher ließ im Anschluß an die Schlacht alle männlichen Erwachsenen der Region massakrieren, woraufhin das Caranqui-Land fortan den Übernamen país de los guambras trug, das “Land der Kinder”.

Der geflohene Caranqui-Guerillero Píntag (auch Caña Brava genannt), letzter Anführer der besiegten Stämme des Nordens, konnte nach dem Blutbad von Yaguarcocha noch ein paar sporadische Vergeltungsschläge gegen Huayna Cápac anbringen. Seine riskanten Vorstöße in die Täler von Tumbaco und Los Chillos bei Quito, konnten das Rad der Geschichte aber nicht mehr zurückdrehen. Er starb schließlich in Gefangenschaft an einem Hungerstreik, nachdem ihm der Inka-Herrscher bereits das Leben geschenkt hatte. Seine Haut wurde zu einer Trommel verarbeitet und nach Cuzco geschickt, wo sie bei den Feierlichkeiten zu den Fiestas del Sol einen Ehrenplatz einnahm.

Das Erbe von Huayna Cápac: Um weitere Aufruhr und Rebellionen unter den aufmüpfigen unterworfenen Stämmen zu vermeiden, beschloß der Inka-Kaiser die Shyri-Prinzessin Paccha zu heiraten. Aus dieser Mischehe ging ein Sohn namens Atahualpa hervor, dem Lieblingssproß von Huayna Cápac, welcher um 1497 in Quito geboren wurde.

Bevorzugter Wohnsitz des Herrschers blieb aber Tomebamba, das heutige Cuenca, dessen Anlagen zu den prächtigsten zählten, die man im Reich der Inka vorfinden konnte. Zudem wurde der gepflasterte Inkaweg von Quito nach Tomebamba fertiggestellt. Die nördlichen Grenzen des Tahuantinsuyo (Inka-Reich) waren somit fortwährend mit Tomebamba und der Hauptstadt Cuzco verbunden. Unter Huayna Cápac erreichte das mächtige Imperium seine flächenmäßig größten Ausmaße, von Tucumán (Argentinien) und Maule (Chile) bis hin zum Angasmayo-Fluß im heutigen Kolumbien. Sechs Millionen Einwohner soll das Tahuantinsuyo in seiner höchsten Blütezeit gehabt haben. Die Kulturherrschaft der Inkas, welche der europäischen in gewisser Hinsicht ebenbürtig war, hatte den eroberten Stämmen eine Art Agrarkommunismus aufgezwungen, und die öffentlichen wie privaten Lebensbereiche bis ins letzte Detail geregelt. Als Staatssprache im ganzen Reich galt Quechua.

Auf einer Erholungsreise von Quito nach Tomebamba, hörte der steinalte Inka-Monarch zum ersten Mal vom gespenstischen Auftauchen einiger merkwürdiger Schiffe vor den Küsten von Esmeraldas und Manta, und von mysteriösen Bleichgesichtern mit langen wollenen Bärten. Beunruhigt über die Nachricht kehrte er von Zweifeln geplagt nach Quito zurück, wo er wenig später starb (um 1530). In seinem Testament vermachte er seinem Sohn Huáscar aus Cuzco den südlichen Teil des Reiches, während Atahualpa den nördlichen Teil zugesprochen bekam. Diese Aufspaltung war ein folgenschwerer Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Nach der Trauerfeier wurden in Quito an die 1.000 Menschen dem Sonnengott geopfert, während die Träger des einbalsamierten Leichnams die gut 2.000 km lange Strecke bis nach Cuzco in einer Woche zurücklegten.

Der Bruderkrieg: Der ehrwürdigen Inka-Obligarchie im sakral prunkvollen Cuzco, dem über 200.000 Einwohner zählenden “Nabel der Welt” (el “pupu” del universo), widerstrebte die Teilung des Imperiums zutiefst. Huáscar, der dort regierende Herrscher über das südliche Reich, erklärte nach einer fünfjährigen Friedenszeit mit seinem Bruder Atahualpa, dem nördlichen Monarchen im provinziellen Quito plötzlich den Krieg. Das landwirtschaftlich bedeutende, unter großen Verlusten eroberte Chinchasuyo (Nordreich), war zu wichtig um es dem gemischt-rassigen Shyri-Inka, “Papas Liebling”, zu überlassen. Huáscars eifersüchtige Mutter soll dabei den älteren Bruder gegen Atahualpa angestiftet haben. Dessen Mutter, die schöne Shyri-Prinzessin Paccha, war nämlich auch Huayna Cápacs Lieblingsfrau gewesen.

Die Besetzung Tomebambas unter Huáscars Oberbefehlshaber Atoco, war der direkte Anlaß des Krieges. Atahualpa versammelte daraufhin seine Generäle Quizquiz, Caracuchima und Rumiñahui. In Mocha kam es zur ersten blutigen Auseinandersetzung. Während die Cuzqueños die Schlacht von Mocha noch für sich entscheiden konnten, brachte ihnen Atahualpa bereits in Ambato die erste schwere Niederlage bei. Weitere Siege der Quiteños erfolgten in Molleturo und Tomebamba, der Geburtsstätte Huayna Cápacs und ehemaligen Hauptstadt der Cañaris. Die Rache Atahualpas am Verrat der Cañaris, welche zu Anfang des Krieges massiv auf Huáscars Seite übergelaufen waren, kannte kein Perdon. Das prächtige Tomebamba wurde größtenteils zerstört. Alle überlebenden Cañari-Anführer, sowie ihre Frauen und Kinder wurden von Bogenschützen durchlöchert, ihre Herzen herausgerissen, und im ganzen Cañari-Land verstreut. Fast die gesamte männliche Bevölkerung wurde ausgerottet. Doch der vernichtende Bruderkrieg sollte noch lange kein Ende nehmen. Ein Hin und Her von verlustreichen Schlachten sollte folgen, wobei Atahualpa im weiteren Verlauf schließlich immer mehr in Richtung Süden, nach Cuzco vorstoßen konnte. In Cusibamba, Cochaguailla, Bombón und Yanamarca gingen die Truppen Atahualpas als Sieger hervor, in Tovaray und Cotabamba hingegen wurde der Vormarsch des nördlichen Inka-Herrschers erfolgreich zurückgeworfen.

Der Quiteño verlor an diesen beiden Orten zigtausende von seinen Kriegern.

Eine endgültige Schlacht fand bei Chontacajas statt, wo auch der Cuzqueño Huáscar in Gefangenschaft geriet. Die Generäle Atahualpas trafen daraufhin triumphierend in Cuzco ein, töteten nicht nur sämtliche kaiserlichen Familienmitglieder, Weihepriester und Sonnenjungfrauen, sondern fledderten auch die Mumien der Inka-Dynastie, mit Ausnahme der von Huayna Cápac, Atahualpas Vater. Der nördliche Inka-Monarch wurde zum Herrscher über das gesamte Imperium erkoren. Auf dem langen Weg zu den feierlichen Krönungszeremonien im fernen Cuzco, beschloß er in den Heilbädern von Cajamarca eine Rast einzulegen. Und genau an diesem Ort erwartete ihn die Katastrophe!

Der bittere Krieg zwischen den beiden Brüdern blutete das Reich völlig aus, entwurzelte einen Großteil seiner Bewohner, und entvölkerte ganze Landstriche. Dazu kam der Haß der entflohenen Cañaris und Huáscar-Treuen hinzu, die den barbarischen Atahualpa des Thrones in Cuzco für unwürdig befanden. All dies begünstigte in hohem Maße den so überraschenden wie unfaßbaren Handstreich gegen den neuen allmächtigen Inka-Kaiser, durchgeführt von einem grimmig verwegenen Häufchen wollbärtiger Gestalten, welche hoch auf glänzenden Ungetümen sitzend in Cajamarca eintrafen. Ihr Anführer hieß Francisco Pizarro.

Die Kolonial-Epoche
Ein Vorbote Francisco Pizarros, in Gestalt des erfahrenen Seebären Bartolomé Ruiz, war der erste Europäer, welcher im Jahre 1526 die pazifische Äquatorlinie überquerte. Seine Überraschung war groß, als er vor der Küste Manabis auf ein riesiges Eingeborenenfloß aus Balsaholz stieß, welches außer zwanzig Mann Besatzung auch Gold- u. Silberschmuck, Smaragde, Baumwolle und Spondilusmuscheln transportierte. Drei der eingeborenen Boots-Passagiere wurden sogleich gefangengenommen, mit der kastilischen Sprache vertraut gemacht, und dienten den Konquistadoren fortan als Dolmetscher.

Kurz darauf tauchte Francisco Pizarro selbst in den ekuadorianischen Küstengewässern auf. An irgendeinem weitläufigen Strand zeichnete er mit seinem Schwert eine Linie in den Sand, und wandte sich mit folgenden Worten an seine 80-Mann starke Besatzung: “In dieser Richtung erwarten uns Leiden, Wehmut, und vielleicht auch Reichtümer (nach Süden weisend).

In jener Richtung aber Armut, Schmach und Vergessenheit (nordwärts nach Panamá weisend). Wer ein aufrechter Castellano sei, entscheide für sich selbst!” Vierzehn Mann folgten ihm auf die ungewisse Reise. Die anderen kehrten nach Panamá zurück. Die Glücksritter umsegelten die Halbinsel Santa Elena, zerstörten eine Zeremonienstätte auf der Isla del Muerto (Golf v. Guayaquil), und gelangten schlußendlich bis Tumbes und in die Bucht von Sechura im heutigen Perú. Man schrieb das Jahr 1527.

Pizarro kehrte daraufhin nach Spanien zurück, um so die dringend benötigte Finanzierung und königliche Erlaubnis für eine zweite Expedition in den Süden zu erhalten. Seine Chancen standen gut. Nach dem glorreichen Sieg über die Azteken (im heutigen Mexiko u. Guatemala), welcher den Spaniern unsagbare Reichtümer und Goldschätze eingebracht hatte, war der König (Karl V. oder Philipp? - Redaktionrecherche!) von Pizarros Absichten sehr angetan. So konnte dieser 1531 bereits erneut die ekuadorianische Küste absegeln. Diesmal war er jedoch definitiv auf Beutezüge aus. In Coaque (Manabí) bemächtigte er sich des ersten nenneswerten Schatzes im Gegenwert von 18.000 Goldpesos.

Wochen später bekam er Verstärkung von Seiten der Kapitäne Sebastián Benalcázar und Hernando Soto, die neben 130 Soldaten auch ein paar stattliche Pferde mitbrachten. Am 13. Mai 1531 landete Pizarro wiederholt in Tumbes (Puerto Pizarro), von wo aus er eine Expedition ins Landesinnere kommandierte.

Unterwegs kamen ihm gewisse Dinge über einen Inka-Herrscher namens Atahualpa, dessen verfeindetem Bruder Huáscar, und auch den Schwefelquellen von Cajamarca zu Ohren, einem “Kneippkurort” Atahualpas. Er gründete die Stadt Piura (nördl. Perú), wo er die Kranken, Schwachen, und eine kleine Garnison zurückließ. Kurz darauf begann er den mühevollen Aufstieg in die Anden hoch, und richtete sich schließlich mit einer Handvoll Soldaten in den sakralen Steingebäuden der dreieckigen plaza von Cajamarca ein, wo er wenig später auf Atahualpa treffen sollte.

Währenddessen erholte sich ganz in ihrer Nähe der Sonnenkönig von seinem leidvollen Sieg über Huáscar. Der Inka-Emperator und seine Truppen befanden sich gerade auf dem Weg zu den Krönungsfeiern in Cuzco.

Der Tod von Atahualpa: Bei dem bizarren zeitgeschichtlichen Zusammentreffen vom 16. November 1532 wurde der Dominikanermönch Vicente Valverde von Pizarro angewiesen, dem Inka-Herrscher im Beisein eines Übersetzers aus der Bibel vorzulesen. Im Anschluß daran klärte ihn der Geistliche über den von König Carlos V. gesandten Konquistador auf, welcher zu Händen des allmächtigen Papstes, dem auf Erden wichtigsten Vertreter des einzigen Gottes des Universums, die Rechte über dieses Land und seine Bewohner zugesprochen bekam. “Wer wagt es zu verschenken was ihm nicht gehört ?” konterte angeblich Atahualpa, riß dem Dominikaner die Bibel aus der Hand, hielt sie schüttelnd an sein Ohr, und warf sie auf den Boden. Damit war für den draufgängerischen Veteranen Pizarro der entscheidende Moment zum Zuschlagen gekommen. Hohe Schwerter blitzten auf, die Pferde rasselten mit ihrem schweren Geschirr, und ein donnernder Kanonenschlag ließ die Erde erzittern. Die zahlenmäßig haushoch überlegene Gefolgschaft des Inka-Kaisers, insgesamt etwa 40.000 Krieger, stürmte aus Furcht vor dem lauten Knall wie vom Blitz getroffen auseinander, während der standhaft gebliebene Sohn des Sonnengottes in Gefangenschaft geriet.

Einer der gewagtesten Überfälle der Weltgeschichte wurde von einer winzigen Streitmacht, ganzen 106 Soldaten und 62 Reitern, im Handumdrehen ausgeführt. Als zusätzlicher Trumpf der Konquistadoren erwies sich hierbei auch die alte Inka-Legende des Schöpfergottes Tici Viracocha, welcher einst dem Volk aus Unzufriedenheit den Rücken gekehrt hatte, und zu einem unbestimmten Zeitpunkt wieder erscheinen mußte. Atahualpas Sterndeuter hatten in den Spaniern bereits vor dem Zusammentreffen die Rückkehr Viracochas gesehen.

Die riskante Gefangennahme des indianischen Helden war der Wegbereiter für ein fast 300 Jahre anhaltendes europäisches Kolonial-Imperium. Pizarro versprach dem Inka gegen eine hohe Lösegeldzahlung die Freiheit. Ein grober Raum sollte bis zur Decke mit Gold ausgefüllt werden. Doch als das versprochene Gold herbeigeschafft wurde, ließ er ihn in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilen. Am 26. Juli 1533 wurde der letzte Inka-Kaiser durch die Garotte hingerichtet, nicht ohne vorher auf den Namen Juan Francisco getauft zu werden. Dies sollte ihm wenigstens die Verbrennung bei lebendigem Leibe ersparen. Nach seiner Hinrichtung wurde sein Leichnam dennoch verbrannt. Nach dem Glauben der Inka-Bevölkerung bedeutete das Verbrennen eines Menschen den Verlust der Seele ohne Wiederkehr - eine furchtbare Demoralisierung! Das größte und wohl organisierteste Staatsgefüge des vorchristlichen Amerika fand wie aus heiterem Himmel ein überraschendes Ende, und “es wurde Nacht am hellichten Tage”. Nur wenige Jahre später lagen praktisch alle massiven Steinbauten, die während der kurzen Inkaherrschaft auf “ekuadorianischem” Territorium entstanden waren, in Trümmern.

Mithilfe versprengter Cañari-Krieger und anderer restlicher Heeresbestände, die sich nach dem Tode Atahualpas auf die Seite der Spanier schlugen, gründete Sebastián Benalcázar am 6. Dezember 1534 San Francisco de Quito. Atahualpas entflohener General Rumiñahui hatte den Gran Capitán auf seinem nördlichen Vormarsch über den Camino Real, der andinen Inka-Straße, noch in den einen oder anderen Hinterhalt locken können. Auf seinem Rückzug ließ er die vormals nördliche Inka-Hauptstadt vor dem Einmarsch der Spanier in Brand stecken, und verbarg sich daraufhin in den dichten Nebelwäldern der westlichen Ausläufer des Pichincha-Vulkans. Nur wenige Monate später fiel dann auch der heute zur Legende erhobene letzte “Indio-General” (sein Konterfei ist auf dem 1.000 Sucre-Schein stilisiert), in der Nähe des Atacazo-Berges den Konquistadoren in die Hände. Seinen getreuen Kaziken und Kampfgefährten Zopozopagua, Tucumango und Quimbalembo, stand gleiches Schicksal bevor. Sie erlagen schlußendlich den grausamen Folter- u. Hinrichtungsmethoden der neuen Machthaber.

Die Entdeckung des Amazonas: Der Mythos von Eldorado, dem “goldenen Schlaraffenlande”, wuchs bei den Spaniern während der Gründerjahre in Quito. Selbst wenn Gonzalo Pizarro, der Bruder Franciscos und erste Statthalter Quitos, im Jahre 1541 eine Eroberungsexpedition in die Urwaldgebiete des Amazonas-Tieflandes organisierte, tat er dies jedoch im Hinblick auf die zu erwartenden Gewürzvorkommen im “Lande des Zimtes” (País de la Canela). Gewürze waren im Mittelalter ein äußerst begehrtes Handelsgut, welches schon Christoph Kolumbus zum Anlaß seiner Entdeckungsreisen genommen hatten. Der Glaube, bei dem historisch bedeutsamen Unternehmen auch auf sagenumwobene Goldminen in den fernen Urwäldern auf der anderen Seite der östlichen Andenkordillere zu stoßen, war für die gierigen Konquistadoren zumindest ein zusätzlicher Ansporn sich den unsäglichen Strapazen einer derartigen Expedition auszusetzen. 220 Spanier, 3.000 indios, mehrere Dutzend Pferde, Hunde, Lamas u. Schweine, verließen gegen Ende Februar 1541 die Stadt Quito. Bis zu ihrer Ankunft in den Niederungen des Río Napo hatte das Unternehmen bereits den Verlust fast aller Hochlandindianer zu verzeichnen. Sie waren in der hauptsächlich den extremen klimatischen Bedingungen erlegen.

In der Nähe der heutigen Urwaldstadt Coca ließ Pizarro ein befestigtes Lager einrichten, und sandte angesichts krassierenden Nahrungsmangels einen Spähtrupp voraus. Unter der Führung seines Stellvertreters Francisco de Orellana verabschiedete sich daraufhin ein kleiner Teil der Expedition auf Flößen den Río Napo hinunter. Als der unfreiwillig losgezogene Orellana und seine Mannschaft nach mehreren Monaten immernoch nicht zum Basislager zurückkehrten - die starke Strömung des breiten Flusses wußte dies zu verhindern - mußte sich Pizarro nach erfolglos abgebrochener Suche alleine auf den beschwerlichen Rückweg ins Andenhochland zurückbegeben.

Er erreichte Quito mit letzter Kraft im Juni 1542, wo er wenige Jahre später wegen Hochverrats am spanischen König enthauptet wurde.

Unterdessen gelangte Francisco de Orellana am 12. Februar 1542 an einen kolossalen, mehrere Kilometer breiten Strom, den er irrtümlich zuerst für das rettende Meer hielt. Auf der Weiterfahrt stießen die inzwischen zu allem entschlossen Entdeckungsfahrer auf eine Schar kurioser weißer Kriegerinnen. Das einer griechischen Sage entsprungene Heer von sirenenhaften Fabelwesen, den “Amazonen”, diente diesem größten und wasserreichsten Flußsystem auf Erden später als Namensgebung. Es ist bekannt, daß die Frauen kriegführender Naturvölker oftmals die Nachhut bildeten, und deren Männer z. B. mit Pfeilen versorgten. Um die benötigte Finanzierung derartiger Entdeckungs-Unternehmungen zu gewährleisten, sahen sich die Konquistadoren unter Umständen dazu veranlaßt, in ihren ausschweifenden Schilderungen am Hofe auch ein wenig über die Stränge zu schlagen. Als glaubhaft erweist sich jedoch, daß Francisco de Orellana am 24. August 1542, nach unvorstellbaren Entbehrungen, völlig ausgemergelt und dem Hungertod nahe, den erlösenden Atlantischen Ozean erreichte. Damit war die erste Durchquerung des südamerikanischen Kontinents vollbracht.

Orellana kehrte zwei Jahre später, von König Philipp in Spanien mit Ruhm u. Ehrentiteln überhäuft, und vom ungebrochenen Glauben an die Existenz eines goldenen Edens namens Eldorado erfüllt, an die atlantische Mündung des riesigen Stromes zurück. Auf einer zweiten Expedition wollte er in entgegengesetzter Flußrichtung bis nach Quito ins innere Andenhochland gelangen. Während einer der zahlreichen überraschenden Indianer-Attacken fand er an einem Novembertag im Jahre 1546, an irgendeinem überwucherten Ufer im Bereich der heutigen brasilianischen Urwaldmetropole Manaos, den Tod.

La Encomienda: Zu Beginn der Kolonialzeit kam es auch unter den Konquistadoren zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die dem Hof in Spanien zutiefst mißfielen. Indessen Verlauf wurde der gegen Francisco Pizarro aufbegehrende Diego de Almagro 1538 in Lima hingerichtet.

Almagros Sohn ermordete andererseits den vom spanischen König designierten Pizarro während einer konfusen Revolte. Anfang 1546 wiederum wurden die Truppen des Vizekönigs von Perú, Blasco Nuñez de Vela, im Norden von Quito geschlagen (dort wo heute das Einkaufszentrum Iñaquito steht). Der Virrey wurde daraufhin von Gonzalo Pizarro, Franciscos Bruder, ohne weitere Umschweife enthauptet. Zwei Jahre später fand dann auch der aufmüpfige Pizarro ein rasches Ende unter der Guillotine. Der Hauptgrund für die Querelen unter den Spaniern waren die von der Krone herausgegebenen Nuevas Leyes de Indias y Ordenanzas Reales, welche die zentrale Autorität des Königs zu stärken versuchten, die Autonomieansprüche der Konquistadoren weitgehenst in Frage stellte, und deren Barbareien an den Eingeborenen verurteilte. Wesentliche Stütze dieser ersten Kolonialetappe war die encomienda oder “Beauftragung” gewesen. Die Krone im fernen Kastillien erteilte hierbei einem Kolonisten oder Konquistadoren, dem sogenannten encomendero, die Autorität von seinen ihm beauftragten Indios obligatorische Tribute in Form von Dienstleistungen und Besitztum abzuverlangen. Als Gegenleistung erhielten diese zum Dank den christlichen Seegen und standen fortan unter der Obhut des Beauftragten. Der totalen Ausbeutung der Eingeborenen waren somit keine Grenzen mehr gesetzt, bei den Eroberern sollte damit jedoch ein gewisser Handlungsspielraum festgelegt werden.

La Audiencia Real de Quito: Die zu kolonisierenden Gebiete, welche direkt der spanischen Krone unterstanden, wurden in Provinzen unterteilt. Administrative und richterliche Befugnisse hatte der jeweilige Provinzgouverneur inne, zunächst meist ein dazu ernannter Konquistador.
Diese Provinzverwaltungen arbeiteten allein schon der geographischen Umstände wegen weitgehend unabhängig voneinander, gerieten jedoch aufgrund schwammig festgelegter Grenzen immer häufiger ins Tauziehen. Deshalb wurde zur Festigung der politischen Herrschaft die sogenannte audiencia geschaffen, eine überregionale Gerichts- und Verwaltungseinheit, der ein Präsident vorstand. Zudem wurde 1543 von König Karl V. das Vizekönigreich Perú gegründet, welches einschließlich Panamas das gesamte spanische Südamerika mit Ausnahme Venezuelas umfaßte.

Acht Jahre zuvor waren bereits im gleichen Sinne Mexiko, Zentralamerika, die Westindischen Inseln (Karibik) und Venezuela, zum Vizekönigreich Neu-Spanien erklärt worden.

Die “Provinz von Quito” wurde somit dem Vizekönigreich Perú unterstellt. Hinsichtlich einer verbesserten Machtausübung, und wegen der großen Entfernung zum Sitz des Vizekönigs in Lima, wurde schließlich am 29. August 1563 durch König Philipp II. von Spanien die Real Audiencia de Quito gegründet. Zum ersten Präsidenten des königlichen Gerichtsbezirkes, der in all seinen Funktionen einem Bischofssitz gleichkam, wurde Hernando de Santillán ernannt. Die Grenzen des über eine Million qkm großen Territoriums reichten im Süden von Piura (heutiges Perú) bis fast nach Bogotá im Norden. Gegen Osten hin umfasste das Gebiet eine riesige, später Brasilien zugesprochene Fläche des Amazonasbeckens.

Gegen Ende des 16. und während des 17. Jh. kam es im innerandinen Hochlandbecken gleich zu mehreren schweren Erdbeben und verheerenden Ausbrüchen der Vulkane Cotopaxi und Pichincha. Die Stadt Latacunga wurde dabei innerhalb von fünfzig Jahren dreimal dem Erdboden gleichgemacht. Dem Ausbau der spanischen Vormachtstellung konnte dies jedoch keinen Aufschub leisten. Die im Hochland gut akklimatisierten, aus Europa eingeführten landwirtschaftlichen Produkte, gedeihten auf dem vulkanischen Boden prächtig. Mit dem Einsatz afrikanischer Negersklaven begann im Küstenbereich der Anbau von Kakao, Tabak und Baumwolle. Die Textilindustrie verzeichnete einen stetigen Aufschwung, die Goldminen von Zaruma und Portovelo schienen unerschöpflich, und im kreativen Bereich erlangte die muy noble y muy leal ciudad de Quito mit ihren prunkvollen Gotteshäusern bald kontinentales Prestige. Während dieser Zeit gab es auch die eine oder andere blutig niedergeschlagene Indianerrevolte, sowie einen Kreolenaufstand im Jahre 1592, die sogenannte Rebelión de las Alcabalas, als eine neuverordnete, geschäftsschädigende Steuer seitens der Krone, den Stadtrat von Quito auf die Palme brachte.

Philipp V. schuf 1717 das Vizekönigreich Neu-Granada (Groß-Kolumbien), mit Santa Fe de Bogotá als Hauptsitz. Die Audiencia de Quito wurde zunächst diesem neueingesetzten Virrey unterstellt, erhielt aber drei Jahre später ihren vorherigen Autonomiestatus innerhalb des Vizekönigreichs von Perú zurück. Auf königlichen Verheiß wurde der Gerichtsbezirk von Quito dann 1739 wiederholt Neu-Granada zugesprochen. Dieses ständige Hin und Her zwischen den beiden rivalisierenden Großmächten (“Sandwich-Effekt”) sollte auch im weiteren Verlauf der Jhte. von schicksalshafter Bedeutung für die spätere Republik von Ecuador bleiben, dessen Staatsgebilde heute fast auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Ausdehnung zusammengeschrumpft ist.

Die Vermessung des Äquators: Zwischen 1736 und 1743 hielt sich die “Geodäsische Kommision der Pariser Akademie für Wissenschaften” innerhalb des Territoriums der Real Audienca auf. Zu den Mitgliedern der bi-nationalen Gruppe gehörten die Akademiker Luis Godin, Pedro Bouguer und Carlos María de la Condamine, der Botaniker u. Mediziner José Jussieu, der Chirurg Juan Seniergues, sowie ein halbes Dutzend weiterer Experten, welche vom spanischen Hof die königliche Zustimmung zur Vermessung des meridianen Erdkreises (Äquatorlinie) erhielten. Ihre langjährigen Untersuchungen waren für den kolonialen Gerichtsbezirk zumindest in geisteswissenschaftlicher Hinsicht von enormer Bedeutung. Die Universitätsstudien erlebten einen Aufschwung. Das antike Reino de Quito begann erstmals einen neuen, auf geographischer Grundlage erfassten Namen zu tragen: Ecuador!

Zu den weiteren Errungenschaften der Gelehrtengruppe gehörte die Besteigung einiger Berge wie z. B. des aktiven Guagua Pichincha-Kraters, oder die Wiederentdeckung des Río Amazonas seitens des Franzosen Condamine und seines Freundes u. Schülers Pedro Vicente Maldonado. Auf ihrer Reise zum Atlantik stießen sie auf die Kautschuk-Pflanze und entwarfen im Anschluß daran die erste Landkarte der Audiencia von Quito. Der Kartograph Maldonado wurde später Gouverneur von Esmeraldas, wohin er auf einem eigens von ihm konstruierten Weg gelangte. Andere Gruppenmitglieder wurden wiederum Opfer von Krankheiten, oder verstarben während der ersten aufgehenden Unruhekeime zwischen einheimischen criollos und königstreuen españoles. Der akademische Gehilfe Godin des Odonnais tauchte hingegen im heutigen Guayana unter, wohin ihm wenig später auch seine Ehefrau aus Riobamba folgte. Ihr Schicksal hat bis heute Anlaß zu allerlei fiktiv-romantischen Spekulationen gegeben.

Die Vertreibung der Jesuiten: Einen ganz entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Höhenflug der Kolonialherrn trugen die Jesuiten bei. Ihre entlegenen Missionsstationen und Hazienda-Plantagen waren straff durchorganisiert und brachten stetig wachsende Ernteerträge hervor. Die indianischen Arbeiter waren durch ein effizientes kommunitäres System abgesichert, welches mitunter durchaus moderne humanitäre Züge aufwies. Auf zahlreichen Expeditionen bereisten Missionare dieses Ordens den gesamten Río Amazonas, den sie “Río de San Francisco de Quito” nannten. Den fleissigen Evangelisten unterstanden neben unzähligen Schulen auch die Universität von San Gregorio Magno in Quito. Herausragendstes Beispiel jesuitischen Strebens und Werkens war der 1727 in Riobamba geborene, und 1793 im italienischen Faenza verstorbene Padre Juan de Velasco. Neben seinem viel kritisierten Hauptwerk, der Historia del Reino de Quito, entstammten seiner Feder Publikationen über Botanik, Zoologie, Philosophie, Poesie und Kartographie. Der Jesuitenpater gilt heute zusammen mit Eugenio Espejo als geistiger Vater des Landes.

Der auf schnellen Gewinn ausgerichteten Kolonialbürokratie widerstrebten die autonomen, geradezu visionären Ordensgemeinschaften der Jesuiten. Eine königliche Sanktion im Jahre 1767 führte schliesslich zur totalen Enteignung und Ausweisung der Glaubensbrüder. In langen Karawanen wurden sie an den Hafen von Guayaquil gebracht und in die Verbannung geschickt. Acht Schiffe brachten sie zuerst nach Panamá, und von dort auf unterschiedlichen Routen zurück in die “Alte Welt”. Andere immigrierten nach Brasilien. Danach begannen ihre Missionsstationen unter der Verwaltung der Kolonialherren zu vergammeln. Die Erträge schwanden dahin, und auch für die indianischen Kommunenmitglieder gab es von nun an nichts mehr zu lachen. Mit der Ausweisung der Jesuiten wurde dem Erziehungs- u. Kulturwesen der Audiencia ein schwerer Schlag versetzt. Mit ihr entledigten sich die Spanier dummerweise nicht nur des höchsten bis dahin erreichten agrarischen und technologischen Standards, sondern verbannten auch jenes spirituelle “Mündigwerden”, dass später zu ersten amerikanischen Vaterlandsbestrebungen Anlaß gab, und Anfang des 19. Jh. schließlich zur politischen Unabhängigkeit führte.

Zu den geistigen Verfassern eines aufkommenden ekuadorianischen Patriotismus zählte im besonderen auch der Mediziner, Anwalt u. Periodist Eugenio Espejo (1747-1795), weißhäutiger Pflegesohn eines Indios und einer Mulattin, der unter anderem mit nach Italien verbannten Jesuitenmönchen regen Kontakt pflegte. Seine liberalen Ideen, reformistischen Wirtschaftsentwürfe, und offenen Sympathiekundgebungen zugunsten des 1781 in Perú ermordeten indianischen Rebellen Túpac Amaru II, waren für das Fortbestehen des inzwischen krisenhaften monarchistischen Kolonialgefüges eine zusätzliche Bedrohung. Nach seiner Rückkehr aus kolumbianischer Verbannung, und der Herausgabe seiner konspirativen Schriften Primicias de la Cultura de Quito (“Anfänge Quitenscher Kultur”), wurde er schließlich an die Kette gelegt, und starb in einem finsteren Verlies der Hauptstadt.

Eine Reihe von Indianeraufständen schwächte zudem die bis dahin unangefochtene Souveränität der spanischen Machthaber: 1774 wurde in Riobamba der Ausnahmezustand ausgerufen. Im Jahre 1803 konnte eine langvorbereitete Konspiration aufrührerischer Berg-Indios in der Region um Guamote (Prov. Chimborazo) nur mit Hilfe einiger Spitzel des Audiencia-Präsidenten Barón de Carondolet aufgedeckt werden. In seinem Bericht an den spanischen König schätzte der einstige Erbauer des hauptstädtischen Präsidentenpalastes die Situation im Lande jedoch selbst als “hundsmiserabel” und von “drückender Armut belastet” ein. Fast zeitgleich fanden sich Anfang des 19. Jh. zwei angesehene “aufgeklärte” Gelehrte in Quito ein, der Neugranadier Francisco José de Caldas, und der junge wissensbegierige Berliner Baron Alexander von Humboldt.

Der Aufstand der Kreolen: Die nordamerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, und die französische Revolution von 1789, hatten auf die streng hierarchisch gegliederte Gesellschaftspyramide der spanischen Kolonialstaaten sehr wenig Einfluß. Im Unterschied zu Europa gab es in den hispano-amerikanischen Vizekönigreichen kein selbstbewußt auftretendes, geschweige denn umstürzlerisch aufgeklärtes Bürgertum. Die tonangebenden kreolischen Großgrundbesitzer des Hochlandes (criollos sind in Lateinamerika geborene Weiße) blickten aus rein selbstsüchtigen Motiven auf die besorgniserregenden Ereignisse im fernen Europa. Napoleon besetzte 1808 Spanien, und zwang König Carlos III. und dessen rechtmässigen Thronerben Ferdinand VII. zur Abdankung. Nach der Ernennnung von Joseph Bonaparte (Napoleons Bruder) zum neuen König, probte das spanische Volk den bewaffneten Aufstand. Aus Angst, daß die spanischen Machthaber der Audiencia von Quito ebenfalls in den “revolutionären Strudel” Napoleons geraten könnten, planten die Kreolen im Jahre 1809 einen Staatsstreich.

Die beabsichtigte Loslösung vom spanischen Mutterland nährte sich in erster Linie durch den Umstand, daß aufgrund der Kriegsgeschehnisse in Europa die Entsendung von Truppen in die Kolonien weitgehenst unterbunden wurde. Als sich Spanien 1815 schließlich von der französischen Besatzungsmacht befreien konnte, und König Ferdinand VII. ein 10.000 Mann starkes Heer in die aufmüpfigen Kolonialstaaten schickte, waren die Autonomiebestrebungen in diesen bereits nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Die neue Zusammensetzung der europäischen Großmächte tat ein übriges. Das bis 1814 neutrale England zeigte von nun an gewichtiges Interesse an den reichen Kolonien. Dabei galt dessen kräftige Unterstützung zugunsten der nach “Freiheit” liebäugelnden Kreolen lediglich einem zukünftig unersättlichen Absatzmarkt für seine Produkte aus den Weberei-Fabriken.

Im Morgengrauen des 10. August 1809 fand in Quito im Hause von Doña Manuela Cañizares eine geschichtsträchtige Verschwörung statt. Grund der geheimen Versammlung war die sofortige, im Namen des Volkes und seiner Vertreter verordnete Absetzung des Grafen Ruiz de Castilla, Manuel Urriez, vom König ernannter Präsident der Audiencia de Quito. Die anwesenden Herrschaften dieser patriotischen Verschwörung setzten eine neue, vom Mutterland unabhängige Regierungsmannschaft fest, welche ausschließlich aus Kreolen bestand. Nicht ein einziger Posten wurde einem eingewanderten Spanier zugeteilt.

Die Nachricht von der ersten Unabhängigkeitserklärung auf lateinamerikanischem Boden, ekuadorianische Schulbücher sprechen heute von der “Fackel”, vom “Licht” Amerikas, löste unter den elitären Schichten des Kontinents ein nachhallendes Echo aus. Die in Spanien (vorübergehend) in Kraft getretenen radikalen Reformen der französischen Revolution stellten nicht zuletzt eine ernsthafte Gefahr für die lokalen politischen Machtverhältnisse dar. Die geplante Abschaffung der Audiencia von Quito diente vor allem dazu jedweden sozialen Aufruhr im Keime zu ersticken. Vom Aufflackern einer amerikanischen Revolution, wie heute oftmals behauptet, kann keine Rede sein. So schwor die selbstbewußte, sich ihrer legitimen Erbrechte bedroht fühlende Kreolen-Elite, bei der feierlichen Machtübernahme in der Kathedrale von Quito, ausgerechnet dem König von Spanien Treue und Gehorsam.

Die Antwort der Vizekönige von Lima und Bogotá ließ nicht lange auf sich warten. Von Guayaquil u. Cuenca im Süden, bzw. Pasto und Popayán im Norden, wurden starke Truppenverbände in Richtung Quito entsandt. Die verängstigten Soldaten der improvisierten Kreolen-Regierung desertierten bereits mehrheitlich, bevor es überhaupt zur ersten Schlacht kam. Das aufmüpfige Quito wurde im Handstreich vom Rest des Landes isoliert, und die königlichen Verbände rückten widerstandslos in der Hauptstadt ein.

Am 24. Oktober 1809 reichte der Nachfolger des geflüchteten Separatisten-Präsidenten Marqués de Selva Alegre, unter der Zusage von Straffreiheit, die Kapitulation ein. Der erneut amtierende Graf Ruiz de Castilla brach jedoch wenig später sein Amnestieversprechen und ließ alle abtrünnigen Kreolen einkerkern, 40 von ihnen wurden sogar zum Tode verurteilt. Zudem sollten jeder fünfte der 160 Soldaten, die am Staatsstreich vom 10. August beteiligt waren, nach einem Losverfahren hingerichtet werden. Die allgemeine Empörung unter den 30.000 Quiteños, über das nicht eingehaltene Versprechen und die anhaltenden Plünderungsaktionen seitens der einmarschierten königlichen Soldaten, schlug bald in Aufruhr um.

Am 2. August 1810 stürmte eine aufgebrachte Schar von patriotas () das Cuartel Real von Quito, in der Absicht die festgeketteten Autonomieanhänger zu befreien. Im Verlauf der Befreiungsaktion ließen die Spanier sämtliche Gefangene, darunter alle patriotischen Kreolen-Anführer massakrieren. In den anschließenden Strassentumulten fanden weitere 300 Leute den Tod. Die alten Machtverhältnisse wurden auf Biegen und Brechen wieder hergestellt.
Die Aufspaltung der herrschenden Schicht war jedoch von diesem Tage an nicht mehr zu verhindern, und die anfangs noch königstreuen Kreolen kehrten Spanien endgültig den Rücken zu. Das furchtbare Gemetzel vom 2. August gilt heute als einer der tragischsten u. symbolträchtigsten Episoden der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die patriotischen Märtyrer von Quito gingen als Vorreiter einer freien Republik in die Geschichte ein. Eine äußerst beeindruckende Wachsfigurenszene, welche den blutigen Ereignissen nachempfunden wurde, ist heute in den ehemaligen Kerkern der Real Audienca, im Museo Municipal de Arte e Historia Alberto Mena Caamaño in der Calle Espejo zu bestaunen.

Die Republik
Nicht zuletzt mithilfe englischer Kriegsschiffe nahmen die südamerikanischen “Patrioten” den Kontinent von zwei Seiten her in die Zange. Während sich der Libertador (“Befreier”) Simón Bolívar des Nordens bemächtigte, wurde Argentinien 1816 südlicher Ausgangspunkt eines Autonomisten-Vorstosses, dessen Führung dem späteren Protector del Perú (“Beschützer”) General José de San Martín unterstand. Beide sollten sich wenige Jahre darauf, am 26. Juli 1822, bei einem historischen Treffen in Guayaquil die Hand reichen. Dieses Ereignis wurde mit dem berühmten Denkmal La Rotonda an der Uferpromenade in Guayaquil festgehalten.

Im Morgengrauen des 9. Oktober 1820, motiviert durch die Erfolge von Simón Bolívar im Norden und José de San Martín im Süden des Kontinents, erlangte Guayaquil unter Führung des Patrioten José de Antepara und der beiden Kapitäne Luis Urdaneta und León Febres Cordero, als erste ekuadorianische Stadt den Unabhängigkeitsstatus. Diese ersten vaterländischen Bataillone setzten sich aus übergelaufenen, einst königstreuen Soldaten, und einem enthusiastischen Freiwilligenheer von montubios, Bauern der inneren Küstenregion, zusammen. Auf ekuadorianischem Territorium lebten damals etwas über eine halbe Million Menschen, die meisten von ihnen im zentralen u. nördlichen Andenhochland, Trutzburg der Royalisten. Alle pazifischen Hafenstädte in Südamerika, mit Ausnahme von Callao in Perú, befanden sich jedoch bereits in den Händen der Aufständischen.

Im Jahre 1821 entsandte Simón Bolívar, inzwischen zum Präsidenten von Kolumbien ernannt, den jungen 26-jährigen Marschall Antonio José de Sucre nach Guayaquil. Seine Mission galt der vollen Unterstützung der Patrioten, jedoch nur unter der Voraussetzung eines Bündnisses mit Kolumbien. Sucre erhielt rasch die oberste Befehlsgewalt über die Streitkräfte. Unter “dem Schutz und der Schirmherrschaft der Republik vom Kolumbien” zog jene Junta de Guayaquil in den Krieg. Seinen ersten Erfolg gegen die Truppen der realistas verzeichnete Sucre in Cone bei Yaguachi (innere Küste).

Bei einer zweiten Konfrontation verlor er 800 Mann, unter ihnen den Guayaquileño José de Antepara. Ein 90-tägiger Waffenstillstand wurde am 18. November 1821 mit dem spanischen General Aymerich in Babahoyo festgelegt. Sucre nutzte die Feuerpause um seiner geschwächten Armee wieder auf die Beine zu helfen.

Die Schlacht vom Pichincha: In der Nacht zum 24. Mai 1822 erklomm Sucre mit einer 3.000 Mann starken, mitunter eiligst improvisierten Freiwilligenarmee, von Chillogallo aus die Flanken des Pichincha-Vulkans. Er umging somit die im Süden Quitos und auf dem Panecillo-Hügel befestigten Stellungen der Royalisten. Der schwere Regenschauer des vorangegangenen Nachmittages, und das anhaltende schlechte Nieselwetter, verwandelten die steilen Wege auf dem Hausberg der Quiteños in knietiefen Morast. Nachdem das gesamte patriotische Heer bereits eine Höhe von über 3.500m erreicht hatte, wurden es im Morgengrauen von den Spaniern entdeckt. Aymerich sandte daraufhin unverzüglich all seine Bataillone, über 1.800 Mann im ganzen, auf den Pichincha.

Ein ebenso starkes Kontingent der Königstreuen wurde durch einen Geniestreich Sucres in Otavalo aufgehalten. Nachdem dieser von den aus Pasto (südl. Kolumbien) vorrückenden Verstärkungen der Spanier erfahren hatte, ließ er in Guayllabamba, nördlich von Quito, mehrere Hundert Rationen Pferdefutter anfordern. Die Nachricht von der riesigen Proviantbeschaffung gelangte in Windeseile nach Otavalo. Der spanische Kommandant Cataluña, verunsichert durch die Existenz eines angeblich starken Patriotenheeres, gab dem Vormarsch seiner Truppen Einhalt, und verschanzte sich vorübergehend im Umfeld des Lago San Pablo bei Otavalo. Im Verlaufe des Kampfgeschehens unterhalb des Rucu Pichincha fehlte den Royalisten dann diese wahrscheinlich entscheidende Nachhut. Die bereitgestellten Haferballen für Sucres “potemkinsche Pferde” trugen somit einen ganz erheblichen Beitrag zum Ausgang der Schlacht.

Gegen 12 Uhr Mittag ordnete Aymerich den Rückzug seiner völlig aufgeriebenen Truppen an. Neben 400 Gefallenen und 200 Schwerverletzten hatten die realistas 1.260 Gefangene zu verzeichnen. In den Reihen der Patrioten fielen 200 Soldaten und Offiziere, unter ihnen der später zum Nationalhelden erkorene teniente Abdón Calderón, der sich selbst nach der vierten Schrotladung schmerzverbissen weigerte den Kriegsschauplatz zu verlassen. Er starb angeblich noch an den Hängen des Pichincha, nachdem die Patrioten bereits über der Kirche von El Tejar die tricolor gehißt hatten. Der definitive Triumpf des Mariscal von Sucre bedeutete für die obsolete Real Audienca die Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland. Eineinhalb Jahre nach der Eingliederung Guayaquils wurde somit auch Quito Groß-Kolumbien zugeschrieben. In einem Brief des Marschalls soll dieser später zum Ausdruck gebracht haben: “Auf daß Ihr meine sterblichen Überreste in den Krater des Pichincha streut.” Sucre wurde schließlich am 4. Juni 1830 in den Urwäldern von Berruecos in Kolumbien ermordet.

La Gran Colombia: Das Ende der Real Audiencia ist nicht mit der Schaffung des Staates Ecuador gleichzusetzen. Zusammen mit dem Departamento del Norte (Venezuela) und dem Departamento del Centro (Kolumbien), bildete das neue Departamento del Sur die Republik von Groß-Kolumbien. Die Annektionsurkunde wurde am 29. Mai 1822, wenige Tage nach der Schlacht am Pichincha, feierlich unterschrieben. Der utopische Wunsch Bolívars, ein starkes vereintes Lateinamerika zu schaffen (“vom Río Grande bis zum Kap Horn”), schien sich anfangs zu erfüllen, scheiterte dann aber an den Ambitionen der siegreichen Generäle. Ein jeder glaubte sich kompetent genug, unter Zuhilfenahme von Vettern und Getreuen, einen eigenen Staat zu präsidieren. Ein Umstand übrigens, der sich im Wesentlichen bis auf den heutigen Tag in Ekuador beibehalten hat.

Die Entfernungen zwischen den einzelnen Verwaltungszentren der kolumbianischen Autonomieregionen waren außerdem viel zu groß, die geographischen Verhältnisse zu unterschiedlich, und die persönlichen Interessen unter den neuen Machthabern zu sehr auf eigene Vorteile bedacht, als daß das politisch schwache Staatengebilde lange hätte überleben können. Eine konfliktive Deszentralisierung war die Folge. Oberster Richter in diesem Streit unter den lokalen Obligarchien war das Militär, daß sich zur einen oder anderen Allianz in die Waagschale warf. Ganze acht Jahre hatte die mit viel Enthusiasmus gegründete Gran Colombia Bestand. Am 13. Mai 1830 trennte sich Ekuador vom “bolivarischen Völkerbund” und wurde selbstständig.

Für die indianische und gemischtrassige Bevölkerung brachten all diese Ereignisse jedoch keinerlei Änderung ihrer miserablen Lebensverhältnisse. Dem gemeinen Fußvolk blieb jegliche Art von Bildung oder politischer Teilnahme vorenthalten. Kongreßabgeordnete und andere Regierungsmitglieder entsprachen lediglich dem limitierten Wahlresultat einer verschwindend geringen Elitegruppe ehrwürdiger Großgrundbesitzer. Hinter der Formel “liberal-demokratisch-republikanisch” verbarg sich nichts weiter als das Fortbestehen einer hierarchisch aufgebauten Gesellschaft, dessen patriarchalische Spitze sich das “einmal von Gott gegebene Recht zum regieren” nicht mehr aus den Händen nehmen ließ.

Die Gründerjahre: Instabilität, Militärrevolten, und permanente bürgerkriegsähnliche Zustände, prägten vom Zeitpunkt der Unabhängigkeit an das gesamte 19. Jh. Erster Präsident der jungen Republik von Ecuador wurde Juan José Flores, der sich praktisch 15 Jahre im Amt halten konnte (1830-45). Während einer vierjährigen Zwischenperiode mit Vicente Rocafuerte an der Spitze, wurden von Flores sämtliche Fäden im Hintergrund gesponnen.

Der um 1800 in Venezuela geborene, aus armen Verhältnissen stammende Flores, war bereits als 15-jähriger in die königliche Armee eingetreten, besann sich dann später aber eines besseren. Kaum in den Reihen der Patrioten, fiel er Bolívar durch seine Kapazität auf dem Schlachtfeld und seinem politischen Scharfsinn auf. Obwohl noch lange Zeit Analphabet, gelang er bald zu höchsten militärischen Auszeichnungen. Besitzlos, und trotz seiner negroiden Abstammung, gelang es ihm in eine der wohlhabendsten Kreolenfamilien des Hochlandes einzuheiraten.

Diese sogenannte época floreana (“geblümte Epoche”) war von Dekadenz und dauerndem Aufruhr überschattet. Der größte Teil des Staatshaushaltes war für das Militär bestimmt, 4 % des Gesamt-Etats war die jährliche Pension des Präsidenten, der Rest reichte gerade noch um die Minister und andere Verwandte fürstlich zu entlohnen. Für öffentliche Arbeiten blieb nichts übrig. Während seiner dritten Amtsperiode erließ Flores eine carta de esclavitud, die ihn auf ewig zum Diktator ernannte. Die aufstrebende Obligarchie von Guayaquil warf ihn schlußendlich aus dem Land. Seine folgenden Jahre verbrachte er damit fruchtlose Rebellionen und Invasionen auf ekuad. Territorium zu organisieren.

Während der darauffolgenden “März-Etappe” (etapa marcista), regierten anfangs noch die zivilen Präsidenten Vicente Ramón Roca (1845-49) und Diego Noboa (1849-51). Nach einem Staatsstreich kam der starke Mann General José María de Urbina an die Macht. Er hielt sich bis 1856. Zu seinen Errungenschaften zählte die “offizielle” Abschaffung der Sklaverei, und eine anfängliche Festigung der Handelsbeziehungen zwischen Küste und Hochland. Zu seinem Sturz führte der Versuch die Galápagosinseln ans Ausland zu vermieten.

Sein Nachfolger und Waffenkamerad, General Francisco Robles, machte sich unter den Großgrundbesitzern der Sierra noch unbeliebter als dies schon sein caudillistischer Vorgänger war. Unter der Präsidentschaft von Robles wurden die Indios von der Kopfsteuer befreit, sowie andere liberale Gesetze erlassen. Zu seiner Abdankung trug eine Verschärfung des ständig ringenden Regionalismus zwischen Sierra und Costa bei. Den wirtschaftlich starken Hazienda-Machtzentren des Hochlandes, widerstrebten die ganz auf Export und Eigendynamik basierenden Interessen des durch Handel, und nicht durch “Gottes Willen” reich gewordenen Großbürgertums der Küste. Während einer der vielen Krisensituationen zerfiel die Republik 1859 sogar vorübergehend in vier autonome Regionen: Quito, Guayaquil, Cuenca und Loja. Einer paktierten Aufteilung Ekuadors durch Kolumbien und Perú sollte durch die Präsenz peruanischer Kriegsschiffe im Hafen von Bahía de Caráquez Nachdruck verliehen werden. Im Vertrag vom Mapasingue (1860) akkzeptierte der oberste Militärbefehlshaber Guayaquils zunächst den Anschluß der gesamten Küstenregion an das südliche Nachbarland. Eine nationale Front gegen die Abmachung wurde jedoch durch die starke Persönlichkeit des obersten Militärbefehlshabers von Quito, García Moreno, erreicht. Dabei gelang es die zutiefst verfeindeten Lager Küste/Hochland zusammenzuführen. Der Vertrag von Mapasingue wurde schließlich auch vom peruanischen Kongreß widerrufen, und Ekuador behielt somit seine Unabhängigkeit.

Gabriel García Moreno und seine “Republik des Heiligen Herzen Jesu” (1861-65/1869-75): Ein Ansteigen des Kakao-Exports, eine Annäherung an den Weltmarkt, dringend notwendige Modernisation und Zentralisierung, waren aufgrund der zerstrittenen Regionalobligarchien schwer zu erreichen. Unter der Herrschaft von García Moreno, einer der umstrittensten Persönlichkeiten der ekuadorianischen Geschichte, sollte dies wenigstens in Teilbereichen gelingen. Die radikalen Sparmaßnahmen des garcianischen Regierungsprogrammes verhalfen dem Staat zu einer effizienteren Verwaltung. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde zum erstenmal planifiziert, überall entstanden neue Schulen und Hochschulen. Das Banken- u. Steuerwesen wurde rationalisiert. Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude, und 44 km Eisenbahnlinie wurden konstruiert. Neben der Einführung von Schulpflicht und kostenlosem Lehrmaterial, einer signifikativen Anhebung der Beamtengehälter, der Einweihung des astronomischen Observatoriums im Alameda-Park von Quito, dem Bau eines berüchtigten Gefängnisses (daß übrigens heute noch seinen Namen trägt), verdankt das ekuad. Hochland dem zielstrebigen Despoten heute auch die vielen Eukalyptuswäldchen, die zwar schnelles Brennholz hervorbrachten, dem einst fruchtbaren Boden aber das gesamte Wasser entzogen.

Die strukturellen Veränderungen brachten eine Welle von Protesten seitens stark benachteiligter Bevölkerungsschichten mit sich, allen voran die notleidenden Bauern. Der militante Katholizist Moreno setzte sein klerikal-latifundistisches Reformprogramm mit entschiedener Härte durch. Liberale Oppositionelle ließ er verbannen, einkerkern, auspeitschen oder erschießen. Staat und Kirche sollten zu gleichgewichtigen Machtfaktoren werden. Das Kontrollmonopol über das Kultur- u. Bildungsswesen überließ er jedoch scharfsinnigerweise dem Klerus. Die Gewährung von bürgerlichen Rechten machte er zunehmend von der Ausübung der Religion abhängig. Europäische Geistliche wurden dazu eingeladen ein ambiziöses wie repressives Erziehungsprogramm durchzusetzen. Verfolgte Regierungskritiker, die bis dahin in den Klöstern Zuflucht gefunden hatten, wurden aus dem Weg geräumt. Auf seinen Beschluß hin erhielt Ecuador beiläufig den Namen República del Corazón de Jesús.

Die zwischenzeitlich von García Moreno eingesetzten Marionetten-Präsidenten Jerónimo Carrión und Javier Espinosa (1865-69), weigerten sich jedoch wider Erwarten das totalitäre Regiment ihres konstitutionellen Vorgängers fortzuführen. Daher entschied sich Moreno im Hinblick auf anstehende Neuwahlen am 17. Januar 1869 zum Staatsstreich. Eine herausgegebene carta negra verschärfte daraufhin nicht nur die despotischen Zustände im Lande, sondern führte am 6. August 1875 auch zur Ermordung des “Galgenheiligen”, wie ihn der Schriftsteller Benjamín Carrión einmal bezeichnete, und welchen Papst Pius XII. einen “genialen Regierenden, treuen Sohn der Kirche, und Märtyrer seines Glaubens” zu nennen pflegte. Der argentinische Historiker Manuel Gálvez gibt eine detaillierte
Schilderung des brutalen Attentates ab:
“Als sich García Moreno gerade anschickte den Präsidentenpalast zu betreten, stellten sich ihm unter dem Galerienbogen einige jugendliche Verschwörer in den Weg. Einer von ihnen, namens Faustino Rayo, schrie ihm “Tyrann!” entgegen, holte eine Machete hervor, und gab ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf. Ein weiterer Verschwörer verpaßte ihm mit den Worten “Deine Stunde hat geschlagen Bandit” eine Revolverkugel, während Rayo zu einem zweiten Machetenhieb ausholte. Mit blutüberströmtem Gesicht versuchte Moreno zu einem der Eingänge des Palastes zu gelangen. Einer der Kerle hielt in auf und schoß, aber die Kugel wollte sich nicht lösen. Auf Morenos Hilfeschreie hin erschien dann ein Passant, der vorübergehend Rayo festklammern konnte und ausstieß: “Der Präsident wird ermordet!”. Währenddessen erhielt Moreno eine zweite Kugel im Gesicht. Nachdem sich Rayo wieder vom Passanten befreien konnte (dieser blieb verletzt liegen), fiel er über den flüchtenden Präsidenten her. Moreno versuchte einen Damenrevolver hervorzuziehen, aber der nächste Machetenhieb traf ihn in der rechten Hand. Sein kleiner Finger baumelte herunter. Rayo schien ihn daraufhin köpfen zu wollen, aber der Präsident hemmte die wütenden Schläge mit seinem Arm und Gehstock ab. Blind vom vielen Blut im Gesicht erreichte er eine der Säulen am Ende des Galerienganges, und richtete sich auf. Rayo stieß ihn nach vorn die Treppe hinunter, wo er auf den Pflastersteinen mit dem Kopf aufschlug. Anschließend beugte sich der Verschwörer auf einem Knie gestützt über den Sterbenden und hackte ihm tiefe Schnitte in den Schädel. Aus dem vor Blut sprudelndem Mund stießen noch drei letzte gemurmelte Worte hervor: Dios no muere, “Gott stirbt nicht!”

Als endlich die Palasttruppen auftauchten, war es bereits zu spät. Ein Soldat erschoß den Verschwörer Rayo, welcher noch vor dem Präsidenten das Zeitliche segnete. Eine Gedenktafel (links) im Kolonnadengang des Präsidentenpalastes erinnert heute an das Ereignis.

Kakao, Kommerz, und Chaos: Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts erlebte Ecuador ein beschleunigtes wirtschaftliches Wachstum, daß in der Hauptsache auf dem enormen Anstieg des Kakao-Exports basierte. Die terratenientes cacaoteros dieser Epoche, deren riesige Plantagen sich vornehmlich in den Provinzen Guayas und Los Ríos befanden, verhalfen den Bankiers und Kaufleuten der Küste zu neugewonnener politischer Macht. Der Export der wenig arbeitsintensiven, auf dem Weltmarkt jedoch als qualitativ hervorragend eingestuften ekuadorianischen Kakaobohne, lief ausschließlich über den Hafen von Guayaquil ab. Der Anbau und die Kommerzialisierung der “goldenen Bohne” nahm bald frühkapitalistische Züge an. Auf den Plantagen der Großgrundbesitzer arbeiteten bereits Tagelöhner und Pächter, die mit jeder Ernte den Pachtzins in Form von Kakao bezahlten. Dies erlaubte den terratenientes nicht nur eine reiche und billige Ernte, sondern vergrößerte auch ständig die Anbauflächen. Bereits im Jahre 1880 befand sich 80 % der gesamten Kakaoproduktion in den Händen von 15 Großfamilien. Gleichzeitig aber stieg die Produktion zwischen 1885 und 1916 um das dreifache an, während die europäische Nachfrage nach dem exotischen Genußmittel (Schokolade) kein Ende mehr zu nehmen schien.

In Folge des Kakaobooms verschärften sich die ideologischen Gegensätze zwischen den vom garcianismo zu wirtschaftspolitischer Macht verholfenen klerikal-konservativen Großgrundbesitzern des Hochlandes und der liberal-monopolistischen Obligarchie der Küste. Der wachsende Druck von Konservativen und Liberalen hatte eine dramatische Radikalisierung der politischen Landschaft zur Folge.

Nach einem äußerst schwachen Regierungsgebilde unter der Präsidentschaft von Antonio Borrero (1875-76), kam der opportunistische General und Napoleon-Imitator Ignacio de Veintimilla während eines blutig verlaufenden Staatsstreiches an die Macht. Über tausend Menschen sollen dem Komplott zum Opfer gefallen sein. Veintimilla begann seine Diktatur zunächst mit liberalen Reformen, die der Kirche zutiefst mißfielen. Wenig später ließ er jedoch nicht nur konservative Geistliche, sondern auch liberale Intellektuelle durch sadistische Methoden aus dem Weg räumen. Foltereien und Erschießungen waren an der Tagesordnung. Am Karfreitag des Jahres 1877 ließ er sogar den Erzbischof José Ignacio Checa vergiften. Nach einem bewaffneten Volksaufstand floh er schließlich 1883 heimlich mit einem Schiff von Guayaquil.

Als eine Art Schlichter zwischen den verfeindeten regionalen Allianzen trat der Progressist José María Plácido Caamaño seine Nachfolge an. Aber weder dieser, noch die späteren Präsidenten Antonio Flores Jijón (1888-92) und Luis Cordero (1892-95) konnten die allerorts aufflammende politische Anarchie im Lande unter Kontrolle halten. Nicht zuletzt diesen Umständen war es zu verdanken, daß es am 5. Juni 1895 zu einem erneuten Putsch kommen sollte. Sein charismatischer, unter den Küstenbauern fast abgöttisch verehrter Anführer, war der aus Manabí stammende Kaufmann und Partisanenkämpfer Eloy Alfaro.

Eloy Alfaro und die liberale Revolution (1895-1912): Der scheinbar unaufhörliche Anstieg des Kakao-Exportvolumens (jährlich mehrere Millionen US-Dollar), führte zu einer Festigung der Handelsherrschaft Guayaquils und anderer Bereiche der inneren Küstenregion. Die liberal orientierte, reformfreudige Kakao- u. Kommerz - Bourgeoisie sollte fortan die politischen Geschicke des Landes bestimmen. Durch die Revolution von 1895 ergab sich für die Mächtigen der Küste die langersehnte Gelegenheit einschneidende Veränderungen am gesamten Staatswesen durchzuführen.

Gebührte der despotischen Amtszeit García Morenos noch die Einführung struktureller Maßnahmen zugunsten eines für damalige Begriffe modernen Wachstums, so schuf Eloy Alfaro definitiv die Voraussetzungen für dessen Verwirklichung. Im Gegensatz zu García Moreno, dessen Wirtschaftspläne weit fortschrittlicher waren als seine reaktionären religiös-politischen Vorstellungen, wurden mit dem Auftauchen Eloy Alfaros die bisher tonangebenden klerikal-feudalen Allianzen der Sierra weitgehenst ihrer Vormachtstellung enthoben.

Der Liberalismus basierte zum einen auf wirtschaftlicher Integration, wie dem Bau der trans-ekuadorianischen Eisenbahnlinie (welche übrigens von García Moreno im Hinblick auf eine Machtausweitung des Hochlandes über die Küstenregion begonnen wurde), und zum anderen auf ideologischer Umwandlung. Der Staat sollte dabei die absolute Kontrolle über weite Bereiche der Gesellschaft erlangen, welche bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich der Kirche und ihren verbündeten Großgrundbesitzern korrespondierten. Dazu gehörten die Trennung von Kirche u. Staat, eine weltliche Ausbildung (darunter Abendschulen für Arbeiter), zivile Heirat u. Scheidung, Abschaffung von Tributszahlungen an die Pfarreien, Religions- u. Kulturfreiheit, Mitsprache bei Bischofswahlen, oder die wirtschaftspolitische Emanzipation der Frau. Nach Herausgabe eines Erlasses namens ley de manos muertas (“Gesetz der toten Hände”) wurden in diesem Zusammenhang riesige Latifundien der katholischen Kirche und ihrer Ordensgemeinschaften konfisziert und dem Staat zugeführt.

Eloy Alfaro wurde zur Kultfigur der liberalen Bewegung. Mit jungen Jahren trat er in die militärischen Reihen des Haudegen-Generals José María de Urbina ein. Bald darauf organisierte er einen Guerrilla-Aufstand gegen das autoritäre Regime von García Moreno. Nach seinem ersten Exil in Panamá, wo er sich hauptsächlich dem Verkauf von Strohhüten aus Montechristi gewidmet hatte, kehrte er Ende 1875 nach Manabí zurück um eine Rebellion gegen die konstitutionelle Regierung von Antonio Borrero anzuzetteln. Während der Diktatur Veintimillas noch zum Militärchef von Portoviejo aufgestiegen, bekämpfte er diesen jedoch später, und floh wiederholt nach Panamá ins Exil. Nach erneuter Rückkehr führte Alfaro 1883 als Jefe Supremo von Esmeraldas einen sogenannten “Restaurationskrieg” an, der mit dem Einmarsch seiner montoneros in Guayaquil endete. Nach dem Verlust der Präsidentschaftswahlen gegen den smarteren Plácido Caamaño, begann er bereits am darauffolgenden Tag mit der Reorganisierung der Guerrilla.

Während einer Seeschlacht sah er sich sogar gezwungen sein eigenes Schiff, die Alhajuela, zu versenken, und in einem Holzfaß die rettende Küste zu erreichen. Seine Jahre vor jenem entscheidenden 5. Juni 1895 verbrachte er damit in fast allen Staaten des Kontinents, einschließlich Nordamerika, umherzureisen. Sein wachsendes internationales Prestige, insbesonders in liberalen Kreisen, verhalf ihm zum Ausbau einer schlagkräftigen Berufsarmee, welche sich in der Hauptsache aus montoneros, meist ehemaligen campesinos der Küstenregion zusammensetzte.

Alfaros erster Amtsperiode (1895-1901) folgte der ebenfalls radikal-liberale General Leonidas Plaza (1901-1905), der nicht nur den Eisenbahnbau bis Riobamba fertigstellte um gleich darauf einen zweiten Strang von Ambato aus in den Oriente zu beginnen, sondern auch seines Vorgängers harten sozio-ökonomischen Reformkurs beibehielt. Ihm folgte Lizardo García, der vom militärischen Oberbefehlshaber Eloy Alfaro bereits nach wenigen Monaten wieder aus dem Amt verjagt wurde. Diese zweite erzwungene Amtszeit Alfaros (1906-11) verschärfte die bereits bestehenden Konflikte unter den gemäßigten und radikalen Liberalen. Blutig niedergeworfene Gegenrebellionen waren die Folge. Trotz des vorübergehenden Triumphes durch die Beendigung der “schwierigsten Eisenbahnlinie der Welt” von Guayaquil nach Quito, mußte der caudillo 1911 wieder die Flucht nach Panamá ergreifen. Die neue Regierung unter der Präsidentschaft von Emilio Estrada war durch dessen plötzliches Hinscheiden nur von kurzer Dauer. Das Herz des regierenden Guayaquileño war den Amtsgeschäften in der 2.800m hoch gelegenen Landeshauptstadt nicht gewachsen.

Alfaro kehrte aus dem Exil zurück, und der Bürgerkrieg brach auf ein Neues aus. Aber das Glück hatte den “alten Kondor” für immer verlassen. Regierungstruppen des Präsidenten Carlos Freile Zaldumbide, unter der militärischen Führung von Alfaros ehemaligem Mitstreiter Leonidas Plaza, versetzten den Aufständischen in den ersten Januartagen von 1912 drei bittere Niederlagen in Folge (Huigra, Naranjito u. Yaguachi). Die dabei ausschlaggebenden modernen Waffen hatte Alfaro selbst noch wenige Jahre vorher erstanden. Nach Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde wurde der inzwischen 70-Jährige mit der von ihm eigens konstruierten Eisenbahn nach Quito verfrachtet, wo ihn ein wahrhaft grausiger Tod erwartete. (Siehe dazu auch unter “Eloy Alfaro - Revolution & Railway Company” im Routenteil unter “Manabí-Montechristi”!)

Aufstieg und Abgesang der liberalen Obligarchie (1912-25): Die zweite Amtszeit von Leonidas Plaza erbrachte einen “Waffenstillstand” mit der Kirche. Die Bedingung dafür bestand allerdings im Einfrieren der liberalen Reformen. Plaza sah sich dazu veranlaßt, den Großgrundbesitzern des Hochlandes wichtige Konzessionen zuzugestehen. Zudem wurde er einer breitangelegten Rebellion übriggebliebener montonera-Einheiten in Esmeraldas gegenübergestellt, welche unter der Führung des links-radikalen Oberst Carlos Concha den gesamten tropischen Nordwesten des Landes kontrollierten. Erst seinem Nachfolger Baquerizo Moreno (1916-20) sollte die vollständige Ausmerzung des fast vier Jahre andauernden Bauernaufstandes gelingen. Nach seiner endgültigen Gefangennahme gab der legendäre “Muschel-Oberst” höchstpersönlich den Befehl für die eigene Hinrichtung: “Feuer frei!” Siehe hierzu auch im Routenteil unter “Esmeraldas”!

Die Amtsübernahme des Guayaquilenschen Plutokraten José Luis Tamayo (1920-24) fiel zeitlich mit dem Verfall des Kakao-Weltmarktpreises zusammen. Dies hing zum einen mit den für Europa negativen Folgen des ersten Weltkrieges, und zum anderen mit einer weltweiten Ausweitung der Kakao-Anbaugebiete zusammen. Die europäischen Abnehmer begannen mehr und mehr ihren Kakaobedarf aus den näher gelegenen afrikanischen Kolonien und Brasilien zu decken.

Der Verlust der europäischen Absatzmärkte konnte jedoch zunächst durch verstärkte Exporte in die USA ausgeglichen werden. Bereits Ende des ersten Weltkrieges gingen fast 80 % des gesamten ekuad. Exportaufkommens in die USA, zwei Drittel davon Kakao, der Rest Kautschuk, Kaffee, Baumwolle, Tagua, Zuckerrohr, Holz, Früchte und Strohhüte aus Montechristi. Doch durch Überproduktion entstandene, immer geringer werdende Nachfrage nach Kakao, führte bald zu einem Überangebot. Der Zentnerpreis fiel innerhalb eines Jahres (1920-21) von knapp 27 USD auf weniger als 6 USD.

In Guayaquil begannen über 100.000 Tonnen der Handelsware allmählich in den Lagerhallen am Hafen zu verfaulen. Hinzu kam, daß ausgerechnet die ekuadorianischen Kakaoplantagen Anfang der 20-ziger Jahre von der sogenannten “Hexenbesenkrankheit” befallen wurden. Inflation, allgemeiner Preisanstieg, und Massenentlassungen, waren die direkten Folgen der Kakaokrise, und führten überall im Lande zu mehreren blutig niedergeschlagenen Volksaufständen. Der schlimmste von ihnen fand am 15. November 1922 in Guayaquil statt, als das Militär wahllos in die aufgebrachte plündernde Menge feuerte, und tausende von Arbeitern den Tod fanden.

Als Gonzalo Córdova 1924 die Prädidentschaft antrat, hatte der Liberalismus seine populäre Basis längst verloren. Eine Radikalisierung der politischen Landschaft, nicht zuletzt angetrieben durch den Erfolg der russischen Revolution, blieb unausweichlich. Am 9. Juli 1925 kam es zu einem erneuten Staatsstreich, diesmal unter der Regie der sozialistisch ausgerichteten Liga de Militares Jóvenes. Die Drahtzieher des Liberalismus flüchteten ins Ausland oder landeten im Gefängnis.

La Revolución Juliana: Die “Juli-Revolution” von 1925 wurde in erster Linie von aufstrebenden Kleinbürgern durchgeführt, die es in der Berufsarmee zu militärischen Ehren gebracht hatten. Ihr Regierungsprogramm begünstigte hauptsächlich mittelständische Beamte und Kaufleute, auch wenn es gewissen sozialistischen Neigungen keineswegs abhold war. Die militante Reformpolitik dieser pluralistischen Regierung führte zwar nicht zur Konsolidierung des chaotischen Staatswesens, hatte aber eine Modernisierung des Steuer- u. Bankensystems, sowie eine Verbesserung der sozialen Lage der unterprivilegierten Schichten zur Folge.

Zur treibenden Kraft der “julianischen” Reformen, welche unter anderem ein Arbeiterschutzgesetz und das Frauenwahlrecht schuf, wurde der konstitutionell gewählte Präsident Isidro Ayora. Die von Liberalen wie Konservativen allseits erwartete Kompromißbereitschaft des intellektuellen Mediziners, wich bald seinem unbeugsamen Durchsetzungsvermögen. Korrupte Beamte, komplottiernde Militärs, oppositionelle Zeitungsverleger, oder widerspenstige Revolutionäre, ließ er in ein Straflager nach Galápagos verbannen. Die Goldreserven der privaten Banken ließ er beschlagnahmen und der staatlichen Zentralbank zuführen. Die Staatseinnahmen stiegen beträchtlich an und die extrem hohe Staatsverschuldung konnte abgebaut werden. Ein äußerst progressiver Neuerlaß der Verfassung - der dreizehnten seit Bestehen der Republik - wurde ihm selbst dann später zum Verhängnis. Das darin verankerte Recht des Mißtrauensvotums brachte ihn 1931 zu Fall, und seinen Regierungsminister Alba kurzfristig an die Macht.

Ganz im Schatten der Weltwirtschaftskrise triumphierte bei den Wahlen von 1931 der erzkonservative Neptalí Bonifaz Ascázubi. Seine Disqualifizierung durch den Kongreß ein Jahr später, provozierte den sogenannten “Vier-Tage-Krieg”, dem über 2.000 Soldaten und Zivilisten aus allen Landesteilen zum Opfer fielen. Bonifaz zog sich nach den furchtbaren Ereignissen in aller Ruhe auf seine hacienda zurück, während der ebenso unpopuläre Juan de Dios Martínez Mera seine Nachfolge antrat - durch krassen Wahlbetrug wie sich später herausstellte. Ein parlamentarisches Mißtrauensvotum brachte auch ihn nach wenigen Monaten zum Sturz, und gab die Bühne für den wohl flammendsten Redner der ekuadorianischen Geschichte frei, den ovationsgeladenen populistischen caudillo Dr. José María Velasco Ibarra.

El Velasquismo: Von insgesamt sechs Wahlkandidaturen gewann Velasco Ibarra fünf. Bei seiner zweiten Kandidatur triumphierte die Opposition aufgrund eines Wahlbetrugs, und lediglich eine seiner Amtsperioden endete verfassungsrechtlich. Velascos charismatische Ausstrahlung, eine Mischung aus pseudo-revolutionärer Kritik und heilsbringender Rhetorik, rief die widersprüchlichsten Reaktionen hervor. Er bereiste das Land praktisch von Handschlag zu Handschlag, versprach den Massen ein für allemal mit den Ungerechtigkeiten “aufzuräumen”, Privilegien zu “zermalmen” und die Plutokratie zu “pulverisieren”. Er verstand es vom ersten Moment an die Hoffnungen des gemeinen Volkes in sich zu vereinen, und konnte dabei gleichzeitig mit der vollen Unterstützung reicher Unternehmer rechnen. Unter dem Lemma “Demokratie & Leistung” entsprach der velasquismo keinerlei Partei oder Ideologie, war weder konservativ, noch liberal, noch sozialistisch, geschweige denn kommunistisch. Velasco Ibarra war einfach nur er selbst, und ohne ihn sollte die gebeutelte Nation in den nächsten 40 Jahren nicht mehr auskommen können. Mit berauschender Mehrheit gewann er am 1. September 1934 seine ersten Präsidentschaftswahlen. In Windeseile begann Velasco, ungeduldig wie er war, mit dem oftmals ziel- u. planlosen Bau von Schulen, Strassen, Brücken und Bewässerungsanlagen. Bei der Mobilmachung des Verwaltungsapparates stieß er jedoch auf heftigste Gegenwehr. Da ihm weder Gesetze noch eine “antiquierte” Verfassung viel bedeuteten, “weil alles dem Kongreß aber nichts dem Präsidenten” zugestanden wurde, versuchte er diesen 1935 aufzulösen. Während dem öffentlichen Verlesen des Dekrets unterbrach ihn das anwesende Bataillon mit dem Ausruf: “Es lebe die Konstitution! Nieder mit der Diktatur!” Der dünkelhafte Präsident wurde noch an Ort und Stelle verhaftet und erstmalig ins Exil verbannt.

Fünf Jahre - Zehn Präsidenten: Unter der Schirmherrschaft der Militärs regierte bis 1937 der zivil-faschistoide Federico Paez, nachdem zwei vorherige improvisierte Würdenträger schnell das Handtuch geworfen hatten. Während Don Federicos Amtszeit wurde den Anhängern des velasquismo der Garaus gemacht. Ihn selbst putschte wiederum sein gemäßigterer Verteidigungsminister Alberto Enríquez Gallo, der zu einer versöhnlichen Nationalversammlung einberief, in der jeweils ein Parteirepräsentant (konservativ, liberal, sozialistisch) aus jeder Provinz vertreten sein sollte. Noch während der Versammlung gab er seinen Rücktritt bekannt, und Manuel María Borrero wurde umgehend zum Nachfolger erklärt. Drei Monate später sah auch er sich gezwungen sein Amt niederzulegen.

Die Republik erwies sich aufgrund der unüberwindbaren Parteiengräben als unregierbar. Die Wirtschaftslage des Landes war katastrophal, soziale Unruhen lagen an der Tagesordnung, und praktikable Lösungen hatte weder die Linke noch die Rechte anzubieten. Um die “kommunistische Bedrohung” zu stoppen wurde der liberale Aurelio Mosquera Narvaéz Ende 1938 vom Nationalkongreß zum Präsidenten gewählt. Dieser verstarb aber ein Jahr darauf auf unerklärliche Weise, kurz nachdem er die Konstitution von 1906 (!) wieder als rechtskräftig erklärt hatte. Ihm sollten noch drei weitere Miniatur-Präsidentschaften folgen, wobei sich Julio Moreno gerademal 20 Tage im Amt halten konnte.

Beim ersten Volksentscheid in fünf Jahren ging im Januar 1940 der liberale Carlos Alberto Arroyo del Río als Sieger hervor. Laut Historikern gebührte das Präsidentenamt aber dem Kandidaten Velasco Ibarra. Ein breitangelegter Wahlbetrug schien die absolute Mehrheit des zurückgekehrten caudillo “pulverisiert” zu haben.

Die peruanische Invasion: Die bis heute anhaltenden, und bislang nicht vollständig beseitigten Spannungen um den ekuad.-peruanischen Grenzverlauf, fanden ihren Ursprung bereits im Bruderkrieg zwischen Atahualpa u. Huascar. Aber auch die von Kolonialhand festgelegten Grenzen der Real Audiencia de Quito blieben zumindest gegen Süden hin Interpretationssache. Durch die spätere Abspaltung Ekuadors von Kolumbien waren die Staatsgrenzen der jungen Republik lediglich auf die grosskolumbianischen departamentos Quito, Azuay und Guayas festgelegt. Dadurch wurden Perú praktisch weitreichende Gebiete der einstigen Real Audiencia, des “Königreiches von Quito”, überlassen, was schon während der Konsolidierung der Unabhängigkeit im 19. Jh. zu mehreren fruchtlosen Invasionen seitens des südlichen Nachbarn führte. Spätere Versuche des kleinen Ekuadors, diese einst “äquatorialen” Stammes-Territorien auf politischem Wege wieder zurückzugewinnen, endeten für den neugeschaffenen “Sandwich-Staat” zwischen Kolumbien u. den republikanischen Erben des “Inkareiches”, jedesmal in weiteren Landeinbußen.

Daß es bei der Invasion von 1941 nicht um Urwald oder Landbesitz, sondern ausschliesslich um reiche Erdölvorkommen ging, soll folgendes beweisen: Die Royal Dutch Shell erhielt vom Präsidenten Velasco Ibarra die Konzession zur Ölförderung, nachdem der engstirnige Populist das Angebot der Standard Oil of New Jersey im wahrsten Sinne des Wortes als Unverschämtheit vom Tisch gefegt hatte. Andererseits hatte eine Tochtergesellschaft der Standard Oil die Förderungsrechte auf peruanischem Urwald-Territorium inne. Bei der neuen Grenzziehung im Anschluß an die Invasion (Protocólo de Rio de Janeiro 1942) befanden sich die vormals auf ekuadorianischem Territorium gelegenen Erdölfelder nun plötzlich auf peruanischer Seite, und Standard Oil konnte mit dessen Förderung beginnen. Daß auf ekuadorianischer Seite dann drei Jahrzehnte später noch weitaus größere Vorkommen entdeckt wurden, ist wieder eine andere Geschichte. Daß die “Gringos” bei der damaligen Bestimmung des Grenzverlaufes bewußt einen geographischen Fehler mit einkalkulierten (divortium aquarum), sollte nicht zuletzt als Anlaß für weitere interessensbedingte Konflikte dienen - man kann schließlich nie wissen. (Siehe dazu auch im Routenteil unter “Südliches Ecuador - Bombenstimmung im Dschungel”!)

Im Februar 1941 unterzeichneten die Peruaner einen Nicht-Angriffspakt mit dem ebenso konfliktiven Nachbarn Chile. Drei Monate später hatte sich bereits ein 20.000 Mann starkes Heer entlang der ekuadorianischen Grenze verteilt. Am 5. Juli 1941 begann der Einmarsch, und am 7. August tauchten die ersten Jagdflugzeuge am Himmel über Cuenca auf. Der feindlichen Übermacht war die schwach bestückte ekuadorianische Armee nicht gewachsen. Während die peruanischen Truppen fast den gesamten Süden des Landes besetzten, gelangten zigtausende von Flüchtlingen aus den Provinzen El Oro und Loja nach Guayaquil.

Auf Drängen der USA hin wurde in Rio de Janeiro im Januar 1942 eine Konferenz über die Einheit und Solidarität aller amerikanischen Staaten abgehalten. Dabei wurden Ecuador und Perú dazu angehalten ihre Grenzstreitigkeiten beizulegen, und im beidseitigen Einvernehmen das sogenannte Protocolo de Rio de Janeiro zu unterzeichnen. Dabei hatte das kleine unbedeutende Ecuador im Umfeld des tobenden Weltkrieges keinerlei Chance seine legitimen territorialen Ansprüche glaubhaft darzulegen. Das Trauma von Pearl Harbour paralysierte Amerika, und alle lateinamerikanischen Länder solidarisierten sich wohlweislich mit den Vereinigten Staaten. Dem damaligen Außenminister Tobar Donoso blieb angesichts der drückenden Notsituation nichts anderes übrig als das Protokoll zu unterschreiben. Perú zog daraufhin seine Truppen aus den südlichen Provinzen ab, bekam aber als “Ausgleich” fast 200.000 Quadratkilometer des ekuadorianischen Amazonasgebietes zugesprochen.

Ein Volksaufstand namens gloriosa verhalf Velasco Ibarra am 28. Mai 1944 erneut zur Macht. Zwei Jahre später setzte er die Verfassung außer Kraft und erhob sich zum Diktator. Sein Verteidigungsminister ließ ihn bald daraufhin festnehmen und ins Exil schicken. Es folgten noch zwei Übergangsregierungen mit Mariano Suárez und Carlos Julio Arosemena Tola, bevor der angesehene Hochländer und Viehzüchter Galo Plaza Lasso nach seinem Wahlsieg von 1948 eine lange Periode politischer und wirtschaftlicher Stabilität einleitete.

Die Bananenrepublik: Mitte der 40-ziger Jahre zeichnete sich bereits der Boom einer neuen tropischen Frucht ab. Der massive Export von Bananen verhalf der ekuadorianischen Wirtschaft zu einem neuen Aufschwung, welcher Mitte der 50-ziger seinen Höhepunkt erreichte. Ekuador wurde zum größten Banananexporteur der Welt. Der Anteil der Banane am gesamten Exportvolumen stieg von 3 % im Jahre 1948 auf 42 % 1955. Durch das dynamische Wachstum profitierte nicht nur die mächtige United Fruit Company (zwei Drittel des Exporterlöses), sondern in bescheidenen Ausmaßen auch die mittleren und kleineren Bananenpflanzer. Ein Ausweg aus der jahrzehntelangen Wirtschaftskrise schien gefunden.

Ekuador stürzte sich damit aber auch voller Zuvertrauen in eine neue Abhängigkeit. Investitionen zum Ausbau anderer Wirtschaftsbereiche blieben trotz der hohen Gewinnspannen aus. Mit dem späteren Preisverfall und sinkendem Absatz der Banane, hauptsächlich durch mittelamerikanische Konkurrenz bedingt, blieben die ekuad. Kleinbauern Ende der 50-ziger Jahre erneut auf der Strecke.

Mit Hilfe der Banane gelang dem in den Vereinigten Staaten aufgewachsenen Galo Plaza eine bemerkenswerte Modernisation des Staatswesens. Das Haushaltsbudget stieg um ein vielfaches an. Straßenbau, Malariabekämpfung, Pressefreiheit, und der Wiederaufbau Ambatos, daß nach einem schweren Erdbeben völlig verwüstet worden war, zählten zu den vielen positiven Merkmalen von Plazas besonnener Amtsperiode (1948-52). Sein internationales Prestige erhob ihn viele Jahre später sogar zum Generalsekretär der “Vereinten Amerikanischen Staaten” (OEA) in New York, wo ihn Henry Kissinger als einen “Weltenbürger von Format” schätzte.

Die traditionellen Parteien des Landes (Conservador, Liberal, Socialista) experimentierten während und nach Plazas Regierungszeit eine Phase der Ausgeglichenheit, mußten sich aber gleichzeitig mit der Koexistenz neuer politischer Bewegungen abfinden. Aus den Reihen der Konservativen spalteten sich die Christlich-Sozialen ab (Partido Social Cristiano), in Guayaquil und anderen Orten der Küste entstand eine aggressiv-proletarische Gruppierung namens CFP (Concentración de Fuerzas Populares).

Bauzäune, Bananenschalen, und politische Ausrutscher: Die einzig konstitutionell beendete Amtszeit von Velasco Ibarra (1952-56) war gleichzeitig auch die einzig annähernd erfolgreiche. Der Bananen-Boom sollte sein Maximum erreichen.

Ein fast 2.000 km langer Straßenbauplan wurde in die Wege geleitet. Wovon allerdings nur 500 km fertiggestellt werden konnten (davon 160 km asphaltiert). Das Ausbleiben einschneidender Reformen frustrierte Velascos euphorisierte Wählerschaft jedoch auf ein Neues. Seine zerstörerischen Floskeln hätten ihn beinahe ein drittes Mal zu Fall gebracht.

Velascos konservativer Nachfolger Camilo Ponce Enríquez (1956-60) tat sich durch die Verwirklichung strategischer Bauwerke hervor. Unter der Obhut seines damaligen Ministro de Obras Públicas Sixto Durán Ballén (“Stahl und Zement”), entstanden in Quito der Justizpalast, die Kanzlei und das Sozialamt, in Guayaquil der Hochseehafen und das Stadium Modelo (den sog. “Koloß der Amerikas”); weiterhin die Flughafenterminals beider Städte sowie die ersten Telekommunikationszentralen.

Im Zuge der Bananenkrise kam es aufgrund durchgreifender Sparmaßnahmen im Sozialbereich zu wiederholten Spannungen, welche sich im Juni 1959 zuspitzten und eine zweitägige Anarchie-Episode in Guayaquil auslösten. Der ideologische Einfluß von Fidel Castros kubanischer Revolution ließ anti-imperialistische Ressentiments aufleben. Selbst die katholische Kirche begann ihre antiquierten Standpunkte neu zu überdenken. Eine Welle christlicher Erneuerung begann Anfang der 60-ziger Jahre Fuß zu fassen. Geistiger Lenker dieser Bewegung wurde der obispo de los pobres (“Bischof der Armen”) Mons. Leonidas Proaño, welcher nicht nur politische Verfolgung erdulden mußte, sondern auch beim Klerus auf taube Ohren stieß.

Bei den Wahlen von 1960 schlug ein durch Fidel Castro ausgelöstes neues Selbstwertgefühl unter den Lateinamerikanern in eine absolute Mehrheit für den demagogischen Velasco Ibarra um, welcher einmal mehr wie Phönix aus der Asche entstieg. Seine ehrgeizige Land- u. Wirtschaftsreform scheiterte jedoch an den Wahlkompromissen mit der Küstenobligarchie, die Millionen in seine Kandidatur und einen anschließenden “anti-kommunistischen” Feldzug gegen die Presse gesteckt hatte. Selbst die von der CIA veranlaßte Ausweisung des kubanischen Botschafters konnte vom Klassenkämpfer Velasco nicht verhindert werden. Die Nichtigkeitserklärung des Protokolls von Rio de Janeiro (“la nulidad del protocolo”) führte zudem zu diplomatischen Spannungen mit Perú. Der völlige Zusammenbruch der Weltmarktpreise für Bananen und anderer monopolistischer Agrarprodukte, taten ein übriges. Nachdem der mehr und mehr nach “rechts” abgerückte Velasco bei einem letzten verzweifelten Aufbäumen den Kongreßpräsidenten und Oppositionsführer Carlos Julio Arosemena Monroy verhaften ließ um eine Diktatur einzuleiten, wurde er 1961 vom Militär gestürzt. Kurz darauf verließ Arosemena schnurstracks den berüchtigten “García Moreno - Knast” in Richtung Präsidentenpalast, während Velasco seine übliche Reise ins Exil, diesmal nach Buenos Aires antrat.

Arosemenas Regierungsphilosophie (1961-63) charakterisierte sich durch das proklamierte Recht der Völker auf Selbstbestimmung, bzw. Nichteinmischung der USA. Eine weitreichende Agrarreform, die vor allem den ärmlichen Kleinbauern des Hochlandes einen Produktionsanreiz verschaffen sollte, sowie die beabsichtigte Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Kuba, entsprachen jedoch nicht den politischen Gegebenheiten im In- u. Ausland.

Arosemena wurde schliesslich für die “kommunistische Bedrohung” im Lande verantwortlich gemacht. Ein erneuter Putsch schien unausweichlich. Der trinkfreudige Präsident sollte dazu selbst einen idealen Vorwand liefern. Beim Empfang des chilenischen Präsidenten Alessandri war der lallende ekuadorianische Würdenträger so sternhagelvoll, daß er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Bei einem Treffen mit hohen US-Funktionären entfuhr ihm zudem ein beleidigender Trinkspruch, der die Ausbeutung Ekuadors durch die Vereinigten Staaten anprangerte. Am Morgen darauf war der Präsidentenpalast von Panzern umringt, und Arosemena wurde nach Panamá ins Exil verbannt.

Eine Allianz für den Fortschritt und ein Gespenst namens Fidel Castro: Im Zusammenhang mit der vom US-Präsidenten John F. Kennedy eingeleiteten “Allianz für den Fortschritt”, deren Zielsetzungen einer “wirtschaftlichen Förderung Lateinamerikas auf der Grundlage einer demokratischen Ordnung” dienen sollte, übernahm 1963 eine überaus anti-demokratische Militär-Junta die Macht, welche natürlich auch prompt von den USA anerkannt wurde. Ein erstes Dekret dieser Restaurations-Junta stellte den Kommunismus als verfassungsfeindlich hin, und verbot sämtliche damit verbundenen Organisationen und Aktivitäten. Gleichzeitig flossen große Mengen ausländischen Kapitals ins Land.

Nach einem zunächst äußerst erfolgsversprechendem Anfang, hervorgehoben durch die langersehnte, auf Eigenbedarf und Enteignung von brachliegendem Kulturland ausgerichteten Agrarreform von 1964 (der ersten des Landes), sowie dem euphorisch gefeierten Staatsbesuch des französischen Präsidenten Charles de Gaulle, begannen ein Jahr später die ersten Konflikte mit einer wachsenden Opposition. Nach einer krassen Erhöhung der Ausfuhrsteuern griff diese sogar auf die Oberschicht über. Fortwährende Streiks, Demonstrationen, und harte Auseinandersetzungen mit Studenten der Zentraluniversität (ein Toter, mehrere hundert Verletzte, Festnahmen u. Verbannungen) führten unter dem Druck eines kompromißbereiteren Militärkommandos 1966 zur Abdankung der Generäle.

Es folgten zwei interne Zivilpräsidenten, Clemente Yerovi Indaburo (1966) und Otto Arosemena Gómez (1966-68). Der medienfreundliche Bankier und Sozial-Kapitalist Arosemena schuf anhand von vorfabrizierten Plattenbauten das Programm “Pro-Tag-eine-neue-Schule”. Weiterhin vergab er einerseits dem US-Konsortium Texaco eine erste Ölförderungskonzession, weigerte sich dann aber anschließend in Punta del Este (Uruguay) als einziger Staatschef Lateinamerikas den Vertrag “zur Verteidigung des Kontinents angesichts der sowijetisch-kubanischen Infiltration” zu unterzeichnen. Dieser Umstand war für den nordamerikanischen Botschafter in Quito Grund genug seine Ablösung zu beantragen.

Bei den Neuwahlen von 1968 gewann zum fünftenmal der aus dem Exil heimgekehrte Velasco Ibarra (“Gebt mir einen Balkon und ich werde Präsident!”). Die knappe Stimmenmehrheit ließ aber bereits ahnen, daß seine konstitutionelle Amtszeit nicht von langer Dauer sein würde. Am 22. Juni 1970 setzte Velasco tatsächlich die Verfassung außer Kraft, womit ihm diktatorische Vollmachten zur Ausschaltung der Opposition ermöglicht wurden. Der in Volkskreisen zunehmend beliebte Provinzgouverneur von Guayas, Assad Bucaram, mußte nach Panamá flüchten. Eine Verleumdungskampagne gegen Bucaram, konzentrierte sich hauptsächlich in der libanesischen Abstammung des verbannten Emporkömmlings, dessen richtiger Name angeblich Kury Buray lautete. Der Schuß des Diffamierungs-Feldzuges ging allerdings nach hinten los. Don Buca, Parteichef der Concentración de Fuerzas Populares (CFP), stieg rasch zum populärsten Politiker des Landes auf. Monate vor den angekündigten Wahlen im Juni 1972 galt ein absoluter Triumph des zurückgekehrten “Libanesen” als verbürgte Sache. Allgemeine Wahlen sollten jedoch nie stattfinden. Am Karnevalsdienstag vom 16. Februar kam es unter der Führung von General Guillermo Rodríguez Lara zum Staatsstreich.

Das Ende des Faschings bedeutete gleichzeitig auch das Ende von Velasco Ibarras vierzigjähriger Karriere (el carnavalazo). Nach langem entbehrungsreichen Exil in Argentinien kehrte er im Februar 1979 nach Ecuador zurück (“Ich kam nur zum meditieren und sterben”), wo ihn am 30. März der ewige Friede heimholte. Die gewaltige Menschenflut auf seinem gezeitengleichen Trauerzug übertraf dabei noch einmal alle seine zu Lebzeiten unter freiem Himmel abgehaltenen messianischen Wahlkundgebungen.

Im Erdölrausch: Im August 1972 begann Ecuador zum erstenmal mit dem Export von petroleo. Die national-revolutionäre Militärregierung versprach die daraus resultierenden Staatseinnahmen, zwanzig Mal höher als die zu Galo Plazas Amtszeit während des Bananenbooms, in die Infrastruktur und den allgemeinen Wohlstand des Landes zu investieren. Die Verwaltung des anfänglich privaten, durch multinationale Konzerne aufgeteilten Erdölsektors, wurde der staatlichen Gesellschaft CEPE übertragen. Der Bau der Erdölraffinerie in Esmeraldas, die Schaffung einer eigene Erdölflotte, und der Beitritt des Landes in die OPEC, schufen zunächst optimale Voraussetzungen für eine Loslösung von Ekuadors schleppender Auslandsabhängigkeit. Aber die nationalistische Ausbeutung der riesigen Ölvorkommen der Amazonasregion hatte schlußendlich eine eher oberflächliche und schlecht geplante Modernisierung des Produktionsapparates zur Folge. Im Zuge des Erdölbooms entstand eine neue, wenn auch anfangs bescheidene weiterverarbeitende Industrie (Pharma-, Textil-, Elektro-, Automobilproduktion), welche die Einfuhr von teurer Technologie und dessen Instanthaltung erforderlich machte. Das Land wurde somit zu weiterer Verschuldung gezwungen.

Die Devisen aus dem Ölexport schraubten allmählich die Inflationsraten in die Höhe, und die Kosten für den Lebensunterhalt stiegen schneller als die Löhne.

In den damals stau- u. abgasfreien Straßen von Quito und Guayaquil kreuzten zunehmend private Luxuslimousinen auf, doch die Kluft zwischen arm und reich wurde immer abgründiger. Die sprudelnden Gelder aus den schwarzen Goldquellen wurden von einer nutznießenden Elite zwar mit vollen Händen ausgegeben, aber aufgrund des mangelnden Selbstvertrauens ins eigene Land nicht in langfristige zukunftsweisende Projekte umgesetzt. Eine Verantwortungslosigkeit der herrschenden Klasse, an der fast alle lateinamerikanischen Länder leiden. Die Jahrhunderte alte Philosophie des “Raffen ohne Schaffen” wirkte sich speziell in dieser verschwenderischen Phase der jüngsten ekuad. Geschichte sehr nachteilig aus.

Dabei galten die Schwerpunkte des durchaus ehrgeizigen Entwicklungsprogrammes der Militärs einer besseren Einkommensumverteilung mittels Steuerreform, und schlußendlich der damit verbundenen Überwindung der Armut, sowie einer durchgreifenden Reform des Agrarsektors. Im Gegensatz zur ersten fehlgeschlagenen Agrarreform von 1964 sollte eine Enteignung erst dann erfolgen, wenn mehr als 20 % des Kulturlandes ungenutzt blieben. Die durch diese Maßnahme betroffenen Großgrundbesitzer, deren unüberschaubare Latifundien nur zu einem Bruchteil kultiviert wurden, wehrten sich mit Händen und Füßen gegen die Reform. Der Versuch auf diese Weise die Produktion zu steigern, brachte gleichzeitig einen Boykott der nachwievor mächtigen Haziendas mit sich. Eine erhebliche Verteuerung der Nahrungsmittelpreise war die Folge. Eine drastische, die urbane Ober- u. Mittelschicht belastende Steuerreform, scheiterte zudem an deren Uneinsichtigkeit einen vernünftigen Beitrag zum Staatshaushalt leisten zu wollen. Die “goldene Kuh” sollte einfach nur weiter gemolken werden.

Im Januar 1976 wurde der “alleine auf weiter Flur kämpfende” General Lara von einem militärischen Triumvirat, den Oberbefehlshabern der vereinigten Land-, Wasser- u. Luftstreitkräfte, “außer Gefecht gesetzt” und auf seine hacienda nach Pujilí (Prov. Cotopaxi) verbannt. Mit den neuen Machthabern endete die progressive Phase der Militärregierung. Fehlende Koordination, mangelnder Sachverstand, aggressive Staatsverschuldung, und nicht zuletzt politischer Mord, ließen die Wunschrufe nach einer Rückkehr zur Demokratie immer lauter werden. Das Massaker an dutzenden von streikenden Arbeitern und ihren Frauen u. Kindern in der Zuckerfabrik Aztra bei Riobamba (1977) stellte dabei alle vorangegangenen Brutalitäten des Militärregimes in den Schatten.

Dias:
Das Steingesicht von Rumiñahui!

Darstellung des Aufeinandertreffens Atahualpa - Spanier!

Landkarte der Real Audiencia!

Fotos von Eloy Alfaro und Velasco Ibarra!

Die Politik der letzten 20 Jahre

Nach einem Stichwahlgang trat am 10. August 1979 der junge Mitte-Links-Kandidat Jaime Roldós Aguilera die Präsidentschaft an, und beendete somit eine langjährige Militärdiktatur, welche mit kurzen Unterbrechungen praktisch seit 1963 dominiert hatte. Trotz vielversprechender politischer Initiativen hinsichtlich eines Ausgleichs zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und sozialer Gerechtigkeit, stieß die neue, aus uneinheitlichen Allianzen zusammengesetzte Regierung, von Beginn an auf größte Schwierigkeiten. Die Erhöhung des Milchpreises war schlußendlich der Anlaß für gewaltätige Studentenunruhen mit tödlichen Folgen. Eine Mischung aus falschen Wahlversprechungen, verfehlter Wirtschaftspolitik, sowie heftigste Streitdebatten im Parlament, trugen zu einem raschen Gesichtsverlust des Präsidenten bei. Hinzu kam Anfang 1981 ein kurzer Grenzkonflikt in der Cordillera del Cóndor, als der südliche Nachbar die inneren Spannungen Ekuadors zum Anlaß nahm eine Schließung der 78 km “offenen” Grenze erzwingen zu wollen.

Nach Beendigung des Mini-Krieges flog Roldós (plus Frau und Verteidigungsminister) zu einem weiteren öffentlichen Akt nach Zapotillo an der peruanischen Grenze. Die Präsidentenmaschine zerschellte jedoch unterwegs aus bisher ungeklärter Ursache, und der bisherige Vizepräsident Osvaldo Hurtado übernahm umgehend die Amtsgeschäfte seines verunglückten Vorgängers.

Durch den Preisverfall des Erdöls, und dem völligen Scheitern des von Roldós so verheißungsvoll eingeleiteten “Entwicklungsplanes” (plan de desarrollo), sah sich Hurtado dem wachsenden Druck des internationalen Währungsfonds gegenübergestellt. Die Inflationsrate schien nicht mehr zu bremsen, und die als sozial-progressiv angetretene Regierung wurde bei den Wahlen von 1984 von der erzkonservativen Frente de Reconstrucción Nacional, unter der harten Hand des christlich-sozialen Präsidentschaftskandidaten León Febres Cordero abgelöst.

Corderos temperamentvoller Regierungsstil zeichnete sich durch ein streng neoliberales Programm und willkürliche Machenschaften aus. Seine wirtschaftlichen Maßnahmen, nach der Doktrin des nordamerikanischen Finanzexperten Walter Friedmann, erbrachten dem Regierungs-Clan des “Löwen” nicht nur den Beinamen Chicago Boys ein, sondern führten anfänglich auch zu positiven Ergebnissen, zumindest statistisch betrachtet. Ein Rückgang der Inflation war bis zu einem gewissen Zeitpunkt die Folge. Die Opposition warf ihm jedoch Bestechungsskandale, Polizeiterror, und eine extrem hohe Staatsverschuldung vor. Der einst in den USA graduierte Industriemechaniker und jetzige Bürgermeister von Guayaquil (gewählt von 1992-2000), wo er durchaus eine erfolgreiche Politik vertritt, konterte nicht nur mit verbalen Gewalttätigkeiten, sondern scheute auch nicht davor zurück die Medien zu zensieren. Romantische Utopisten wurde als Terroristen abgestempelt. Die aus Mittel- u. Oberschichtsprößlingen zusammengesetzte linksradikale Ideologen-Gruppe AVC (Alfaro Vive Carajo) wurde durch Folter und Mord aus dem Weg geräumt (“an den Wurzeln gepackt”).

Das Ende des export-orientierten Strohfeuers setzte bereits vor dem Erdbeben vom 5. März 1987 ein, als die trans-ekuadorianische Erdölpipeline zerstört wurde. Fast ein halbes Jahr lang konnte kein einziger Tropfen Öl mehr exportiert werden. Als die Pipeline wieder in Betrieb genommen wurde, stürzte der Ölpreis auf dem Weltmarkt ins Bodenlose (etwa 8 USD pro barril). Trotz dieser Widrigkeiten gelang es der kettenrauchenden “Mähne” eine zumindest halbwegs stabile Wirtschaftspolitik zu betreiben.

In der zweiten Wahlrunde von 1988 ging der Sozialdemokrat Rodrigo Borja Cevallos als Sieger hervor. Bei seiner Amtsübernahme, die ganz im Zeichen von “Versöhnung” stand, saß gleich eine ganze Heerschar kontinentaler Regierungschefs, einschließlich des US-Außenministers George Shultz und dem Revolutionär Fidel Castro, Seite an Seite neben dem neuen Präsidenten.

Borja verstand es auf vorzügliche Weise den inneren Landesfrieden zu wahren, politische Exzesse zu vermeiden, und sogar die subversive Gruppe AVC zur Waffenniederlegung zu überreden. Seine integrationsfreudige, ethisch-moralisiernde Staatsverwaltung, brachte ihm auf internationalem Niveau den Ruf eines aufrechten Demokraten und Bewahrers der Menschenrechte ein. Bezüglich des ungelösten Grenzproblems mit Perú beharrte Borja auf das Eingreifen des Papstes als obersten Schlichter, was widerum vom südlichen Nachbarn strikt abgelehnt wurde. Trotzdem gelangte während seiner ausgewogenen Amtszeit als erster peruanischer Präsident Alberto Fujimori auf offiziellen Staatsbesuch nach Quito.

Im sozialen Bereich erreichte die Regierung beachtliches: Eine Million tägliche Frühstücke für arme Schulkinder, kostenlose Hausarztbesuche für 1,5 Millionen Familien, ein breitangelegtes Alphabetisierungs- u. Impfprogramm, sowie die Übergabe von tausenden von Grundstückstiteln an mittellose indigenas im Oriente. Zu den Schwachpunkten von Borjas Amtszeit gehörte sein unerfülltes Wahlversprechen die Inflationsrate auf wenigstens 30 % zu senken (bei seiner Abdankung waren es über 100%). Aufgrund seiner Kompromißbereitschaft sah er sich ebenso massiven Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen, vor allem im Gesundheitswesen und seitens der skrupellosen Transport-Mafia gegenübergestellt.

Als Borjas Nachfolger wurde bei der Stichwahl von 1992 der markt- u. bauwirtschaftlich orientierte Sixto Durán Ballén mit 58% der Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt. Der 1921 in Boston (USA) geborene Diplomatensohn und promovierte Architekturstudent baute ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf Privatisierung, Streichung von staatlichen Zuwendungen, Aufhebung antiquierter Zollbeschränkungen, sowie Steuererlässe und andere Investmentanreize für kapitalkräftige ausländische Unternehmen. Die hohe Inflationsrate konnte zum Leidwesen der unterprivilegierten Bevölkerungsschichten bereits nach kurzer Zeit auf 25% gesenkt werden. Eine milliardenschwere Staatsverschuldung galoppierte jedoch weiter voran. Der Benzinpreis stieg über Nacht um ein vielfaches an, und die Transport- u. Lebenshaltungskosten schossen in die Höhe. Um die rigurose Haushaltsstraffung durchzuboxen, versuchte sich der reformkonservative Präsident über ein erstarrtes Parlament hinwegzusetzen, was wiederum heftigste Debatten unter den zutiefst verstrittenen Fraktionen, sowie Strassendemonstrationen und soziale Ausschreitungen zur Folge hatte.

Im Januar 1995 kam es nach einer 14-jährigen Feuerpause zu einem erneuten Grenzkonflikt mit Perú. Dies schien umso verwunderlicher, als dass die Präsidenten beider Länder noch ein Jahr zuvor ihre guten nachbarlichen Beziehungen in Bahía de Caráquez zum Ausdruck brachten, auf mediengerechte Einladung des ekuad. Würdenträgers hin. Wenig später erreichte Sixtos Popularität einen ersten Nullpunkt, während sein peruanischer Amtskollege Alberto Fujimori wegen anstehender Neuwahlen unter Druck stand. Das viermonatige, praktisch im beidseitigen Einvernehmen inszenierte Kriegsgeplänkel, rief zum einen nationalistische Euphoriewellen hervor, welche sowohl Sixto als auch Fujimori innenpolitisch zu nutzen wussten, und stellte andererseits die aufrüstungsfreudigen Militärs zufrieden. Der emotionsgeladene patriotische Joker (”ni un paso atrás!”) hatte jedoch zumindest für den plötzlichen “Superman Sixto” bald ausgespielt. Die Kosten der Mobilmachung und die unsicher gewordene Investitionslage schlugen wie eine Bombe ins angekurbelte Wirtschaftsgefüge ein. Nachdem der in einen Bestechungsskandal verwickelte Vizepräsident Alberto Dahik (“Nur eine schwere Operation kann den Patienten Ecuador jetzt noch retten!”) am Steuer seines Privatjets nach Costa Rica flüchtete, war die Staatskrise perfekt. Somit versickerte der verbleibende Rest von Sixtos hindernisreicher Amtszeit im parteipolitischen Sumpf der bevorstehenden Wahlschlacht und seiner üblichen Verleumdungskampanien.

Die Präsidentschaftswahlen von 1996 gewann der zungenfertige Populist Abdalá Bucaram Ortíz, Chef der konfliktreichen Partido Roldosista Ecuatoriano (“la fuerza de los pobres”). Abdalá, der schräge Emporkömmling einer libanesischen Einwandererfamilie in dritter Generation, ehemals Polizeichef und skandalträchtiger Bürgermeister von Guayaquil (wo er u. a. Miniröcke verbieten liess), hatte seinen Triumph zum einen dem Umstand zu verdanken, dass die Armen des Landes auf ihn setzten, und andererseits eine orientierungslose Mittelschicht der etablierten politischen Führung eine Ohrfeige erteilen wollte. Darüberhinaus spielte Bucarams unvergleichliches Showtalent beim Stimmenfang eine mitentscheidende Rolle. Auf seinen folkloristischen Wahlkampfveranstaltungen verstand er es geschickt seinen aussichtsreichsten Kontrahenten auf sarkastisch-humorvolle Weise zu verunglimpfen. “Wisst Ihr was ein Filet Migñon ist?” kreischte er hysterisch der Menge entgegen. Von dieser den einfachen Ekuadorianern unbekannten Speise ernähre sich in erster Linie ein von dunklen Mächten gesteuerter Jaime Nebot. Dieser wisse nicht einmal was ein Pfund Reis überhaupt kostet, wobei sich der grossgewachsene Jeansträger mit dem Hitlerbärtchen unter Zuhilfenahme seines Hosengürtels zum “gnadenlosen Auspeitscher der Obligarchie” deklariert, wie wild auf das Mikrofon einschlägt, und der verzückten Anhängerschar ein paar swingende Tanz- u. Gesangseinlagen darbringt.

Seinen Vorgänger Sixto nannte er einen “ehrenwerten Greis, der sich morgens leider nicht mehr erinnern kann wo er die Schuhe am Abend zuvor gelassen hatte”, den amtierenden Bürgermeister von Guayaquil bezeichnete er als “alten Kiffer”, und den Ex-Präsidenten Rodrigo Borja als “wahrhaftigen Esel” (auch wenn er diese Tiere damit keinesfalls beleidigen wolle). Den Militärs warf er schlichtweg vor, sich die Hälfte des Staatshaushaltes einzustreichen, und dies lediglich um am Unabhängigkeitstag bunte Paraden abzuhalten. Schweissüberströmt schoss Bucaram in alle Richtungen und hatte keinerlei Angst vor politischen Feinden, denn schliesslich stand ja das Volk hinter ihm. Ein Volk, dass sich ebenso von Kochbananen und Schweinekutteln ernähre wie er selbst. Diesem versprach er gerade so nebenbei mal 500.000 Arbeitsplätze und jedem ein festes Dach überm Kopf. Woraufhin er sich eine Flasche Mineralwasser über das lichte Haupt leert, einen dreckigen Witz über die pummeligen Beine seiner zukünftigen Vizepräsidentin Rosalía Arteaga reisst, und die staatliche Agrarbank dazu auffordert ihre hohen Zinssätze zu senken, “weil ich sonst nämlich selbst in den Tresorraum einsteige und Euch den Schotter da raushole, dafür nennt man mich schliesslich den Spinner!” Tosender Beifall unterbricht den feurigen Wortschwall des loco für Minuten, bevor dieser wieder in seinen schwarzen Mercedes steigt und mit nahezu 150 Stundenkilometern zur nächsten Veranstaltung rast, die hupende Begleitkarawane weit hinter sich in einer Staubwolke zurücklassend.

Schon zu Jugendzeiten war der einstige Leichtathlet und graduierte Anwalt aus Guayaquil stets der Schnellste gewesen.

Noch heute hält er mit 10,5 Sek. den ekuadorianischen Jugendrekord im 100m Sprint. Dreimal hintereinander stürmte er auf das Präsidentenamt zu. Im Jahre 1988 verlor er nur ganz knapp die Stichwahl gegen Rodrigo Borja. Genau vier Jahre später, noch am Abend der erneuten Wahlschlappe, tauchte er plötzlich mit einem buntbedruckten T-Shirt am Bildschirm auf. Darauf stand zu lesen: Abdalá Presidente 1996!

Einmal an der Macht, hatte der “Spinner” stets Wichtigeres zu tun als regieren. Das überliess er lieber seinen Brüdern, Vettern und Schwägern im Kabinett. Diese bedachte er mit lukrativen und einflussreichen Posten. Die fotogene Freundin seines ältesten Sohnes, dem “fetten Jakob”, machte er zur Tourismus-Ministerin. Sein bei der Zollbehörde beschäftigter Sohn geriet in die Schlagzeilen, weil er in der knapp sechsmonatigen Amtszeit seines Vaters eine Million Dollar beiseite geschafft haben soll. Jacobito feierte seine “erste” Million hingegen mit einem rauschenden Fest. Derweil debüttierte der krächzende Patriarch Abdalá in der Schlagerbranche, um sich so den Traum zu erfüllen, einmal in die Rolle eines Julio Iglesias zu schlüpfen (der CD-Titel lautete “el loco que ama”). Er liess sich vor laufenden Kameras sein Schnurrbärtchen abrasieren und meistbietend versteigern, verschenkte grosszügig sein monatliches Präsidentengehalt an wahllos ausgesuchte Strassenbettler, sass über beide Ohren grinsend am Steuer eines Jagdbombers, oder traf sich mit Lorena Bobitt, jener Ekuadorianerin, die einst die Geschlechtsteile ihres nordamerikanischen Ehemannes mit der Schere bearbeitet hatte. Neben den lockeren Staatsgeschäften übernahm er noch die Präsidentschaft des renommierten Fussballklubs Barcelona de Guayaquil. Für ein Freundschaftsspiel kaufte er Argentiniens Kicker-Star Diego Maradona ein, für 100.000 Dollar wie es hiess. Doch dann sickerte durch, Abdalá habe Maradona in Wirklichkeit das Zehnfache geboten, und die strengen Einwanderungsbehörden hielten dagegen, ein Drogensüchtiger dürfe dem Gesetz nach nicht einreisen. So ging zumindest dieser Propaganda-Schuss nach hinten los.

Bereits wenige Wochen nach Amtsantritt wurde klar, dass der Populist nicht die geringsten Fähigkeiten zum Regieren besass. Seine Versprechungen gegenüber den Armen hatte er zudem schnell vergessen. Mit Hilfe des ehemligen argentinischen Wirtschaftsministers Domingo Cavallo arbeitete er ein drastisches Sparprogramm aus, dass seine Wähler aufs Bitterste enttäuschte. Er strich die Subventionen für öffentliche Dienstleistungen, woraufhin sich die Gas- u. Strompreise um über 300% erhöhten. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Das Parlament bescheinigte ihm “geistige Umnachtung”, und ernannte kurzerhand den Kongresspräsidenten Fabián Alarcón zum neuen Staatsoberhaupt (Presidente Interino bis August 1998). Abdalá weigerte sich jedoch die Entscheidung der Legislative anzuerkennen, nannte die Abgeordneten “maricones” (Schwule), und verschanzte sich im Präsidentenpalast, welchen er noch Tage zuvor recht ungern betrat - aus Angst vor Gespenstern! Als der Machtgeblendete schliesslich einsah, dass ihm das Ruder aus der Hand zu gleiten drohte, legte er geschwind den Rückwärtsgang ein. Zunächst erklärte er, sogar für den Streik zu sein, weil er aus Sicht der Armen durchaus berechtigt sei. Dann nahm er alle seine wirtschaftlichen Shock-Massnahmen zurück und erhöhte gleichzeitig den Mindestlohn.

Doch der Volkszorn war entfesselt, es gab kein Halten mehr. Tausende von Quiteños belagerten am 5. Februar 1997 den palacio in der Altstadt und forderten: “Bucaram fuera!” Sämtliche Parteien sprangen auf den Protestzug auf, währenddessen Abdalá die Militärs dazu bewegen wollte ihn im Amt zu bestätigen. Doch diese schienen die demokratischen Spielregeln inzwischen besser gelernt zu haben als der “verliebte Spinner”. Sie erteilten ihm eine strikte Absage. “Ich gehe als Präsident der Republik, aber ich komme nächste Woche gegen Dienstag oder Mittwoch wieder zurück”, lautete das letzte offizielle Statement des bucaramato, bevor die “nationale Peinlichkeit” zusammen mit seiner vielköpfigen Schmarotzerfamilie nach Panamá ins Exil verschwand. Nicht ohne vorher noch rasch 80 Millionen Cash-Dollar in Getreidesäcken aus dem Land zu schaffen.

von Volker Feser, Reisebuchautor

Lesen sie mehr dazu im Reiseführer Ecuador von Volker Feser

 
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